Mercedes-Benz SL goes to Hollywood: One Love

Mercedes-Benz SL goes to Hollywood: One Love

Geburten, Hochzeiten und runde Geburtstage haben eines gemein: alle Eingeladenen kommen zum Fest. Wenn der SL von Mercedes seinen 60. feiert, macht man selbst in Hollywood ein Fass auf. Schließlich war der „Super Leichte“ in mehr als 100 Filmen der Superstar.

Sonntagmorgens um 6.30 Uhr in Hollywoods Vine Street nahe Hollywood Boulevard. Sie haben alles gegeben im angesagten Club Avalon. Jetzt tanzen sie das, was man mit Fug und Recht den „Stagger“ nennen könnte. Denn sie haben auch alles genommen, um sich in den Rausch zu versetzen, der suggeriert, dass sie Stars sind. Aber sie sind blass. Die Highheels tragen sie in den Händen, die Netzstrümpfe sind zerrissen. Nur ein paar Jungs versuchen sich in Burn-outs. Die wahren Stars schlafen um diese Zeit noch. In Reih’ und Glied sind fünf Generationen SL in der Garage des Redbury aufgestellt. Sie symbolisieren 60 Jahre Automobilbau, viele erfolgreiche Rennjahre mit spektakulären Einsätzen. Und mehr als 100 Hauptrollen in Hollywood-Produktionen und Fernsehserien. Das gesamte Who’s who der schauspielernden Elite hat sich in den Sportwagen mit dem großen Stern im Kühler wohl gefühlt. Von Doris Day und Rock Hudson, die viele nicht mehr kennen werden, bis hin zum letztjährigen Film „Freunde für’s Leben“ mit Bruce Willis, der Mercedes SL war immer dabei.

Mercedes-Benz SL goes to Hollywood: One Love
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Product Placement, Facebook, Cloud Computing, alles Dinge, die der 300 SL Roadster gelassen von seinem roten Lack abperlen lässt. Als er der Filmstar war, gab es das alles nicht. Dafür aber wohlfeile, analoge Technik vom Allerfeinsten wie etwa Benzineinspritzung. Zum Glück ist sein Motor schon warm, denn ob ich mit dem Choke klar gekommen wäre, entzieht sich meiner Kenntnis. Sprötzelnd erwacht das Drei-Liter-Aggregat zum Leben, während ich mich erst einmal mit dem großen Schloss des Sicherheitsgurtes vertraut mache und mit neidvollem Blick über die Steller, Schalter und Hebel schmeichle. Welch wirkungsvolle und ästhetisch ausgefeilte Kombination aus Form und Funktion. Das Bakelit-Lenkrad ist zwar gefühlte 20 Zoll groß, aber es liebkost die Handinnenflächen mit weichen Formen. Nur vier Gänge stehen zu Gebot, die Pedallerie steht sehr eng beieinander, so dass man unabsichtlich schon mal den Fernlichtschalter neben der Kupplung tritt. Das ist eine Sache des Lernens. Aber der Blick durch die Frontscheibe lässt eine wohlige Gänsehaut wachsen. Er gibt dem Begriff Motorhaube eine vollkommen neue Bedeutung. In freier Assoziation kommt das Bild einer Motoryacht auf, die elegant und geschmeidig durch die Wellen pflügt. Die Praxis auf den Straßen Hollywoods hat allerdings auch ein paar Schwierigkeiten parat. Am Berg anzufahren, ohne Handbremse, verlangt nach gefühlvollem Spiel mit Gas, Bremse und Kupplung. Aber dann schnurrt der 300 SL Roadster wie eine Katze. Erst jenseits der 3.000/min gesellt sich eine bassfeste Kirchenorgel in den Motorraum: echt, kernig, böse grollend. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie er sich im Renntrimm ohne Auspuff anhören würde. Und alles ganz ohne Sound-Engineering.

