Röhr: 75. Jubiläum

Als in den Golden Twenties Hans Gustav Röhr in Ober-Ramstadt seine Automanufaktur gründete, wurde der deutschen Automobilgeschichte ein besonderes Geschenk gemacht. Der „Röhr“ – dessen Produktion zwar schon 1935 wieder zwangsweise beendet wurde – gilt heute als ein herausragendes Beispiel deutscher Automobilkunst der für die Entwicklung wichtigen Vorkriegszeit. 75 Jahre Röhr waren nun für Automobilenthusiasten aus der südhessischen Stadt Anlass genug, zahlreiche alte Röhrs zu einem Oldtimertreffen einzuladen.

Röhr: 75. Jubiläum Bei der Autoschau waren natürlich auch sehenswerte Vertreter von Adler bis Zündapp zugegen. Doch die mit Bedacht und viel Fleiß getroffene Auswahl an alten Röhrs – in dieser Kombination bisher einmalig – übertraf alles andere. Unser Fotograf Bernd Quaas konnte vor allem das Flaggschiff „Röhr 8“ entdecken; schon damals war er eines der ersten deutschen Automobile mit Einzelradaufhängung, Tiefbettkastenrahmen und Zahnstangenlenkung. Ein Überraschung war der Röhr Typ F „Autenrieth Stromlinienwagen“, ein Einzelstück von 1932. Chassis, Technik, Verarbeitung und die aufwendig gestalteten Details, wie die Kühlerfigur, lassen erahnen, dass ein Röhr schon zu seiner Zeit auf aufregendes Automobil gewesen sein muss.

Röhr: 75. Jubiläum Mit der Gründung der Röhr Auto AG am 30. Oktober 1926 begann die Glanzzeit für Ober-Ramstadt. Die ersten Autos wurden dort aber nicht von den Röhr-Werken manufakturiert. Tatsächlich erhielt der Autobau schon mit der Falcon AG Einzug in der kleinen Stadt am Rande des Odenwaldes. Ab 1922 fertigte das Unternehmen den Kleinwagen Falcon CA 6, der wie das 1924 vorgestellte Schwestermodell Typ T VI den Ruf hatte, ein zuverlässiges Automobil zu sein. Allerdings machten Inflation und ausländische Konkurrenz den Falcon-Werken das Leben schwer. 1926 musste das Werk, wie damals viele deutsche Autobauer, die Produktion einstellen.

Röhr: 75. Jubiläum Neuer Eigentümer wurde die, von dem genialen Automobilkonstrukteur Hans Gustav Röhr gegründete, „Röhr Auto AG“. Ab 1927 begann die Produktion des Röhr 8. Autoausstellungen in Berlin, Paris und Genf machten den, wegen seiner fortschrittlichen Bauweise als „sicherster Wagen der Welt“ bezeichneten Röhr zu einem weltweiten Begriff.

Röhr: 75. Jubiläum 1930 ergriff die Wirtschaftskrise auch die Röhr-Werke. Doch konnte 1931 mit neuen Geldgebern die Produktion weitergeführt werden. Ohne Hans Gustav Röhr an der Spitze stellen die „Neuen Röhr Werke“ noch die Modelle Typ F und Typ FK sowie „Junior“ vor, für deren Konstruktion Ferdinand Porsche und Hans Ledwinka verantwortlich waren. Nach 4000 gebauten Autos setzten die Nationalsozialisten der von jüdischen Geldgebern getragenen Firma 1935 ein Ende.

Röhr: 75. Jubiläum Die Lizenz des Röhr Junior wurde jedoch von der Stoewer Automobilwerken in Stettin übernommen. Die Produktionseinrichtungen des „Junior“ und noch vorhandenes Material kauften die Stettiner den Röhr-Werken ab. So wurde der Röhr Junior schließlich zum Stoewer „Greif Junior“, der noch bis 1939 in Stettin gefertigt wurde.

Röhr: 75. Jubiläum Der automobilhistorische Bezug, dass im Sommer 1927 der erste Röhr 8 die Werkshallen in Ober-Ramstadt verließ, bewegte das Organisationsteam des Oldtimertreffen, zu einer dem Anlass entsprechenden „Großveranstaltung“ zu bitten. Knapp 240 historische Fahrzeuge und deren Besitzer folgten dieser Einladung. Waren schon unter den Geburtstagsgästen zahlreiche automobile Raritäten versammelt, würde es bei den „Geburtstagskindern“, den Röhr-Automobilen, fast sensationell. Zehn Fahrzeuge dieser wirklich selten gewordenen Automobilmarke fanden sich zur Präsentation in Ober-Ramstadt ein. Vom Röhr 8 Typ R bis zum Röhr 8 Typ F „Olympier“ war nahezu von jeder Produktionslinie mindestens ein Fahrzeug vertreten.

Text: Classic Driver-Redaktion Hamburg / Werner Schollenberger
Fotos: Bernd Quaas (E-Mail)

Weitere Informationen zum Röhr: www.roehrauto.de

Empfehlung: Werner Schollenberger ist Autor des Buches „Röhr – ein Kapitel deutscher Automobilgeschichte“ und gilt als Röhr-Experte. Das Buch (ISBN 3-928746-04-9) erschien 1995 im Preuß-Verlag, Darmstadt, Tel. (06151) 9354-0, Fax 35 10 05