Spirit of Ecstasy Centenary Drive: Ein windiger Job

Seit exakt hundert Jahren reckt sich die „Spirit of Ecstasy" auf dem Kühlergrill von Rolls-Royce-Automobilen in den Fahrtwind. Zum Jubiläum veranstaltete die britische Nobelmarke jetzt einen Korso mit mehr als hundert Autos aller Rolls-Royce-Baureihen durch London. Ein erhabener Anblick, der vielleicht auch manchen Royalisten ins Grübeln brachte.

In Teilen der Windsor-Fangemeinde herrscht helle Aufregung. Und zwar darüber, dass bei der für den 29. April geplanten Hochzeit von Kate Middleton mit Prinz William Mountbatten-Windsor die Braut mit einem Auto zur Kirche gefahren werden soll. Einzig eine Kutsche sei für diese Fahrt angemessen, sagen viele Royalisten. Am vergangenen Sonntag hätten sie sich allerdings davon überzeugen können, dass es durchaus Automobile gibt, die dem feierlichen Anlass einer Prinzenhochzeit angemessen sind. Denn da rollten, mit leise raschelnden Motoren und erhabenen Karosserien, mehr als hundert Rolls-Royce-Modelle durch London, vorbei an der Westminster Cathedral und am Buckingham-Palast; Tausende Passanten bildeten ein spontanes Spalier, winkten, fotografierten und wunderten sich, woher plötzlich die vielen immensen Autos herkamen. Es herrschte durchaus königliche Stimmung.

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Grund für den „Spirit of Ecstasy Centenary Drive", an dem vor allem Mitglieder des britischen "Rolls-Royce Enthusiasts Club" teilnahmen, war das hundertste Jubiläum der Kühlerfigur „Spirit of Ecstasy" an diesem Tag. Die Lady im flatternden Kleid, gestaltet vom Künstler Charles Sykes, gilt inzwischen als DAS Emblem der Marke. Henry Royce wäre darüber wohl eher verwundert, denn er war stets der Meinung, eine Figur auf dem Kühler zerstöre die Ästhetik der ganzen Karosserielinie.

Für die Rolls-Royce-Fahrer, die in London dabei waren, übrigens meist in Begleitung ihrer Gattinnen, einige auch mit Kindern und Enkelkindern, manche mit wohlerzogenen Hunden, gehört die „Spirit of Ecstasy" fast schon zur Familie. Wer ein älteres Modell fährt, pflegt ganz automatisch ein enges Verhältnis zu der Figur, denn vor jeder Motorinspektion muss zuerst die leicht bekleidete Frau zur Seite gedreht werden, sonst lässt sich die Motorhaube gar nicht öffnen. Und wer den Wagen außerhalb des eigenen Anwesens parkt, schraubt die Skulptur besser ganz ab. Denn kaum ein anderes Markensignet dürfte bei Langfingern derart begehrt sein wie die immergrüne Hundertjährige. Deswegen gibt es in allen aktuellen Rolls-Royce-Modellen eine Taste, mit der ein kleiner Elektromotor aktiviert werden kann, der die Figur vorübergehend im Rahmen des Kühlergrills versenkt.

Spirit of Ecstasy Centenary Drive: Ein windiger Job Spirit of Ecstasy Centenary Drive: Ein windiger Job

Beim „Centenary Drive" war das natürlich nicht nötig. Im Gegenteil, die Schaulustigen sollten ja gerade der kleinen Skulptur zujubeln, die für das große Ganze von Rolls-Royce steht. „Die Autos sind technisch tadellos, ich würde meinen Wagen am liebsten jeden Tag fahren", sagt Anthony aus Winchester, der einen Phantom II von 1934 mit Reihensechszylindermotor und Doppelzündung besitzt. Er fährt mit geöffnetem Verdeck durch London, weshalb er bei einigen Ampelstopps Passanten zum Beispiel erklären muss, was es denn eigentlich auf sich hat mit der millionenschweren Autoschlange quer durch die City. Die Leute reagieren – wie sollte es auch anders sein, wenn die Spirit of Ecstasy im Spiel ist – verzückt.

Im Korso waren fast alle Evolutionsstufen der seit 1911 durchgehend verwendeten Kühlerfigur vertreten. Die großen Exemplare der frühen Jahre, die knieenden Modelle der dreißiger und vierziger Jahre; Standardmodelle aus Edelstahl, feinere aus Sterling-Silber und vergoldete. Es fehlten lediglich einige „Spirit of Ecstasy"-Skulpturen aus massivem Gold, die Rolls-Royce für Kunden im Mittleren Osten herstellte und einige aus dem glasartigen Material Lexan. Mit diesen Figuren, beleuchtet von LED, lässt zum Beispiel der US-Matratzen-Millionär Michael Fux seine Rolls-Royce-Modelle – das siebte wird gerade in Goodwood gebaut – bestücken. Den stilistischen Ausrutscher hat sich Rolls-Royce übrigens selbst zuzuschreiben. Denn die Studie 101 EX vom Genfer Autosalon 2006 trug eine „Spirit of Ecstasy" aus mattiertem Kristallglas. "Ab da kamen ständig Anfragen, ob es eine solche Figur nicht auch für die Serienmodelle gebe", berichtet ein Rolls-Royce-Sprecher. Aus Sicherheitsgründen wurde daraus jedoch nichts – bis Mister Fux auf die Idee mit dem transparenten Kunststoff Lexan samt LED-Beleuchtung kam. Jetzt strahlt die ehrwürdige Lady sogar von innen.

Text: Jürgen Pander
Fotos: Rolls-Royce



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