Mille Miglia 2012: Das Glück liegt auf der Straße

Mille Miglia 2012: Das Glück liegt auf der Straße

Meilen sammeln der schönsten Art – das bietet die legendäre Mille Miglia. Alljährlich führt sie im Mai von Brescia über Ferrara, einmal quer durch Italien nach Rom und zurück nach Brescia. In diesem Jahr hat sich auch Classic Driver auf Meilenjagd begeben: An Bord eines Jaguar Mk VII von 1951.

Jede Mille Miglia hat ihre Höhepunkte. Und davon Unzählige. Automobile, Teams, Begegnungen, Strecken, Orte, Emotionen. Das ganz große "Auto-Kino" eben. In diesem Jahr waren es zwei altgediente Haudegen, welche die Mille-Miglia-Gemeinde in ihren Bann zogen: Sir Stirling Moss und Norman Dewis. 60 Jahre nachdem die beiden im Jahr 1952 in einem Jaguar C-Type die Mille Miglia bestritten, kamen Fahrer und Co-Pilot wieder in Brescia zusammen. Sie eröffneten die schönste Oldtimer-Rallye der Welt in eben diesem originalen Jaguar C-Type mit dem Chassis XKC 005 am Start- und Zielpunkt in Brescia. Exakt dieses Auto sollte noch im Jahr 1952 in Reims den ersten Rennsieg für ein Fahrzeug mit Scheibenbremsen einfahren. Behutsam rollte Sir Stirling am Donnerstagabend mit dem kostbaren Stück die Rampe in Brescia herunter, um sich dann unter Polizeigeleit durch die Stadt eskortieren zu lassen.

Mille Miglia 2012: Das Glück liegt auf der Straße
Mille Miglia 2012: Das Glück liegt auf der Straße Mille Miglia 2012: Das Glück liegt auf der Straße

Mit diesem historischen Auftakt markierte Jaguar gleichzeitig den Start des Heritage Racing Programms. Von ungefähr 35 teilnehmenden Jaguar Teams brachten die Briten sechs Werksautos an den Start der Mille Miglia: legendäre C-Types, XK-120-Modelle und jene schwere Mk VII Limousine, mit der auch Classic Driver das Rennen bestritt. Rein formal betrachtet ist die Mille Miglia natürlich kein Rennen auf Zeit, sondern eine sehr lange Gleichmäßigkeitsprüfung. Doch das Angasen auf den Etappen gehört genauso dazu und ist bei den engen Zeitfenstern tatsächlich auch erforderlich. Auch das macht den Reiz der Mille Miglia aus - besonders für das Teilnehmerfeld.

Doch nicht nur das. Es ist vor allem diese einmalige Stimmung, dieser unglaubliche und hoch dosierte Cocktail aus Fahrzeugen aller Epochen und Typklassen, begeisterten Menschen, Emotionen und sagenhaften Landschaften und Strecken, welche ein tagelanges Schwärmen auslösen. Oktan-Rausch, Ausnahmezustand auf rund 1.600 Kilometern Länge. Die Jagd nach dem Freccia Rosso, dem roten Pfeil. Die Jagd nach dem Glück, das hier in Italien auf der Straße liegt. Das ist die Mille Miglia. Wer sie einmal erlebt hat, kann sich ihren Reizen nicht mehr entziehen. Genau dieses faszinierende Bild füllte auch die 30. Neuauflage in dieem Jahr wieder aus.

Das Original der Mille Miglia wurde von 1927 bis 1957 ausgetragen. Sie kennt unendliche Anekdoten, die Mille. Glorreiche Siege, einige Helden und viele tragische Figuren. Zu studieren im Museum Mille Miglia. Legendär für die 1.000 Meilen ist die tollkühne und doch akribisch vorbereitete Rekordfahrt von Sir Stirling Moss und seinem Co-Piloten Denis Jenkinson im Mercedes 300 SLR im Jahr 1955. Er fährt die damals 1606 Kilometer in zehn Stunden, sieben Minuten und exakt 48 Sekunden. Daraus errechnet sich ein Schnitt von unglaublichen 157,65 km/h. Auf öffentlichen Straßen, Schotterpisten und Kopfsteinpflasterpassagen wohlgemerkt.

