Mercedes-Benz SLS AMG: Wings of Desire

Mercedes-Benz baut mit dem neuen SLS AMG genau den Sportwagen, den man seit Jahren von BMW erwartet. Nie fuhr ein Mercedes besser, nie war er sportlicher. Jubel in Stuttgart – Tränen in München.

Die gelbe Sonne strahlt aus Südwesten gegen die seichten Felsformationen der Santa Lucia Range. Die kurvige Straße will einfach kein Ende nehmen. Seit Stunden hat sich die Fahrbahnoberfläche mit dem silbern schimmernden SLS verwoben. Ein Traumtag hinter dem Steuer. Mühelos folgt der 1,7 Tonnen schwere Schönling aus deutschen Landen dem nicht enden wollenden Kurvenspiel auf der Küstenstraße. Gerade flog auf der rechten Seite ein braunes Holzschild mit der Aufschrift „Henry Miller Library“ vorbei. Der Schriftsteller entspannte hier in den 50er Jahren. Weit kann es bis nach Big Sur nicht mehr sein. Es wäre ein leichtes, auf dem Multifunktionsbildschirm in den Navigationsmodus zu wechseln. Doch man genießt allein Auto und Landschaft. Derweil tönen schwungvolle Country-Klänge aus dem Soundsystem. Schrecklich. Passt nicht in diese Gegend, nicht zu diesem Auto und überhaupt: furchtbar. Eine Fahrt mit dem Mercedes SLS AMG kann einen auf der legendären Küstenstraße von Los Angeles nach San Francisco derart entrücken, dass selbst amerikanische Countryklänge einen nicht von diesem Boliden ablenken können.

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An einem der Aussichtpunkte auf der linken Seite steht ein alter Mercedes W126 in hellblaumetallic mit verblichenem Lack. Vier junge Hippies blicken auf der Mauer sitzend, mit Flaschen in der Hand, auf den schönsten Küstenstreifen der USA. Träumer wie viele, die ihr Heil in der Region Big Sur suchen. Als der Achtzylinder am Kurvenausgang brüllt, reißen sie die Köpfe herum und zumindest zwei heben die Daumen. Sogar hier wird der SLS gemocht. Kurz hinter Big Sur eine kleine Tankstelle – in dieser Ecke natürlich mit Selbstbedienung. Mercedes verspricht einen Verbrauch von 13,2 Litern auf 100 Kilometern. Und wohl auch nur auf einer Küstenstraße wie dieser lässt sich der Wert verwirklichen. Ein Anhalter hatte vor einer halben Stunde an der Straße einen kurzen Schweißausbruch bekommen, als der in der späten Nachmittagssonne gülden blitzende SLS um die Kurve fegte und für Sekunden mit dem Gedankengut des Aussteigers spielte. Sorry – vielleicht das nächste Mal. Wahrscheinlich hätte er sowieso keine Countrymusik gemocht und der nächste VW Bully kommt bestimmt.

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Was für ein Auto. Der Mercedes SLS ist ein Supersportwagen wie es lange keinen gab. Abgesehen von kaum nennenswerten Schwächen wie zu kurzen Sitzflächen, ein paar Materialmakeln im Innenraum und dem fehlenden Showeffekt durch elektrisch öffnende Flügeltüren eine nahezu perfekte Vorstellungen. Das Fahrverhalten – schlicht grandios. Hätte der satt auf der Straße kauernde Bolide nicht diesen Kühlergrill, die ihn unzweifelhaft als Enkel des Ur-Flügeltürers kennzeichnet – so würden sich nicht nur bayrische Ingenieure einen neuen BMW M1 erträumen. Doch der Mercedes SLS AMG ist Realität. Im kommenden April steht er für knapp 180.000 Euro beim Händler. Keine elitäre Kleinserie, sondern ein Fahrzeug, das pro Jahr weltweit rund 15.000 Kunden finden soll. Spätestens 2012 wird ein Roadster folgen und auch eine besonders scharfe Black-Series-Auflage scheint nur eine Frage der Zeit.

Nach Jahren der automobilen Enthaltsamkeit wieder ein echter Supersportwagen aus dem Hause Mercedes. Flügeltüren, Karosse aus Alu-Spaceframe, Front-Mittelmotor und grandiose Fahrleistungen. So etwas Spektakuläres hat Mercedes seit Mitte der 50er Jahre nicht mehr auf die Straße gebracht. Damals war der 300 SL Flügeltürer eine automobile Sensation. Der Neue ist kaum zurückhaltender. Die Kunden scharren mit den Hufen und so dürfte der SLS die schwierige Gesamtsituation von Autobranche und Mercedes-Benz ebenso elegant bewältigen wie die nicht enden wollenden Kurvenkombinationen der letzten Stunden. „Dieses Auto ist einfach großartig“, tönt AMG-Chef Volker Mornhinweg. Wie gerne würde man so eine dicke Lippe Lügen strafen? Doch wie, wenn einem die Waffen fehlen?

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Der mächtige V8 wiegt gerade einmal 204 Kilogramm, die Karosserie 241 und jede Tür gerade einmal 18 Kilogramm. Hauptsache, man ist nicht zu klein, sonst muss man sich recken, um die Tür zuzuziehen. Immerhin bringt der SLS fahrbereit mehr als 1,7 Tonnen auf die Waage. Das Drehmoment des 6,3 Liter großen Achtzylinders ist mit 650 Nm mächtig, der Sound grandios. Häufiges Herunterschalten kann man sich auf der Küstenroute südlich von Monterey sparen. 420 kW / 571 PS sind eine Hausnummer und Drohgebärde in Richtung Audi und BMW, dass es auch ohne Turbopower geht. 0 auf 100 km/h in 3,8 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei 317 km/h elektronisch abgeriegelt. Warum hier? Der Hauptkonkurrent Audi R8 5.2 FSI V10 schafft 316 km/h. Kindereien.

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Doch der SLS mag es nicht nur sanft. Wenn schon die Traumtour auf der Küstenstraße Number One, dann ist der Abstecher nach Laguna Seca ein Muss. Die ebenso kurvenreiche wie schnelle Rennstrecke ist eine der traditionsreichsten Rennstrecken der USA. Eben noch hat der Flügeltürer den sanften Power-Cruiser gemimt, jetzt donnert er mit fast 200 km/h den Hügel zu Corkscrew-Kurve hinauf. Die Links-Rechts-Kombination bergab wird blind gefahren. Der SLS gehorcht aufs Wort. Die Lenkung ungemein präzise – der Wagen ist mit einer Gewichtsverteilung von 47:53 zugunsten der Hinterachse neutral und donnert in der leichten Linkskurve hinab Richtung Fahrerlager.

Der SLS lässt sich selbst in der rutschigen Kurve nach Start und Ziel sicher platzieren und spurtreu heraus beschleunigen. Die Gänge schalten sich ohne jede Zugkraftunterbrechung am Lenkrad. Erstmals ist ein Mercedes mit einem Doppelkupplungsgetriebe unterwegs. Und das machte bereits auf der Küstentour einen betörenden Eindruck. Wenngleich die verschiedenen Schaltmodi nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die manuelle Gangwahl die beste Möglichkeit ist, den Sportler im Grenzbereich zu bewegen. Nach ein paar schnellen Runden auf dem Kurs geht es über Monterey weiter nach Norden. Bis San Francisco sind es noch mindestens zwei Stunden – zum Glück.

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Text: Stefan Grundhoff
Video, Fotos: Mercedes-Benz



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