Schießen mit Tradition: Taking a Shooting Break

Kontinentaleuropäern fällt es oftmals schwer, die Begeisterung der Briten für ihre Traditionen zu teilen. Doch wer einmal die Gelegenheit hatte, in eine dieser Lebenswelten einzutauchen, wird verstehen, worauf diese Begeisterung fußt. Das Schießen mit Schrot auf kleine Scheiben aus Ton gehört ebenso zur britischen Lebensart, wie der Linksverkehr oder das Pfund Sterling. In keinem anderen Land der Welt wird diesem Freizeitvergnügen mit soviel Liebe zum Detail gefrönt, wie im Vereinigten Königreich.

Besonders deutlich wird diese Liebe beim Besuch einer der vielen, über das Land verteilten Schießschulen. Eine Institution unter ihnen ist die Royal Berkshire Shooting School, die etwa eine Autostunde von London entfernt inmitten grüner Felder der gleichnamigen Grafschaft liegt. Viele Gentlemen der Londoner Gesellschaft nutzen diese Nähe zur Hauptstadt, um sich nach getaner Arbeit für eine Jagdrunde auf die kleinen Scheiben aus Ton zu verabreden. Auf dem Parkplatz des „Shooting Clubs“ zeigt sich daher ein fast homogenes Bild, denn dort stehen vornehmlich neue Range-Rover-Modelle, jene luxuriösen Geländewagen aus dem Hause Land Rover, die für alle Aktivitäten auf dem Land einfach zum guten Ton gehören.

Die Royal Berkshire Shooting School ist eine kleine Welt für sich. Auf dem Gelände findet sich neben dem Clubhaus und dem Laden eines Waffenschmieds auch ein mobiler Autowaschservice, der sich während man eine „Runde“ auf dem Jagdparcours dreht, um die Reinigung des Range Rovers kümmert. Dylan Williams, Gründer und Chief-Instructor der Schule erklärt: „Diesen Service lieben vor allem die Herren, da sie ihren Frauen nur sagen, dass sie schnell den Wagen waschen gehen.“ Mit Siegelring, Wachsjacke und Gummistiefeln von Agile entspricht Mr. Williams exakt der Vorstellung eines britischen Aristokraten auf Jagdausflug.

Vor dem ersten Gang auf den Parcours de Chasse steht eine Einführung im Clubhaus zum richtigen Umgang mit der „Flinte“. Das wichtigste beim Schießen auf Tontauben sei es, sich Zeit zu lassen, so der erfahrene Schießlehrer. „Die meisten meiner Schüler schießen völlig übereilt und verfehlen oft das Ziel. Der Trick ist es, die rund 70 km/h schnelle Tontaube mit geöffneten Augen anzuvisieren, die Flugbahn stetig und ruhig zu verfolgen und dann im richtigen Moment: Schuss!“

Schießen mit Tradition: Taking a Shooting Break Schießen mit Tradition: Taking a Shooting Break

Wie schwer die Umsetzung dieses Ratschlages ist, zeigt sich beim anschließenden Gang auf den Jagdparcours. Gefühlt aus allen Richtungen fliegen einem die kleinen Tontäubchen um die Ohren, so dass es schwerfällt, den Flugbahnen zu folgen. Zusätzlich erschwert das vom Körper ausgeschüttete Adrenalin, die Arme möglichst ruhig zu halten. Die ersten Schüsse treffen nicht, Frustration kündigt sich an. Unglaublich befreiend dann das Gefühl nach dem ersten Treffer, als die Scheibe von der dunklen Wolke aus Schrot in viele Teile zerspringt. Erst jetzt erschließt sich, welche Faszination von dieser Tradition ausgeht.

„Neben der Schußtechnik spiele auch die Auswahl der richtigen Flinte eine wesentliche Rolle“, sagt Dylan nachdem er eine Serie von mehren Tauben fehlerfrei getroffen hatte. Wer etwas auf sich hält, der begibt sich in die South Audley Street in London und stattet James Purdey & Sons einen Besuch ab. Bei Purdey versteht man sich vortrefflich auf die Kunst des Büchsenbaus. Und betrachtet man die kunstvoll von Hand gravierten Flinten und Büchsen, versteht man, warum Kunden bis zu neun Monate auf ihr persönliches Gewehr warten müssen. „Eine Büchse von Purdey kann sehr schnell die 50.000-Pfund-Preisgrenze erreichen“, weiß Dylan Williams. Eine Waffe von Purdey ist allerdings auch ein wirkliches Erbstück und wird von einer Generation an die nächste weitergeben.

Nach einigen aufregenden Stunden an der frischen Luft zwischen umherfliegenden Tonscheiben und laut knallenden Schüssen leert sich der Parkplatz der königlichen Schießschule von Berkshire. Eine Kolonne von sauber-glänzenden Range Rovern begibt sich auf den Weg zurück nach London. Wer einen Tag wie diesen erlebt hat, dem fällt es nicht schwer zu verstehen, warum Briten ihre Tradition des Tontaubenschießens mit ausgesprochener Hingabe pflegen.

Text: J. Philip Rathgen
Fotos: Craig Pusey



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