Bis heute hat die Mille kein Jota ihrer Faszination eingebüßt. Die Autos begeistern durch die Bank: Urige O.M. Rennwagen, Alfa Romeo 6C 1750 GS oder Kompressor Mercedes SSK etwa. Dann die BMW 328, später die 507er. Natürlich die Ferrari 166 M und 750 Monza. Begeisternd die zahlreichen Jaguare, Rennkatzen im britischen Livree und mit kostbarer Patina. Dann die Porsche 550 Spyder. Dazu kleine Fiat, VW Käfer, Diesel-Ponton, Bugatti-Vorkriegsrennwagen und schwere Bentley-Blower. Prinzipiell zugelassen ist heute alles, was damals im Original wenigstens einmal mitgefahren ist. Vielfalt - das ist die Mille Miglia. Die Startplätze sind begehrt wie die Fahrzeuge selbst.

Mille Miglia 2012: Das Glück liegt auf der Straße
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Sir Stirling Moss erinnert sich an seine Jagd im C-Type im Jahr 1952: "Die Scheibenbremsen waren unglaublich. Während Ferrari und Mercedes zwar alle einmal sehr gut anbremsen konnten, dann aber überhitzten, bremste der Jaguar wieder und immer wieder verlässlich das Tempo herunter. Die Mille Miglia war die Bewährungsprobe für das neue System. Tatsächlich war die Idee hierfür im Team entstanden und wir waren uns einig: wenn die Bremsen im Renneinsatz halten, sind sie gut für die Serienfertigung." Auch Norman Dewis erinnert sich: "Wir wurden zur technischen Abnahme gerufen und die Kommissare sahen erst das Auto und dann uns fragend an: habt Ihr keine Bremsen? Wo sind die Bremsen? Das Auto hat keine Bremsen! Und ich musste sie beruhigen: nein, das sind neue Bremsen. Wir mussten die Räder abnehmen und das System vorführen, da man uns nicht glauben wollte."

Mille Miglia 2012: Das Glück liegt auf der Straße

Unsere Rennlimousine aus dem Jahr 1951, ein veritabler Jaguar Mk VII hat diese technischen Vorzüge noch nicht. Dennoch meistern wir zusammen mit dem Jaguar-Geschäftsleitungsmitglied und leidenschaftlichen Fahrer Frank Klaas die gemessenen 1.500 Kilometer unversehrt. Emotionen auf jeder Meile. Das ist der schönste Gewinn. Vorne an der Spitze kämpfen das argentinische Duo Claudio Scalise und Daniel Claramount in einem Alfa Romeo 6C 1500 aus dem Jahr 1933 gegen den zehnfachen Mille-Gewinner und Favoriten Giuliano Canè und seiner Frau Lucia in einem 1939er BMW 328 Mille Miglia Roadster. Doch am Ende hat der Alfa die Bugnase vorn. Auf dem dritten Platz fahren Giovanni Moceri und Tiberio Cavalleri auf einem 1933er Aston Martin Le Mans vor. Lapo Elkann, Präsident der Fiat AG, nahm mit seiner Frau Lavinia Borroemo in einem Fiat 8V aus dem Jahr 1954 teil. Sie landen auf dem 152. Platz. Den Ladies Cup holten Rossella Labate und Christina Meini auf einem Lancia Aprilia von 1938, Startnummer 87. Sie erreichten als 47. das Ziel. Auch das Jaguar / Classic Driver Team kam unversehrt ins Ziel - lesen Sie unser Rallye-Tagebuch. Alessandro Casali, Präsident der Mille Miglia sagt am Abend der Zielankunft: "Das war eine Rekord Mille. 1.400 Journalisten aus aller Welt hatten sich akkreditiert. 350 professionelle und 1.500 freiwillige Helfer garantierten den reibungslosen Ablauf der Rallye." Sie machten einen fantastischen Job. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen - ausser vielleicht eintausend Momente des Glücks. Mille Miglia, mille grazie!

Text: Mathias Paulokat
Fotos: Jaguar