Pebble Beach Concours 2011: Ikonen im Nebel

Pebble Beach Concours 2011: Ikonen im Nebel

Seit 1950 verwandelt sich der Golfplatz von Pebble Beach jeden August in ein außergewöhnliches Freiluftmuseum für klassische Automobile. Zwar wurde auch in diesem Jahr nur ein Klassiker mit dem Preis „Best of Show“ ausgezeichnet, doch haben es im Grunde alle Teilnehmer längst in den Automobil-Olymp geschafft.

Theodore Roosevelt, Liz Taylor und Salvador Dali zählten neben vielen anderen illustren Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wirtschaft zu den regelmäßigen Gästen des Pebble Beach Resorts. Das rund 100 Meilen südlich von San Francisco gelegene Erholungsgebiet wurde zwar bereits 1892 erschlossen, doch erst der 1919 von Finley Brown Morse, einem Vetter des gleichnamigen Morse-Code-Erfinders eröffnete Golfkurs sollte Pebble Beach als Urlaubsdomizil des internationalen Jet-Sets etablieren. Unter Golfern gilt der 18-Loch-Platz am „Strand der Kieselsteine“ seit langem als einer der schönsten der Welt. Und seit dem ersten Concours d’Elegance vor 61 Jahren haben auch die Automobilliebhaber hier ihr Mekka zur Verehrung des „Heiligen Blechs“ gefunden.

Pebble Beach Concours 2011: Ikonen im Nebel Pebble Beach Concours 2011: Ikonen im Nebel

Jedes Jahr zieht es am Concours-Sonntag tausende autobegeisterte Besucher nach Pebble Beach. Von gemütlicher Picknick-Stimmung ist um sechs Uhr morgens auf dem Grün allerdings noch nichts zu spüren. Es herrscht geschäftiges Treiben, denn bis neun Uhr müssen alle Klassiker auf ihren festgelegten Positionen stehen, die Rampe für das spätere Defilée aufgebaut sein und Absperrungen errichtet werden. Es ist dieser Zeitraum vor der offiziellen Eröffnung, von dem eine ganz besondere Stimmung ausgeht. Der vom Pazifik heraufsteigende Küstennebel hüllt das Green in unwirkliches Schweigen, dass dann und wann abrupt vom Motorengebrüll einer MV Agusta Rennmaschine, deren Eigentümer nervös die Funktionstüchtigkeit prüft, unterbrochen wird. Am Rande der schroffen Steilküste stehen sie dann aufgereiht wie an einer Perlenschnur: eine rote Armada von 21 Modellen der vielleicht größten Rennwagenlegende, des Ferrari 250 GTO. Ein Bild, das sich in seiner Einzigartigkeit ins Gedächtnis brennt. In Europa steht man auf Veranstaltungen wie dem Goodwood Revival gelegentlich einem Vertreter dieser millionenschweren Automobilrarität gegenüber, doch für die Teilnahme in Pebble Beach schicken sogar Sammler aus Hong Kong, Deutschland und der Schweiz ihre Lieblinge aus den klimatisierten Garagen auf die lange Reise nach Übersee.

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Mit der gespenstischen Stille auf dem Rasen ist es schnell vorbei, wenn sich pünktlich um neun Uhr die Tore zum 61. Pebble Beach Concours öffnen. Zu Tausenden strömen automobilbegeisterte Besucher bewaffnet mit Campingstühlen und Kühlboxen das Gelände, um sich die besten Plätze direkt vor jener Rampe zu sichern, auf der die Klassiker später präsentiert werden. Wer als stilsozialisierter Europäer zum ersten Mal diesen Concours von Weltrang besucht, wird sich etwas verwundert über die modischen Auswüchse – Trekking-Sandalen und Jogginghosen in Kombination mit teuren Uhr und Luxustaschen – die Augen reiben. Doch ist altväterliche Arroganz hier fehl am Platz, denn die Stimmung auf dem Grün und in den vielen von Sponsoren gebuchten Logen ist ausgelassen und fröhlich, schließlich erfreuen sich alle gleichermaßen daran, die schönsten Klassiker vor dieser einzigartigen Kulisse zu bestaunen.

Pebble Beach Concours 2011: Ikonen im Nebel Pebble Beach Concours 2011: Ikonen im Nebel

Das besondere am Concours in Pebble Beach ist der Umstand, dass alles Teilnehmer eingeladen sind, am Donnerstag vor dem eigentlichen Schönheitswettbewerb an der Pebble Beach Tour d’Elegance teilzunehmen. Der Einladung zu einer Ausfahrt entlang der Pazifikküste über den berühmten 17-Mile-Drive und den legendären Highway One folgen jedes Jahr mehr und mehr Concours-Klassiker. Dem Zuschauer am Straßenrand bieten sich ein fantastische Bilder, wenn ein riesiges Duesenberg SJN Cabriolet durch den vom Küstennebel verhangenem Zypressenwald gleitet, gefolgt von einem der – hier fast inflationär auftretenden – Ferrari 250 GTO. Die Ausfahrt gibt traditionell einen ersten Ausblick darauf, was einem beim Concours geboten wird.

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In Pebble Beach werden Raritäten gezeigt, die man nur aus Automobilbüchern kennt und deren tatsächliche Existenz man bisher gar nicht in Betracht gezogen hatte. Zu dieser Kategorie gehört auch der diesjährige Pebble-Beach-Sieger, ein 1934 gefertigter Voisin C-25 Aerodyne. Der ungewöhnliche Klassiker, dessen Form ein wenig an eine Ente mit langer Haube und noch längerem Radstand erinnert, gehört dem bekannten Sammler und Museumsgründer Peter Mullin und seiner Ehefrau Merle. Der in der Szene als „The French Guy“ bekannte Mullin interessiert sich vornehmlich für Klassiker aus Frankreich und im Speziellen für historische Bugatti. Insgesamt 27 Mal hat der exzentrische Sammler sich im Wettstreit um das schönste Auto in Pebble Beach beteiligt, umso mehr freut ihn dieser Erfolg: „Diese Auszeichnung ist das Schönste und Wichtigste, was mir jemals passiert ist – einmal abgesehen natürlich von der Hochzeit mit meiner Frau."

