Uhrentrends 2012: Keine Krise in Sicht

Uhrentrends 2012: Keine Krise in Sicht

Krise im Anmarsch? Von wegen! Zumindest in der Luxusuhrenbranche ist von schwächelnden Märkten nichts zu spüren. Nach Abschluss des Genfer Uhrensalons – oder richtiger, der SIHH 2012 – dominierten strahlende Gesichter bei den verantwortlichen Uhrenmanagern. Vergessen ist das Krisenjahr 2009, in dem die gesamte Branche harte Einbußen verkraften musste. Soweit sich absehen lässt, wird 2011 als das bis dato erfolgreichste Uhrenjahr aller Zeiten in die Geschichte eingehen.

Eine ganze Branche boomt! Die Nachfrage ist soweit gestiegen, dass Lieferengpässe an der Tagesordnung sind. Insbesondere mechanische Uhrwerke, und nur die bestimmen das luxuriöse Zeit-Geschehen, fehlen an allen Ecken und Enden. Die meisten davon nehmen – wie könnte es anders sein – ihren Weg nach China. Wertmäßig verzeichnete China ein sagenhaftes Wachstum von 51,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Kein Wunder also, dass die Volksrepublik sich zum wichtigsten Markt für Luxusuhren gemausert hat. In diesem Sinne entsteht manch Neues logischerweise primär für den ostasiatischen Raum. Dort werden Zwei- oder Dreizeigeruhren von nicht zu üppiger Größe sehr gerne gesehen. Freilich darf die Branche bei aller Euphorie nicht vergessen, dass viele Chinesen speziell das schätzen, was in Europa gefragt und in den dortigen Schaufenstern zu sehen ist.

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Der gewaltige Uhrenboom hat natürlich seinen Preis – und den zahlen Kunden in Form teils aberwitziger Summen. Eine tonneauförmige Platin-Armbanduhr mit Handaufzugswerk und zwei Zeigern für mehr als 40.000 Euro lässt erst einmal schlucken. Aber es ist davon auszugehen, dass Charly Torres, der CEO von Vacheron Constantin, die Potenziale seiner Marke richtig einzuschätzen weiß. Das Gleiche gilt für Richard Mille, dem der Erfolg mehr als nur einmal Recht gegeben hat. Gerade einmal fünf Exemplare fertigte er von der RM 056 „Felipe Massa Sapphire“. Bislang einmalig ist die völlig transparente Saphirglasschale. Sie zeigt das Uhrwerk mit Schleppzeiger-Chronograph, zugeliefert von der Audemars-Piguet-Tochter Renaud & Papi, uneingeschränkt von allen Seiten. Aufgerufen waren 1,5 Millionen Schweizer Franken pro Stück. Wer jetzt zum Hörer greift, um eines dieser gläsernen Kunswerke zu ordern, hat Pech, denn die nur fünf Exemplare waren innerhalb kürzester Zeit vergriffen. Vermögenden Enthusiasten ist ein derart verrückter und rarer Zeit-Bolide am Handgelenk nahezu jeden Preis wert. Richard Mille wäre dumm, würde er den Spielraum nicht ausschöpfen. Freuen kann sich auch Audemars Piguet. Der fast schon legendäre Leader Royal Oak feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag. Ganz nebenbei hat er die nicht minder sagenhafte Reverso vom Thron des gesuchtesten Haute Horlogerie-Zeitmessers gestoßen. Das Jubiläum ist willkommener Anlass für eine limitierte Edition von 40 Platin-Modellen mit dem 3,05 mm hohen Rotorkaliber 5122 in handskelettierter Ausführung. Das Uhrwerk mit Fensterdatum erinnert an das ultraflache 2121, welches bereits die erste Royal Oak beseelte.