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Die Runde ist kurz, das Wetter eher bescheiden und neblig, aber einen Wechsel nehme ich gerne vor: in die Pagode. Der Wechsel vom W 198 II in den W 113 genannten Pagoden-SL ist wie der Sprung vom Mütterchen Doris Day mit dem Unschulds-Image zu der doch sehr kurvigen Sophia Loren. Vom recht konservativen Filmalltag zu den etwas spritzigeren Geschichten mit ebenso lebhaften und glorreichen „Sexbomben“. Sexy ist der W 113 in jedem Fall: Lange Schnauze, sehr kurzes Greenhouse und ein knackiger Po. Eine sehr reduzierte Formensprache mit tempelartigem Hardtop, sehr geraden vertikalen und horizontalen Linien. Der Einstieg ist im Vergleich zum breiten Schweller im SL 300 Roadster sehr gemütlich. Das Armaturenbrett spricht schon Neuzeit, Haptik und Optik sind dem Lebensgefühl der 60er angepasst. Und entschärft, also ohne scharfe Ecken und Kanten. Leider hat der Besitzer noch nachträglich eine Klimaanlage einbauen lassen. Zwar nicht sonderlich auffällig, da sie unter dem Armaturenträger hängt und schwarz lackiert ist, aber ein Faux-pas ist es trotzdem. Ein Halbautomat mit drei Stufen für die Gänge 1+2, 3 und 4 schiebt den 280 SL ordentlich an, ohne zu wild aufzutrumpfen. Der Sportler basiert schließlich auf der gemütlichen Heckflosse, aber der Motor und das Fahrwerk des 220 SE sind doch merklich auf SL-Niveau angehoben. Wer auch nur einen Tropfen Benzin im Blut hat, wird diesen Silberrücken lieben. Denn offen mit dieser Pagode durch Hollywood zu cruisen, ist so gut wie der 3-Millionen-Jackpot im Lotto.

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Von diesem ersten SL mit Knautschzonen und Sicherheitslenksäule noch auf einen Sprung in den braunen R 107. Die Amerikaner haben ihn wegen seiner Sicherheitsausstattung und den extrem vorgebauten Stoßstangen „the panther“ genannt. Der Name stammt von einem Kampfpanzer. So fühlt sich der R 107 aber definitiv nicht an. Er ist eher der Typ Smooth Operator, der aus großem Volumen als 450 SL gewaltiges Potenzial zieht. Dieser Motor wurde zunächst nur im Haupt-SL-Markt USA angeboten und erst später für den Rest der Welt adaptiert. Und mit dem Sprung ins nächste SL-Jahrzehnt kommen auch noch andere Dinge im 107 an. Fensterheber, die verglichen mit heutigen Stellern, eher wie Bauhaus wirken. Eine kräftigere Haptik, eine kantigere Designsprache. Aber, wie bei allen SL, immer im wieder erkennbaren Kleid. Lange Haube, wundervolles Zweisitzer-Appartment und genügend Kofferraum für Golfspieler oder den längeren Urlaub. Plus, als ikonenhafte Übereinstimmung, der große Stern mittig im Kühler.

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Still stehen muss noch der demnächst erscheinende R 231. Der neue Spross aus dem Hause Mercedes ist Athlet, Ästhet und App in einem. Athlet in reinster Form wird er mit drei Zusatzbuchstaben und bis zu 1.000 Nm Drehmoment. Ästhet ist er durch eine stilvolle Formensprache, die den in Aluminium aufgebauten Body auch ohne Muscle-Shirt extrem stark aussehen lässt. Bremsscheiben so groß wie eine Familienpizza, Kiemen so gierig wie das aufgerissene Maul eines weißen Hais, dreigeteilte Headlights, die mit kernigem Blick das Überhol-Image bestärken. Und mit reichlich elektronischen Finessen versehen, die Sicherheit im Höchstmaß bieten, aber eben auch Facebook, Twitter und Co.

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Im Schnitt erschien alle elfeinhalb Jahre eine neue Baureihe des SL. Nur der R 107 bildete eine Ausnahme, denn er wurde 18 Jahre lang gebaut und hält damit wohl den nicht mehr zu überbietenden Stückzahlrekord von 237.287 offenen Sportwagen. Aber, wie so oft im Leben, wird dem SL nicht die Ehre zuteil, die er in Form eines Oscars verdient hätte. Der große Abräumer bei den diesjährigen Academy Awards war ein Stummfilm. Das war letztmalig vor 83 Jahren der Fall. In dem Streifen „The Artist“ kommt auch einer zu kurz. Der Terrier mit dem Namen Uggie ist mindestens eine so große Attraktion wie Hauptdarsteller Jean Dujardin. Aber ob auf vier Pfoten oder vier Reifen, die wahren Helden stehen immer eher im Schatten als im Rampenlicht. Der R 231, das steht schon fest, wird demnächst wieder im Kino zu sehen sein. Als Ikone, als Product Placement und als Oscar-Anwärter.

Die großen Stars aus sechs Jahrzehnten Mercedes-Benz SL-Klasse finden Sie im Classic Driver Marktplatz - zum Beispiel eine Pagode, die zu Weihnachten am 24. Dezember 1969 in Hollywood ausgeliefert wurde.

Text: Jo Clahsen
Fotos: Daimler