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Die Wahl des Voisin dürfte der 35-köpfigen Jury bei der hohen Qualität der 227 im Wettbewerb vertretenen historischen Automobile und Motorräder aus 15 Nationen recht schwer gefallen sein. Der Titel „Best of Show“ hat aber bei weitem nicht nur einen ideellen Wert, sondern auch einen handfesten finanziellen Vorteil: Allein mit seinem Klassiker vom Selection Committee zum Pebble Beach Concours zugelassen zu werden, erhöht bereits den Wert des Automobils, da man die Zulassung als Garantie für die Originalität versteht. Dementsprechend streng sind die Regularien. Um den Wettstreit „Best of Show“ wetteifern alle Sieger der insgesamt 29 Klassen. Punktemäßig mit im Rennen um die begehrte Siegerschale waren in diesem Jahr ein 1938 gebauter Talbot-Lago T150-C und ein sehr schöner Bentley Speed Six, Baujahr 1929.

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Das älteste Gefährt, das am Wettstreit um den Titel „Best of Show“ teilnahm, war der Benz Victoria Vis-à-Vis aus dem Jahr 1894 von Karl-Heinz Rehkopf aus dem Südniedersächsischen Einbeck. Der zurückhaltende Sammler musste erst von seinem Bekannten Helmuth Larkamp, zur Teilnahme am Concours in den Staaten überzeugt werden. Die Beharrlichkeit des Chefs der Berliner Niederlassung des Klassikerhändlers E. Thiesen sollte sich auszahlen. Die Motorkutsche wurde Sieger ihrer Klasse und mit dem Preis für den besterhaltenden Vorkriegswagen ausgezeichnet. Das Gefährt sorgte für einiges Aufsehen und ungläubige Blicke manch eines Besuchers: Dass man in Europa bereits 1894 eine solche technische Meisterleistung vollbringen konnte, ist für viele Amerikaner überraschend – sieht man in den USA doch gerne Henry Ford als Erfinder des Automobils.

Pebble Beach Concours 2011: Ikonen im Nebel Pebble Beach Concours 2011: Ikonen im Nebel

Der Concours von Pebble Beach gilt als der größte seiner Art – und so wundert es nicht, wie viele Menschen sich zwischen Klassikern wie dem seltenen Porsche-Vorgänger, dem Austro Daimler 635 von Wolfgang Porsche, oder dem 1956 gebauten Aston Martin DB2/4 mit einer Karosserie von Ghia tummelten. Insgesamt besuchten über 100.000 Menschen den Concours-Sonntag. Durch das Programm führte der Schauspieler und langjährige Kommentator des Concours Edward Herrmann, dessen amüsant-joviale Art für kurzweilige Stimmung während der gesamten Veranstaltung sorgte. Wie in Amerika üblich, kommt eine Veranstaltung wie diese natürlich nicht ohne eine Wohltätigkeits-Tombola aus. Der autoverrückte TV-Moderator Jay Leno öffnete mit kleinen Frechheiten und charmanten Sprüchen die Brieftaschen und Scheckbücher der Gäste, so dass letztendlich 1,5 Millionen US-Dollar für einen guten Zweck zusammen kamen.

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Nicht so recht in das Gesamtbild passte die Wahl des Hauptsponsor Infiniti – der Luxusableger des japanischen Autobauers Nissan –, dessen Automobile etwas deplatziert wirken zwischen historischen Modellen „alter Marken“ wie Mercedes-Benz oder Bentley. Das man auch in Pebble Beach die Glocken des Fortschritts läuten hört, davon zeugte eine Sonderausstellung von zukunftsträchtigen Studien. Gezeigt wurde das brandneue Cadillac Hybrid-Concept Ciel, ein viertüriges Cabriolet von Strassenkreuzer-Dimensionen. Neben dem beeindruckendem Hybrid-Racer Porsche 918 RSR sorgte auch die Elektro-Limousine Fisker Karma für großes Interesse. Alle Luxusmarken von Aston Martin bis Zagato wählten den Concours, um Kunden auch von Ihren Produkten zu überzeugen. Bereits 2002 hatte die vom VW-Konzern wiederbelebte Marke Bugatti den Concours in Pebble Beach zur offiziellen Präsentation des Supersportwagens Veyron genutzt. In diesem Jahr feierte man den Verkauf des 300. Veyron mit einer Tour nach Pebble Beach.

Zwar gehört der Concours von Pebble Beach neben dem Concorso d'Eleganza Villa d'Este am Comer See und dem Amelia Island Concours in Florida zu den weltweit wichtigsten Veranstaltungen dieser Art, dennoch nimmt er aufgrund seiner Größe eine Sonderstellung ein. Nirgendwo sonst können an einem einzigen Tag in einer derart einzigartigen Szenerie so viele seltene Klassiker bestaunen werden, wie auf dem traditionsreichen Green an der Pazifikküste. Obwohl der Grad der Kommerzialisierung langsam zu überreizen droht, bleibt der Concours-Sonntag immer noch der krönende Abschluss der Monterey Week.

Die schönsten Momente vom Pebble Beach Concours d'Elegance hat die Fotografin Cathy Dubuisson für Classic Driver festgehalten. Lassen Sie sich beeindrucken von unserer großen Bildergalerie.

Text: Steve Wakefield
Fotos: Cathy Dubuisson