Rolls-Royce Phantom: Erste Erfahrungen (1)

Wir Rolls-Royce Enthusiasten tun uns nach wie vor etwas schwer mit der Tatsache, dass Rolls-Royce nicht mehr so englisch ist wie früher. Und so kam mir im Frühjahr die Idee, für einen Fotobericht in unseren Clubrundschreiben eine Fotoserie aufzunehmen, die den neuen Phantom u.a. mit all seinen Vorgängern auf einem Bild zeigt. Ziel sollte sein, symbolisch das neue Auto in die Ahnengalerie zu integrieren und zu demonstrieren, dass der neue Phantom ein echter Rolls-Royce, ja sogar zurecht ein Phantom ist.

Dass er das ist, durfte ich am eigenen Leib erfahren, da Herr Ulrich Knieps, Sales Director bei Rolls-Royce Motor Cars, mir vom 22. bis 25. August ein Vorserienfahrzeug für fotografische Zwecke anvertraute und mit nach Hause gab! Herr Knieps hat sich dabei extrem bemüht und zeigte sich äußerst flexibel! Wir konnten den Termin sogar einmal verschieben, obwohl es zum damaligen Zeitpunkt sehr schwierig war, ein Fahrzeug zu bekommen: Alle fertigen Serienfahrzeuge wurden sofort (nach USA) ausgeliefert, zum Leidwesen von Rolls-Royce Motor Cars, die deswegen keinen größeren Eigenbestand aufbauen konnten und für Clubveranstaltungen, Fototermine, Händlerprobefahrten oder Präsentationen auf einige wenige Vorserienfahrzeuge zurückgreifen mussten. Diese waren auf ganz Europa verteilt. Kaum kam ein Wagen zurück, war er schon wieder unterwegs. So war der hier gezeigte Phantom in der Nacht zuvor gerade aus Monaco gekommen.

Das Fahrerlebnis ist jenseits aller Vorstellungskraft

Am Tag der Abholung bekam ich zunächst einen Bediencrashkurs von 45 Minuten. Danach trat ich ein in eine andere Welt. Den Zündschlüssel hineingeschoben, den Startknopf gedrückt, ein Anlassgeräusch, und dann kehrt wieder absolute Stille ein. Die Fahrstufe „D“ eingelegt, die Bremse losgelassen, und es beginnt ein nie da gewesenes Fahrerlebnis: der Phantom schwebt anscheinend ohne Motor davon! Man sitzt in einer Oase der Ruhe. Der Stress bleibt draußen. Auch ein kräftiger Druck auf das Gaspedal lässt nur ein leises Säuseln in den Innenraum dringen.

Die riesige Motorhaube schrumpft, das Auto wird zum Kleinwagen. Die Motorhaube ist so geformt, dass man sehr leicht abschätzen kann, wie weit entfernt man sich vom Straßenrand befindet. Die hohe Sitzposition, die es so zuletzt im Phantom VI gab, ermöglicht eine phantastische Übersicht über den laufenden Verkehr und hilft, besonders vorausschauend zu fahren. Sobald man an der Ampel steht, wird das Auto wieder zum Riesen, wenn man auf die anderen Autofahrer herabblickt und den Fußgängern direkt ins Gesicht schaut.

Mein erster Weg führte mich erst noch mal ins Büro. Mein Kollege wies mich in der Tiefgarage in den Firmenparkplatz ein. Kein leichtes Unterfangen, bei dem die Fahrzeuggröße wirklich sehr spürbar wird. Wo man mit einem normalen Wagen auf einen Rutsch durchkommt, bedarf es beim Phantom teilweise schon mehrerer Rangiermanöver, was allerdings durch die leichtgängige Lenkung und die akustischen Warnsignale sehr erleichtert wird.

Der Hauptgrund, warum ich diesen Wagen zur Verfügung gestellt bekam, war, wie bereits oben erwähnt, ein ganz besonderer Fototermin. Die Fahrt dorthin war eine klassische Probefahrt mit allem was dazu gehört: Autobahn, Landstrasse, Dörfer und Schleichwege über schmalste Strassen und Wege zwischen Feldern und Wiesen.