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Grund zur Traurigkeit gibt es für Jaeger-LeCoultre ob des verloren Thronplatzes dennoch nicht. Die traditionsreiche Manufaktur aus dem Vallée de Joux hat nämlich still und leise den ersten Rang auf dem Gebiet des Armband-Tourbillons erobert. Kein anderer Hersteller kann ein derart breites Spektrum an Drehganguhren vorweisen, angefangen beim klassischen bis hin zum sphärischen Modell. Neuestes Familienmitglied ist die Duomètre à Sphérotourbillon, basierend auf dem so genannten Dual-Wing-Konzept. Die danach konzipierten Uhrwerke besitzen zwei unterschiedliche, vollständig voneinander unabhängige Mechanismen mit jeweils eigenen Energiequellen, sprich Federhäusern. Einer für die Zeitanzeige, der andere für zusätzliche Funktionen. In diesem Fall lässt sich der Sekundenzeiger anhalten und zum präzisen Einstellen der Uhrzeit auf Null rückzustellen. Die Uhr läuft währenddessen unverdrossen weiter. Bekanntlich vermag das ursprünglich für Taschenuhren konzipierte Tourbillon die negativen Einflüsse der Erdanziehungskraft nur in senkrechter Position zu kompensieren. Jaeger-LeCoultre hat eine zusätzliche Rotationsachse geschaffen, welche eine dreidimensionale Drehbewegung und damit den Ausgleich in allen Lagen einer Armbanduhr gestattet. Über die Rotation um die Achse des filigranen Titankäfigs hinaus bewegt sich das Tourbillon um eine zweite Achse. Selbige besitzt eine Neigung von 20 Grad. Die Kombination zweier Umlaufgeschwindigkeiten (30 und 15 Sekunden) tut ein Übriges. Zu den Delikatessen des Manufakturkalibers 382 gehört auch eine zylindrisch geformte Unruhspirale.

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Ein Tourbillon ist gut, deren vier sind aber besser. Das jedenfalls ist die Auffassung von Robert Greubel und Stephen Forsey. Zum Beweis offerieren sie das Quadruple Tourbillon Secret in einer Auflage von je acht Exemplaren in Rotgold oder Platin. Das Ballett der beiden Doppeltourbillons geht äußerst diskret auf der Rückseite über die Bühne, geschützt durch einen Saphirglasboden. Ein ausgeklügeltes Differenzialgetriebe verbindet die tanzenden Duos. Es sorgt dafür, dass die vorderen Zeiger nur den viel präziseren Durchschnittswert der beiden Regulierorgane abbilden. Der komplexe Mechanismus besteht aus 519 Komponenten, von denen 261 allein auf die vier Tourbillons entfallen. 125 Jahre nach seiner Geburt wurde das Genfer Qualitätssiegel für mechanische Uhren gründlich reformiert. Künftig umfassen die Kontrollen die komplette Uhr einschließlich ihrer Gangleistungen. Bei Vacheron Constantin genügt das neue Patrimony Traditionnelle Tourbillon 14 Jours erstmals den deutlich verschärften Kriterien. Für zwei Wochen Gangautonomie braucht es insgesamt vier Federhäuser. Die darin aufgewundenen Zugfedern messen zusammen 2,20 Meter. Die Unruh im konventionellen, vorne sichtbaren Drehgestell oszilliert mit gemächlichen 2,5 Hertz. Dem Genfer Siegel ist auch Roger Dubuis, die 1995 gegründete Uhrenmanufaktur, seit Anbeginn verbunden. Eine Hommage an das bemerkenswerte Jubiläum verkörpert die markante, 45 mm große Excalibur mit fliegendem Tourbillon, Eindrücker-Chronograph, vorderseitig sichtbarem Platin-Mikrorotor sowie Gangreserveindikation. Und zwar in limitierter Edition von nur acht Exemplaren. Das punzierte Manufaktur-Innenleben mit heißt RD580.

