The Tweed Run 2011: Revolte mit Stil

Seit 2009 treffen sich jedes Jahr in London Classic Cyclists in passender Tweed-Uniformierung zum legendären Tweed Run. Dabei steht die gemeinsame Ausfahrt mit Stil im Vordergrund. Doch der Run hat auch ein politisches Motiv.

An diesem sonnigen Samstagmorgen im April spielen sich ungewöhnliche Szenen am Fuße der ehrwürdigen Kathedrale von St. Paul in London ab. Am Brunnen auf dem Paternoster Square trudeln aus allen Richtungen in feinstem Tweed gekleidete Damen und Herren auf historischen oder zumindest auf alt getrimmten Fahrrädern ein. Sie alle stehen Schlange zur Registrierung des 3. Tweed Runs.

Bereits 2009 hatte der Londoner Ted Young-Ing die Idee, eine aus Birmingham stammende Tradition wiederaufleben zu lassen. Mit Gleichgesinnten traf man sich in historischer Kleidung zu einer stilvollen Ausfahrt. Was als fixe Idee unter Freunden begann, sollte sich als eine Erfolgsgeschichte entpuppen. Gingen noch im ersten Jahr 250 Fahrrad-Flaneure an den Start, sollten es 2010 über 500 Teilnehmer werden. Innerhalb von nur fünf Minuten waren die Startplätze zum diesjährigen Run vergeben. „Für mich ist es einfach fantastisch zu sehen, wie viele Gleichgesinnte sich in diesem Jahr hier zusammengefunden haben“, freut sich Tweed-Run-Vater Young-Ing, der hauptberuflich als Art Director beim Sattel- und Fahrradhersteller Brooks arbeitet.

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Nach einem Gruppenfoto vor dem Portal von St. Pauls fällt pünktlich um 11:45 Uhr der Startschuss zum Tweed Run. Etwas schleppend bewegt sich das elegante Starterfeld mit lautem Fahrradklingelgeläut in Richtung der vierspurigen Blackfriars Bridge zum Überqueren der Themse. Mit angenehmer Geschwindigkeit fließen die historischen Gebäude der britischen Hauptstadt an einem vorbei. Friedlich, aber allein durch die gewaltige Anzahl an Rädern, erobert die Fahrrad-Bohème die Straßen Londons. Der Verkehr kommt fast überall vollständig zum Erliegen. Es ist aber den mutigen Freiwilligen – den sogenannten Marshals – zu verdanken, dass Zusammenstöße ausgeblieben sind. Mit freundlicher Bestimmtheit sperrten sie Kreuzungen und Einmündungen am Streckenverlauf.

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Als der Tweed-Tross Buckingham Palace passiert, lüften die Gentlemen ihre Hüte und Schiebermützen zum Gruß an die englische Königin. Gemächlich und kommunikativ gleitet das Starterfeld The Mall entlang. Ein sehr distinguierter Herr mit Backenbart, Schiebermütze und maßgeschneidertem Tweed-Anzug erzählt, dass er bereits seit dem ersten Tweed Run jedes Jahr mit dabei ist. Er ist der Vertreter des britischen Fahrradklubs – dem zweirädrigen Äquivalent zum Royal Automobile Club. „Wissen Sie“, sagt er, von seinem Hochrad herunter, „diese Veranstaltung ist eine kleine Revolution. Neben dem großen Spaß, wollen wir darauf aufmerksam machen, das Radfahren in unserem Land mehr gefördert und vor allem sicherer werden muss. Sie sehen es doch. Wir haben die Straßen der Hauptstadt mit einem Augenzwinkern übernommen.“ Wenn Revolten so viel Spaß machen, sollte man an jedem Wochenende revoltieren.

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Trotz des durch den Tweed Run verursachten Verkehrschaos auf Londons Straßen verhalten sich die motorisierten Verkehrsteilnehmer vorbildlich: Die gestoppten Automobilisten nehmen die Zwangspause mit einer stoischen Ruhe hin. In solch ungewöhnlichen Situationen erlebt man am eigenen Leib die viel zitierte Gelassenheit der Briten. Ein Teil der ansonsten durch London hastenden Passanten hingegen lassen sich zu Jubelrufen und La-Ola-Wellen hinreißen, während andere das „getweedete“ Radlervolk mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis betrachten.

Um 15:00 Uhr erreichen die Tweed-Revoluzzer den Park am Lincoln’s Inn Fields zur obligatorischen Teepause. Auch bei dieser Pause offenbaren sich dem geneigten Teutonen einige, nur vom Hörensagen bekannte Aspekte der britischen Einstellung zum Leben und dem Umgang miteinander. An der einzigen Ausgabe des Tees – der selbstverständlich nur in Tassen aus feinem Porzellan offeriert wird – reiht sich eine Schlange von 500 durstigen und nach Gurken-Sandwiches hungernden Radfahrern. Im Tweed sind alle gleich!

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Dieser freundschaftliche Umgang zeigte sich auch auf der letzten Etappe von der Teepause in Richtung Shoreditch: Einem Mitstreiter drohte aufgrund eines Plattfußes das vorzeitige Ende des Tweed Runs. Schnell waren findige Helfer zur Stelle um eine Weiterfahrt zu ermöglichen. Unter ihnen war auch der Schauspieler Ewan McGregor, der als ausgesprochener Fahrrad-Enthusiast gilt.

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Gegen 18:00 Uhr erreichte auch der letzte Teilnehmer den Zielpunkt, den Bethnal Green Working Men's Club. Wo sich einst hart arbeitende Männer nach getaner Arbeit zum Kartenspielen und Trinken trafen, besiedelten nun wohlfein gekleidete Damen und Herren die Bar, um sich selbst, aber auch ein besonderes Erlebnis zu feiern! Bleibt nur zu sagen „Tally Ho!“

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Aufgrund der großen Nachfrage haben sich die Veranstalter entschieden, im Herbst zu einem weiteren Tweed Run einzuladen. Auch Runs in Tokio und New York sind geplant. Weitere Informationen finden sich unter tweedrun.com

Text: J. Philip Rathgen
Fotos: Simon Amstrong