Beim Glemseck 101 tobte der Bär auf der einstigen Solitude-Rennstrecke

Eine Steigerung war nach der Jubiläumsveranstaltung im vergangenen Jahr kaum mehr vorstellbar. Trotzdem ist es den Organisatoren bei der 11. Auflage des Motorrad-Festivals Glemseck 101 nochmals gelungen, die Messlatte höher zu setzen – schreibt unser Gastautor Tobias Aichele.

Glemseck 101 ist ein Motorrad-Festival mit allen Facetten – und einer Besonderheit. Über 40.000 Besuchen konnten sich von den besten Customizern Europas inspirieren lassen und erlebten die Motorrad-Hersteller in einem ungewohnt coolen Auftritt. So gab es beispielsweise am Ducati-Stand statt der Farbe Rot und vielen Performance-Bikes überwiegend Scrambler zu sehen, in einem ganz in Braun gehaltenen Stand mit einem kultigen Barbier aus Stuttgart und einer Expresso-Bar. BMW glänzte ebenfalls wieder mit Vielfalt auf Basis der RnineT und auch Moto Guzzi traf mit der Fahrzeug-Palette und dem Auftritt bestens den Nerv der Zielgruppe. Ebenso stimmig präsentierten sich die Helmhersteller, welche ihr Portfolio längst an die neue Caferacer-Szene angepasst haben. Stände mit passenden Shirts und Jacken reihten sich ebenso in die Verkaufsmeile ein wie ein Tätowier-Shop, Pflegemittel-Hersteller und Kult-Labels wie das ACE Café London. Zwischendrin konnten die Besucher immer wieder etwas entdecken, mit dem sie jetzt gar nicht gerechnet hatten; beispielsweise die fahrende Pfanne von BMW-Spezialist Stefan Schäfer, 180 Grad Classic Motorcycle. Mit viel Humor und seiner bezaubernden Assistentin Claudia im Petticoat kochte er in dem fahrbaren Untersatz Pasta mit Filetstreifen, ein Hochgenuss für alle Sinne. Wer schließlich von dem vielfältigen Angebot genug hatte, konnte in die verschiedenen Party-Regionen eintauchen. Hauptplatz war hier die Tribüne mit den verschiedensten Bands neben dem Hotel Glemseck. Gefeiert wurde bis früh in den Morgen.

Die Besonderheit ist schnell auf einen Punkt gebracht: Bei keiner anderen Hobby- beziehungsweise Freizeit-Veranstaltung ist die Toleranzgrenze so groß, wie an den drei Tagen im Mahdental. „Normale“ Biker, tätowierte Rocker oder gestylte Youngster feierten drei Tage den Motorrad-Kult Seite an Seite. Trotz des vielfältigen Rahmenprogramms bleiben die Sprintrennen das Herzstück des Festivals. In der am Samstag zur Eröffnung ausgetragenen „Königsklasse“, der Sprint International über die 1/8 Meile, messen sich Customizer, Tuner, Konstrukteure, Designer, Rennfahrer und andere Charaktere der Motorrad-Szene. Diese „Poets of Sprint“ unterstrichen einmal mehr die Internationalität der Veranstaltung – und die Dominanz der Rennfahrer-Legenden: Der Engländer Carl Fogarty ist mit vier Weltmeistertiteln bis jetzt der erfolgreichste Superbike-Fahrer aller Zeiten. Maria Costello, Member oft he British Empire, gehört zu den schnellsten Frauen der Welt. Die Britin fährt regelmäßig auf der mörderischen Isle of Man, ebenso wie Conor Cummins, der auf dem Inselstaat auch wohnt. Er pilotierte eine Recreation des Freddy Spencer-Superbikes aus dem Premiumotorrad-Fundus. Aus den USA kam CCS-Champion Nate Kern, der das BMW-interne Projekt „Goldrausch“ auf Basis der RnineT pilotierte. Aus Dänemark starteten die Customizer Lars Lykkegaard und Per Nielsen von den Wrenchmonkees, aus Spanien Jörge Voilleumier auf der bärenstarken BMW K 1100 Turbo und aus Frankreich Yann Collet sowie Didier Baehr.

Für Deutschland zeigten Sandbahn-Weltmeister Karl Maier, Stunt-Girl Mai-Lin, Moto-Cross-Meisterin Caro Fitus, die Konstrukteure und Tuner Jochen Schmitz-Linkweiler, Jens von Brauch und Felix Pilz mit der teuflisch schnellen Harris mit Suzuki GS 1100-Motor sowie der Autor dieser Zeilen mit seiner Egli-Honda 1100 R Flagge. Die Rennen waren an Spannung kaum zu übertreffen. Tuner Felix Pilz konnte die Ausscheidungsrennen schließlich gewinnen, ich selbst wurde Vierter. 

Der französische Gearhead Séb Lorentz hat seit diesem Jahr die neue Klasse „Sultans of Sprint“ ins Leben gerufen, das absolute Highlight am Glemseck-Sonntag. In dieser Klasse messen sich Motorrad-Freaks aus ganz Europa mit ihren Eigenbauten. Dabei liegt der Fokus nicht nur auf der Geschwindigkeit und der Leistung. Die Sultans of Sprint Challenge bewertet und belohnt auch den Stil, die Kreativität sowie den im Umbau realisierten »Wahnsinn«. Angetrieben werden diese „Dragster“ von luftgekühlten 4-Takt Zwei-Zylinder Motoren bis zu 1400 ccm. Die Aufladung der Motoren steht frei: Turbo, Kompressor, Quickshifter und/oder NOS-System. Die zahlreichen Zuschauer erlebten schließlich im Finale das Traummodell. Organisator Séb mit seinem BMW „Sprintbeamer“ gegen den von einem Moto Guzzi befeuerten „Ferdinand“ der „Young Guns“. Für die Schweizer Jungs läuft das Jahr prächtig. Erst vor wenigen Wochen konnten Sie auf dem Salzsee in Utah einen neuen Rekord in der 750er Klasse aufstellen und im Glemseck-Finale sogar Sébs ultraschnelle BMW um eine Ellen-Länge schlagen.

Etwas gesitteter ging es beim klassischen Boxster-Sprint zu. Hier fragte sich jeder, wer von den 16 Starten einen von Edelweiss-Motorsport getunten Motor eingebaut hat. Firmenchef Dirk Scheffer lüftete schließlich das Geheimnis: Es waren sieben – und auch der Sieger dieser spannenden Klasse wurde von einem seiner Triebwerke befeuert. Uli Beppler fuhr konstant – und gewann. Danach war die Freude beim Edelweiss-Team groß und Dirk gestand: „Jetzt habe ich Puls“. Puls dürften auch die zahlreichen Zuschauer an diesem einzigartigen Wochenende gehabt haben. Auf ein Wiedersehen im Jahr 2017.

Fotos: Frederik Dulay für Classic Driver © 2016

Autor Tobias Aichele ist nicht nur einer der wichtigsten Kenner der europäischen Motorradszene, im Showroom seiner Firma Premiummotorrad in der Motorworld Region Stuttgart stehen auch einige der interessantesten klassischen Motorräder zum Verkauf.