Royal Enfield Bullet 500 Classic Chrome: Entspannte Evolution

Royal Enfield Bullet 500 Classic Chrome: Entspannte Evolution

Mit keiner modernen Maschine kommt man dem viel gepriesenen Motorrad-Fahrgefühl der 1950er Jahre so nahe wie auf dem Sattel einer Royal Enfield Bullet. Das könnte daran liegen, dass es sich bei den aktuellen Enfields nicht um Retro-Repliken, sondern behutsame Weiterentwicklungen der ersten Bullett von 1932 handelt.

Mit der Produktion von Motorrädern begann Royal Enfield bereits 1901. Im Jahr 1949 wurde in Madras ein zweites Werk errichtet, in dem die 350-Kubik-Maschine Bullet für die indische Armee hergestellt wurde. Als der britische Hauptsitz 1967 seine Tore schloss, blieb die Dependence in Indien bestehen und setzte die Produktion fort. Nach der Übernahme von Royal Enfield India im Jahr 1995 durch die in der indischen Autoindustrie äußerst umtriebige Eicher Group erhielt die Marke neuen finanziellen Schwung und konnte im Folgenden einen neuen 449-ccm-Einspritzmotor entwickeln, der auch modernen Emissionsbestimmungen genügte.

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Der neue Motor wurde 2009 vorgestellt – und da Bohrung und Hub dem klassischen, luftgekühlten Einzylinder-Motor entsprachen, blieb ihm glücklicherweise der für eine British Single charakteristisch Sound, das archetypische „Duff-Duff-Duff“, erhalten. Eine Keihin-Benzineinspritzung, hydraulische Schubstangen und ein neuer Katalysator zeichneten das Triebwerk jedoch als Produkt des 21. Jahrhunderts aus. Weitere Zugeständnisse an den Fortschritt sind die vorderen Scheibenbremsen, ein Startknopf, eine moderne und gute Verarbeitsungsqualität sowie das Ausbleiben von Ölflecken unter der Maschine.

Bis Ende 2011 sollen bei Enfield India stolze 70.000 Maschinen vom Band gelaufen sein, in England (wo dieser Test stattgefunden hat, Anm. d. Red.) werden rund zehn verschiedene Modelle angeboten – alle mit dem selben Motor und Rahmen, wohlgemerkt. Das schönste Exemplar ist wohl die Bullett Classic Chrome mit ihren polierten Chromelementen, den goldenen Pinstripes und einem Motorsound, der sich anhört, als hätte man einen Rock-Verstärker in einer überdimensionalen Puddingcrème versenkt.

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Wer mit der Enfield vorfährt, dem ist die Aufmerksamkeit sicher – und dennoch muss man sich umstellen, denn die Performance ist mit kaum einem Motorrad der letzten vier oder fünf Jahrzehnte zu vergleichen. Mit nur 28 PS hat die Bullet wenig Ähnlichkeit mit der namensgebenden Gewehrkugel. Dennoch ist sie in der Stadt alles andere als lahm, und auch auf kurvigen Landstraßen kann man sehr viel Spass haben. Eine gute Federung, die leichtgängige Lenkung, das ausgewogene Chassis und zwei griffige Avon-Reifen sorgen dafür, dass man nicht nur komfortabel geradeaus, sondern auch recht zügig durch jede Kurve fahren kann.

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Obwohl die Bremse sich zunächst etwas kraftlos anfühlt, ist die Verzögerungsleistung doch recht gut und auch die Schaltung leistet den meisten Anweisungen Folge. Auf der Autobahn sollte man die Enfield jedoch nicht unbedingt bewegen – bei 80 km/h gleitet man entspannt dahin, auch bei 100 km/h ist es noch komfortabel, doch in Richtung 130 km/h kommt der Motor langsam an seine Grenzen, Klangkulisse und Vibrationen werden dann unangenehm, vor allem bei Gegenwind und mit klobiger Kleidung ist die Beschleunigung bis 80 Meilen pro Stunde ein Kraftakt. Dafür kann sich die Bullett eines moderaten Verbrauchs rühmen: Offiziell verbraucht die Maschine 3,5 Liter auf 100 Kilometer, wir sind bei unserer Testfahrt bei sensibler Fahrweise immerhin auf 4,3 Liter und eine Reichweite von 280 Kilometern gekommen.

Wer den Kick der Geschwindigkeit sucht oder lange Strecken in kurzer Zeit zurücklegen möchte, ist mit der Royal Enfield Bullett nicht unbedingt gut beraten. Wer jedoch entspannt und gelassen durch die Landschaft gleiten möchte, wie in guten alten Zeiten, für den ist die Traditionsmaschine ab rund 4.500 Euro sicherlich eine charmante Wahl.

Weitere Informationen unter www.royal-enfield.com.

Text: Tom Stewart
Fotos: Royal Enfield