Zehn Fragen an: Rauno Aaltonen, Ren-Experte

Zehn Fragen an: Rauno Aaltonen, Ren-Experte

Zu Weihnachten drängt sich die Frage praktisch auf: Sind Rentiere die besseren Autos? Wir haben mit dem finnischen Rallye-Ass und Rentier-Connaisseur Rauno Aaltonen über die jüngsten Entwicklungen aus dem Ren-Sport gesprochen.

Rauno, vor 14 Jahren haben uns die Nordländer mit dem Elchtest überrascht. Jetzt hört man, dass ihr von Elch auf Rentiere umgesattelt seid. Gibt es neue Erkenntnisse aus der Ren-Technologie??

Ich weiß nicht genau, ob es da schon gesetzliche Regelungen gibt. Ich kann nur sagen, dass das neue System mit der hohen Motorhaube nur ein Anfang war. Denn durch den Fußgängerschutz können wir auch die Rentiere ein bisschen schonen. Es wird behauptet, dass die Rentiere wegen der Haubenhöhe nach dem Kontakt mit dem Auto jetzt besseren Sichtkontakt mit dem Autofahrer haben, kurz stehen bleiben und dann einfach weiter laufen. Und man hat eine größere Fläche, mit der man das Ren trifft. Das nimmt den Druck vom Rentier, weil der sich auf mehr Quadratzentimeter verteilt.

Die Rentiere werden ja nicht nur abgeräumt, sondern auch zum Transport benutzt. Die Zeitschrift "Reindeer Driver" hat unlängst in einem Artikel festgestellt, dass die Fahrdynamik der Rentiere wesentlich besser ist, als bei konventionellen Autos?

Da muss ich etwas weiter ausholen. Punkt eins ist ja, dass ein Auto mit Benzin oder Diesel funktioniert. Und ein Rentier mit nachhaltiger Verbrennung. Beim Auto braucht man elektronische Sensoren. Dann wird ein Computer den Input der Sensoren bearbeiten. Danach braucht man einen guten Ingenieur, der diese Parameter in Rentiermeter umrechnet. Wenn die Sensoren dann feststellen, dass zum Beispiel rechts ein Rentier naht, muss der Computer die Annährungsgeschwindigkeit einschätzen. Wenn man dann merkt, dass es besser wäre, statt nach links nach rechts auszuweichen, wird automatisch gebremst, dann geblinkt, und final gehupt. Das ist allerdings noch nicht bis zu Ende entwickelt. Sicher ist nur, dass man rechts in den Schnee rein fährt und stecken bleibt. In der Zeit kann das Rentier ganz entspannt abhauen.

Man könnte die Rentiere also eigentlich im fließenden Verkehr einsetzen, um Kollisionen zu vermeiden, oder?

Eigentlich schon. Natürlich müssten sie dazu in die richtige Richtung laufen. Und sie müssten auch straßenrein sein, also nicht diese Haufen...

Klar. Obschon, das kann man ja auch als nachhaltiges Streugut verwenden. Dazu müsste man sie aber wahrscheinlich auf anderes Futter umstellen, wie die finnischen Autofahrer auch. Ich denke an Bier, Wein, Wodka.

Man hat dazu noch keine Studien, die aussagekräftig wären. Man hat aber schon bei ersten Versuchen festgestellt, dass die teilnehmenden Autofahrer einen größeren Verbrauch haben als die Rentiere. Das liegt daran, dass im Norden Skandinaviens die Sonne ziemlich früh und lange unter geht. Und es heißt ja in einigen westlichen Kulturen, dass man nach Sonnenuntergang trinken darf. Und weil bei uns in Finnland die Sonne teilweise schon um zwei Uhr nachmittags untergeht, kann man schon ziemlich lange und viel trinken. Da wären die Deutschen mit ‚Kein Bier vor vier’ schon stark hinterher.

Zehn Fragen an: Rauno Aaltonen, Ren-Experte

Und wenn man es bei den Rentieren mit Elektromobilität versuchen würde? Die Tiere würden einen Akku bekommen und die Steckkontakte vorne an der Nase sind ja serienmäßig eingebaut.

Soweit ich das sehe, ja. Und es müsste mit der heutigen Technologie eigentlich auch möglich sein. Mehr noch, man könnte dem Rentier über den Akku Impulse geben, die ihm sagen, in welche Richtung es ausweichen soll. Aber da kommt man schnell in den Bereich politischer Turbulenzen. Denn einige Finnen meinen, man sollte nach links, also in Richtung Rot, andere wollen in Richtung rechts, also Grün oder Blau. Das dürfte Probleme geben.

Technisch wären Rentiere dann eigentlich sicher, aber aus politischen Gründen kämen sie nicht zum Einsatz?

Das weiß man noch nicht genau. Die Parteien diskutieren das noch, auch überparteilich. Es geht, so wie ich das einschätze, im Grunde nicht um die politisch korrekte Richtung, sondern darum, wo finde ich neue Freunde.

Sind Rentiere treue Freunde?

Ja natürlich. Sie sind ehrlich, sie sind nicht zu groß und sie wirken eigentlich immer nur als große Masse. Und eine große Masse ist immer leichter zu dirigieren als ein Einzelner.

Und sie passen in jede Garage?

Aber nur in Notfällen. Eigentlich gibt es keine Ren-Garage, sondern ein Leinensystem, mit dem sie an die Haustür gebunden werden. Das funktioniert auch sehr gut als Alarmsystem. Wenn unerwünschte Menschen, Wölfe oder Bären kommen, gibt es eine gewisse Meldung. Auch ohne Strom. Es gibt aber, wie im normalen Alltag auch, ganz andere Herausforderungen und Probleme. Die Tierschützer in ihren schicken Brüsseler Büros würden nicht mehr ruhig schlafen können, wenn sie hören, dass die finnischen Renntiere angebunden werden und nicht völlig frei schlafen können.

Stimmt, die Tiere könnten traumatisiert werden.

Wahrscheinlich werden die allmächtigen EU-Behörden außerdem noch vorschreiben, dass die Elektro-Rentiere mit orangeroter Signalfarbe gestrichen werden müssen und ein EU-zertifiziertes Logo auf dem Po tragen, das sie als nachhaltig ausweist. Dadurch würde die Winterlandschaft farbiger sein und das Fehlen der monotonen Schwarzweiß-Stimmung könnte die Finnen aus ihrer Schwermut befreien. Andererseits würde der Alkoholverbrauch dadurch vielleicht merklich sinken. Das wiederum passt den EU-Behörden gar nicht, weil dadurch die Steuereinnahmen sinken würden.

Wie wäre es dann mit Grün metallic?

Also, ich vermute, dass die Tiere schwarz gestrichen werden müssen. Aber das wird wohl auch nicht erlaubt sein, wegen Rassismus!

Interview: Jo Clahsen
Fotos: Uwe Fischer