Porsche 906 Replika: Auf Fangios Spuren

Replikas werden von Classic-Fans zumeist mit verachtungsvollen Blicken bedacht. Denn wie gut die Nachbauten auch sind – sie sind nicht original. Beim Porsche 906 darf ruhig eine Ausnahme gemacht werden. Von ihm wurden kaum mehr als 50 Originale gebaut.

Argentinien ist nicht gerade als Automekka bekannt. Die Straßen sind schlecht, die Autos alt und Fahrzeuge oberhalb der Mittelklasse haben gerade einmal einen Marktanteil von fünf Prozent. Das sieht im nördlichen Speckgürtel der Hauptstadt Buenos Aires kaum anders aus. Veraltere Industrieanlagen, heruntergekommene Geschäfte und eine Wohngegend, die einem nicht nur durch die verheerend tiefen Schlaglöcher selbst bei Tage Angst macht. Kaum zu glauben, dass hier ein Manufakturbetrieb Nachbauten des legendären Porsche 906 herstellt. Nicht nur Motorsportfans läuft ein wohliger Schauer über den Rücken, wenn sie die Zahlenkombination 906 hören. Mitte der sechziger Jahre eilte der Porsche-Renner bei den legendärsten Autorennen von Sieg zu Sieg; gewann unter anderem Klassiker wie Le Mans und die Targa Florio. Wer heute eine originale Rennlegenden sucht, schaut in die Röhre: Kaum mehr als 50 Fahrzeuge wurden seinerzeit für den Rennsport produziert, dazu allenfalls zwei handvoll Prototypen - heute allesamt begehrte Sammlerobjekte mit einem Wert von mehr als 600.000 Euro.

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Die Idee, einen solchen Rennwagen-Klassiker nachzubauen scheint abseits der bekannten Replika-Auswüchse von Ford GT, Porsche 550 Spyder oder AC Cobra wenig überraschend. Doch kaum irgendwo auf der Welt gibt es Firmen, die dem Porsche 906 wieder automobiles Leben einhauchen. Die Familie Abad hat ihr Herz sprichwörtlich an den 906er verloren. Seit zehn Jahren laufen die Vorbereitungen zu dem ungewöhnlichen Projekt. Bis zum Sommer soll Fahrzeug Nummer eins die wenig Vertrauen erweckende Gegend im Norden von Buenos Aires verlassen. Ein Kunde in Japan reibt sich bereits die Hände. Schon bald dürfte der Abad 906 seine Autosammlung bereichern.

In einer kleinen, düsteren Halle werkeln Rodrigo Abad, Vater Isidoro und die beiden jüngeren Brüder Mathias und Sebastian am Nachbau des ehemaligen Le-Mans-Renners herum. „Der Wagen ist in zwei, maximal drei Monaten fertig“, erzählt ein strahlender Rodrigo, „wir müssen in den nächsten Wochen nur noch ein paar Kleinigkeiten fertig stellen und den Wagen dann testen.“ Zeit spielt bei den automobilverrückten Abads keine große Rolle. Zehn Jahre sind seit den ersten Plänen zum Nachbau eines Porsche 906 vergangen. Seit mehr als drei Jahren arbeitet die Familie an Fahrzeug Nummer eins. Der Gitterrohrrahmen war kaum ein Problem. Aber die aerodynamisch aufwendigen Teil von Vorderwagen oder die gewölbte Frontscheibe kosteten schon einmal ein paar Monate. Doch es geht voran mit dem Erstling. Die Modelle zwei und drei liegen neben großen Schablonen zerlegt bereits in der Ecke. „Alle roten Teile sind unsere Formen“, erklärt Sebastian, „damit wir sie nicht verwechseln, haben wir sie rot lackiert.“

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Die düstere Werkshalle mutet kaum an wie eine Replika-Manufaktur. Gegenüber werden heruntergekommene Busse und Lastwagen repariert und eine Viertelstunde entfernt produzieren Hersteller wie Ford und General Motors ihre Südamerika-Modelle. Einen realen Markt für Sportwagen gibt es im Land der Rennfahrerlegende Juan Manuel Fangio nicht. Porsche verkauft hier pro Jahr nicht einmal 300 Fahrzeuge, zumeist Cayenne. Von anderen Sportwagenmarken gar nicht zu reden. Wer har da schon Interesse an Oldtimer-Klassikern? „Niemand. Hier im Land gibt es für so ein Auto keine Kundschaft“, so Rodrigo Abad, der gerne von seinen unzähligen Besuchen im Fangio-Museum rund 350 Kilometer nördlich erzählt, „die Leute interessieren sich für solche Fahrzeuge hier einfach nicht.“ Das ist bei Familie Abad ganz anders. Seit Jahr und Tag basteln sie an Autos herum. Ihr Herz haben sie bereits in der Kindheit an europäische Renner verloren. In der Halle stehen ein paar Alfa- und Lancia-Modelle; vor dem Tor ein blauer Mercedes SLC 280 – wie aus dem Ei gepellt. Doch Umbauen und Reparieren war eines Tages nicht mehr genug. „Wir wollten etwas eigenes machen“, erinnert sich Rodrigo in gebrochenem Englisch, „so sind wir auf Replikas gekommen. Und weil es Nachbauten von Porsche 356, 550 oder Cobras auch in Südamerika an jeder Ecke gibt, wollten wir etwas Außergewöhnliches.“ Exklusiver als ein Rennwagen wie der Porsche 906 geht es kaum. Man fing bei Null an – nur ein paar Fotos, Daten und Zeichnungen lagen vor.