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Apropos Tourbillon: Nach einer krisenbedingten Schwächephase erfreut sich jene uhrmacherische Komplikation, die am Handgelenk in punkto Ganggenauigkeit kaum punkten kann, wieder bester Gesundheit. Aber immerhin bewegt sich was im großen Zifferblattausschnitt. Und das ist vielen Mechanikfreaks einiges wert. Zahlungskräftige Zeitgenossen mit ausgeprägtem Hang zum Understatement müssen freilich nicht darben. A. Lange & Söhne tat 2011 erstmals das, was beim Wettbewerber Patek Philippe seit Jahren gang und gäbe ist: Das Tourbillon dreht seine Pirouetten diskret auf der Rückseite. Ganz nebenbei bietet das Verstecken auch noch technische Vorteile. Nach Erkenntnis der Glashütter Uhrmacher schadet UV-Licht dem unverzichtbaren Öl. Bei genauerer Betrachtung verbannte die sächsische Nobelmanufaktur das Drehgestell aber aus ganz anderen Gründen auf die Rückseite: Die Sachsen brauchten den Platz am Zifferblatt für eine weitere Komplikation, welche die neue Lange 1 Tourbillon Perpetual Calendar auszeichnet – ein ewiges Kalendarium, das bis 2100 keiner manuellen Korrektur bedarf. Der Clou dabei: Alle kalendarischen Indikationen springen pünktlich um Mitternacht, was den uhrmacherischen Aufwand beträchtlich erhöht. Die erforderliche Kraft muss im Laufe des Tages kontinuierlich eingesammelt und bei Bedarf geballt freigegeben werden. Zum sekundengenauen Einstellen der Uhrzeit haben die Glashütter Uhrmacher einen Unruhstopp speziell für Tourbillons erfunden. Zu den mit Anstand komplexen, gleichzeitig aber auch diskretesten Zusatzfunktionen gehört definitiv die Minutenrepetition. Erfunden, als es noch kein elektrisches Licht gab, stellt sie die Uhrzeit wenn gewünscht minutengenau akustisch dar. Zu diesem Zweck schlagen kleine Hämmer die Zahl der Stunden, Viertelstunden und Minuten auf stählerne Tonfedern, welche sich um das Uhrwerk winden. Das tun sie auch beim schlichten Modell 1966 von Girard-Perregaux. Als Ausdruck nostalgiebetonter Exklusivität stattet das Unternehmen im Eigentum der französischen PPR-Gruppe seinen roségoldenen Newcomer mit einen echten Emailzifferblatt aus.

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Extrem innovativ und optisch deutlich spektakulärer geht es bei Montblanc zur Sache. Der TimeWriter II Chronographe Bi-Fréquence 1.000 stoppt auf die Tausendstelsekunde genau. Zu diesem Zweck birgt das 47-Millimeter-Gehäuse zwei völlig separate Uhrwerke. Beim konventionellen zur Zeitanzeige oszilliert die große Unruh mit 2,5 Hertz. Ganz anders der Tempo-Teil des Ganzen. Nach Betätigung des Drückers zwischen den oberen Bandanstößen umrundet ein zentraler Zeiger das Zifferblatt in einer Sekunde. Die ihm zugeordnete Skala ist in 100 Teile graduiert. Bei der „6“ erfasst ein weiterer Zeiger jeden seiner Umläufe. Und dann gibt es noch einen Totalisator für die Minuten. Spannend wird es nach dem Stoppen. Und zwar im Fenster mit segmentförmiger Skala unterhalb der „12“. Links zeigt sich eine kleine weiße Pfeilspitze, welche die Zahl der Tausendstelsekunden nach dem Anhalten darstellt. Der Rest ist reine Addition. Näheres mag Montblanc wegen der noch laufenden Patentierung nicht preisgeben.

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Wer keine 230.000 Euro für solch einen Tempo-Stopper ausgeben will, kann Zeitintervalle auch deutlich günstiger erfassen. Baume & Mercier bietet seinen Capeland-Chronographen mit 42-mm-Stahlgehäuse für 3.400 Euro an. Dafür gibt es Eta-basierte Mechanik à la Valjoux 7750 von La Joux-Perret, Mineralglasboden, nostalgiebetonte Zifferblätter und -ohne Aufpreis- statt des Kroko- auch ein stählernes Gliederband. Ewige Schönheit verspricht Ralph Lauren. Sein tiefschwarzer Sporting-Chronograph verfügt über eine kratzfestes Keramikschale, in der das Automatikkaliber 750 von Jaeger-LeCoultre tickt. Die Liebe des Modedesigners für exklusive Automobile jüngeren oder höheren Alters äußert sich in farblichen Akzenten beim Gliederband. Die Mittelreihe gibt es in strahlendem Gelb oder Rot. Panerai, die italienische Traditionsmarke, mag es ebenfalls hart und schwarz. Das belegt die neue, 44 Millimeter große Luminor 1950 Tuttonero. Der Keramik-Bolide zeigt allem, was Kratzer machen möchte, die kalte Schulter. Diese Feststellung gilt auch für das Armband. Eta-Uhrwerke gehören bei Panerai zunehmend der Vergangenheit an. Die Zukunft heißt eigene Manufaktur. In diesem Fall verbaut das Unternehmen das eigene Automatikkaliber P.9001/B mit drei Tagen Gangautonomie und Indikation einer zweiten Zonenzeit.