Die Ausgewogenheit dieses Wagens ist sagenhaft. Zwar animiert er nicht zum sportlichen Fahren, die Gewissheit aber, Leistung im Überfluss zu haben, reizt dennoch, ihm - zumindest bei der Autobahneinfahrt - einmal kräftig die Sporen zu geben. Einen Kickdown mit dem Phantom muss man erlebt haben. Mit welcher Leichtigkeit und Souveränität dieses gewaltige Auto in Leistungsbereiche edelster Sportwagen vorstößt, ist unbeschreiblich. Nur 5,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h bei 2,6 Tonnen Leergewicht und dabei noch nahezu geräuschlos, das ist einfach phänomenal. Die von mir maximal gefahrene Geschwindigkeit war ca. 170 km/h, die beim Phantom so erscheint wie 100 km/h in normalen Autos. Tatsächlich sollte man, sofern man nicht mit Tempomat unterwegs ist, ab und zu die Geschwindigkeit kontrollieren, weil der Phantom bei jedem Tempo so ungewöhnlich ruhig und extrem leise ist, dass man leicht Gefahr läuft, die Geschwindigkeit gründlich falsch einzuschätzen. Auch die fehlenden Windgeräusche tragen ihren Teil dazu bei.

Rolls-Royce Phantom: Erste Erfahrungen (1)Rolls-Royce Phantom: Erste Erfahrungen (1)

Die direkte und leichtgängige Lenkung sowie die hohe Sitzposition, in Verbindung mit der übersichtlichen Motorhaube, lassen Landstrassen, auch wenn sie sehr schmal sind, zum reinsten Vergnügen werden. Das ist „mit dem Auto wandern“ in höchster Vollendung.

Der einzigartige Federungskomfort trägt ebenfalls entscheidend zum Fahrspaß bei. Alles wird glattgebügelt. Empfand man das sanfte Dahingleiten in älteren Rolls-Royce Modellen schon als Schwebezustand, so gibt es beim neuen Phantom keine Umschreibung mehr für das Fahrgefühl. Zusammenfassend lässt sich also zum Fahrerlebnis sagen:

Phantom fahren ist nicht einfach Auto fahren, es ist auch nicht Rolls-Royce fahren. Es ist ein Erlebnis der dritten Art, eine zuvor nie gekannte Dimension der automobilen Fortbewegung!

Lesen Sie in der nächsten Woche den 2. Teil – Der Rolls-Royce Phantom ist ein echter Rolls-Royce Phantom – bei Classic Driver.

Angaben zum abgebildeten Rolls-Royce Phantom:

Wie oben erwähnt, handelt es sich um ein Vorserienexemplar, welches bis auf wenige Details bereits der Serie entspricht. Die Außenfarbe ist „anthrazite/silver sand, die Farbe des Leders „oatmeal“ und das Holz „mahogany“. Die Fahrgestellnummer des mit dem Sonderpaket „Theatre“ ausgestatteten Wagens lautet SA91S68484U121610

Abschließend sei noch ein herzliches und aufrichtiges Dankeschön gesagt an Herrn Karl-Heinz Kalbfell (Senior-Vice-President BMW Group Marketing), Herrn Ulrich Knieps (Sales Director) und Herrn Martijn Oremus von Rolls-Royce Motor Cars für ihr großes Engagement bei der Verwirklichung des Fotoprojekts und ihre aufmerksame Betreuung sowie das große Vertrauen das sie mir entgegenbrachten. Ebenso gebührt Herrn Friedrich Fruth (General Manager Public Affairs) eine ebensolches Dankeschön für die freundliche und ausführliche Beantwortung einiger Fragen.

Angaben zum Fotografen Michael Ehrhardt:

Der Hobbyfotograf Michael Ehrhardt ist seit 1981 Mitglied im Rolls-Royce Enthusiasts` Club, besitzt zwar für Clubtreffen noch kein passendes Fahrzeug, ist aber aktives Clubmitglied, indem er ab und zu Fotoberichte für das deutsche Clubrundschreiben verfasst. Auch im Bulletin des englischen Stammclubs sind seine Fotos vereinzelt zu sehen. Derzeit wird die Website der Section Germany des Rolls-Royce Enthusiasts` Clubs (www.rrec.de) mit seinen Fotos vermehrt geschmückt.

Text & Fotos: Michael Ehrhardt