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Die Werkstatt sieht aus wie ein Altmetalllager. Schleifmaschinen, Karosserieteile, Regalwände, eine Staubkammer und überall Gerümpel – auch auf dem Boden. In der Mitte thront der 906 mit der Produktionsnummer eins – natürlich in strahlendem weiß. Familie Abad tanzt um den noch nicht ganz fertig gestellten Boliden herum wie um das goldene Kalb. Alle vier Konstrukteure sind auch Handwerker – sie strahlen. Streitigkeiten zwischen Brüdern, mit dem Vater und der alltägliche Konstruktionswahnsinn sind vergessen: Der erste Porsche 906 ist fertig – zumindest fast. So wild und unaufgeräumt es in der düsteren Werkstatt auch aussieht: Rodrigo und seine beiden Brüder wissen, was sie tun. Trotzdem wurde das Projekt fast zur Lebensaufgabe. Die Abads hatten keinerlei technische Zeichnungen oder Baupläne vom Rennwagen aus den 60ern. „Deshalb hat das Ganze auch so lange gedauert“, wirft der jüngere Bruder Mathias ein, „die nächsten Modelle gehen schneller – viel schneller.“ Seine Brüder nicken und auch der 66jährige Vater kommentiert die Aussage mit einem Nicken.

Porsche 906 Replika: Auf Fangios Spuren Porsche 906 Replika: Auf Fangios Spuren

Pro Jahr sollen fünf Fahrzeuge entstehen – speziell nach den Wünschen der Kunden. Fahrzeug Nummer eins geht nach Hiroshima zu einem Porsche-Fan, der die mindestens 600.000 Euro für einen echten Porsche 906 nicht ausgeben möchte. „Der Kunde kommt bald zu den ersten Testfahrten nach Buenos Aires. Dann wird nochmals nachjustiert und danach geht der Wagen dann in einem Container ab nach Japan“, so Rodrigo Abad. Der zweite Wagen ist ebenfalls verkauft. Er geht an einen Privatier aus der Nähe von Madrid, der einen eigenen Rennstall besitzt. Der Spanier hat auch einen der wenigen echten 906er, will diesen jedoch nicht in Rennen fahren lassen.Die Karosserie des Porsche-906-Replikas besteht wie bei echten Fahrzeug aus einem Gitterrohrrahmen, der mit den entsprechenden Elementen verkleidet ist. Das Kunststoffkleid besteht aus sechzig in zahlreichen Lagen verklebten Komponenten. Auf den ersten Blick ist der Nachbau von einem Original nicht zu unterscheiden. Einziger Unterschied: Aus Sicherheitsgründen ist der Rahmen etwas dicker als beim Original. Deshalb wiegt der 906 mit 700 Kilogramm rund 30 Kilogramm mehr als der Renner von 1965. Im Innern gibt es zwei winzige Rennschalen und eine karge Instrumentierung wie bei dem echten Le-Mans-Vorbild.

Auch auf den zweiten Blick ist die nur rund einen Meter hohe Karosse kaum von der eines echten Porsche 906 zu unterscheiden. Selbst der lokale Porsche-Importeur kam bereits zur Begutachtung, hat eifrig genickt und sich zur bald anstehenden Premiereparty nebst Stapellauf eingeladen. Schließlich besitzen die Abads auch privat ein paar echte Porsche 911. Liebevoll fährt Vater Isidoro über die seicht geschwungenen Kotflügel und das Dach während die beiden Söhne die Heckverkleidung montieren. Der Motorraum darunter ist gähnend leer, denn verkauft wird der Rennwagen ohne Triebwerk. „Wir kommen hier in Argentinien an keine Porsche-Motoren oder Getriebe heran. Es ist verboten, solche einzuführen“, berichtet Rodrigo mit hängendem Kopf, „wir sind nur über Umwege an drei Triebwerke von Unfallwagen gekommen.“ Der Testmotor ist ein 2,2 Liter großer Boxer von einem 911er aus den späten 70ern. „Der leistet 210 PS. Damit dürften wir bei den Tests rund 280 km/h schaffen“, freut sich der junge Argentinier auf die ersten Kilometer in dem Familienzögling. Der Kaufpreis: umgerechnet 85.000 Euro. Neben dem Triebwerk fehlen auch die Schriftzüge, um keinen Rechtsstreit zu provozieren. Doch einen 906er werden die echten Fans erkennen – ob nachgemacht oder nicht.

Weitere Informationen finden Sie unter www.vintageracingcars.net.

Text: Stefan Grundhoff
Fotos: press-inform / Porsche


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