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Piaget, seit Jahrzehnten waschechte Uhrenmanufaktur mit Ateliers in Genf und im schweizerischen Jura, ist stolz auf seine lange Tradition ultraflacher Uhrwerke. Das gilt auch für die hauseigenen Automatik-Chronographen. Im roségoldenen Gouverneur, der eine ausdrucksstarke formale Synthese aus Rund und Oval pflegt, kommt das nur 5,6 mm hohe Piaget 882P mit Rotoraufzug, Schaltradsteuerung, 30-Minuten-Totalisator, Temposchaltung (Flyback) und zweiter Zonenzeit zum Einsatz. Eigene Manufaktur wird auch bei der Schaffhauser IWC zunehmend groß geschrieben. Damit verknüpft sich, wie CEO Georges Kern ausdrücklich betont, natürlich höhere Durchschnittspreise. Die neue Philosophie äußert sich unter anderem in der markanten Top Gun-Linie. Spitzenmodell ist die Große Fliegeruhr Perpetual Calendar. Das große Rotorkaliber 51614 verfügt über 168 Stunden Gangautonomie. Zu den optischen Besonderheiten gehört die außergewöhnliche Mondphasenanzeige, welche den bleichen Erdtrabanten über der nördlichen und südliche Hemisphäre darstellt. Das immerwährende Kalendarium besticht durch die Darstellung des aktuellen Jahres. Bis 2100 braucht es, sofern regelmäßig angetrieben, keine manuelle Nachhilfe. Eine solche benötigt der „Tonda Jahreskalender“ jeweils am 28. Februar. Die von Michel Parmigiani so genannte „kleine Komplikation“ mit retrogradem Datumszeiger verkörpert die 17. Eigenentwicklung der relativ jungen Uhrenmanufaktur. Das Automatikkaliber PF 339 basiert auf dem bewährten PF 331. Das Kalender-Schaltwerk findet sich unter dem Zifferblatt. Keineswegs selbstverständlich ist die präzise Mondphasenanzeige. Sie kommt dem astronomischen Zyklus von 29 Tagen, 12 Stunden, 44 Minuten und 2,8 Sekunden ausgesprochen nahe. Erst nach 120 Jahren weicht sie einen Tag von der astronomischen Norm ab.

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Bleibt last but not least Cartier. Die Franzosen produzieren ihre Uhren in La Chaux-de-Fonds. Viel zu verdanken haben sie Louis Cartier, einem begnadeten Produktgestalter. Seiner Kreativität entstammt die nachgerade legendäre „Tank“. Das streng rechteckige Modell debütierte 1918. „Launching Carrier“ war General Pershing, der diese Armbanduhr zum Dank für sein Wirken in Frankreich erhielt. Erst 1919 kam die Allgemeinheit in den Genuss dieses ikonographischen Zeitmessers. Seit geniales Design hat die folgenden Jahrzehnte unbeschadet überlebt. Aber heutzutage liebt Mann es größer. Deshalb hat Cartier pünktlich zum Genfer SIHH die ultraflache Version „Tank XL“ mit Roségold-Gehäuse aus der Taufe gehoben. Das mechanische Innenleben verlangt zwecks manueller Energiezufuhr nach täglicher Kontaktaufnahme. Die freilich bringt mehr Lust als Last, denn der Handaufzug des von Piaget zugelieferten Kalibers 430 MC vollzieht sich butterweich. Und das kann ebenso süchtig machen wie die Leidenschaft für mechanische Armbanduhren ganz generell. In Genf zeigte sich, dass die Zeit niemals stehen bleibt. Und Anfang März dürfte sich der Trend im Rahmen der Baselworld bestätigen. Vorausgesetzt, der Menschheit bleibt das da und dort avisierte Krisenszenario erspart.

Text: Gisbert L. Brunner
Foto: Hersteller