Mercedes-Benz S 63 AMG: Doppelt hält besser

Dank zweier Turbolader bietet der neue S 63 AMG trotz reduziertem Hubraum mehr Leistung als sein Vorgänger – bei 25 Prozent weniger Verbrauch. Wir haben eine erste Runde mit den beiden 544 PS und 571 PS starken Versionen gedreht.

Nein, wir spielen es nicht schon wieder, das Lied von der roten Sau. Die nie enden wollende Anspielung auf den legendären Mercedes Benz 300 SEL 6,8 Liter der 1971 das legendäre Rennen von Spa gewann. Der Grund hierfür liegt auf der Hand. Dank einer selbstverordneten Schlankheitskur ist der einst so stolze Hubraum von 6,8 Liter auf nur noch 5,5 Liter geschrumpft. Doch kein Anlass zur Panik. Die beiden Garrett-Turbolader, die unmittelbar an den Abgaskrümmern des in Handarbeit zusammengebauten V8 Direkteinspritzers angebracht wurden sowie ein wassergekühlter Ladeluftkühler machen den vermeintlichen Mangel an Hubraum mehr als wett. Stramme 544 PS sind es im neuen S 63 AMG. Mit optionalem Performance Package legen die in diesem Fall so gar nicht sparsamen Schwaben sogar noch 27 PS drauf. Deutlich zu viel für die herkömmlichen Getriebe, weshalb man bei AMG auf das bereits aus dem E 63 bekannte MCT 7-Gang Getriebe mit Nasskupplung für die Kraftübertragung an die Hinterräder setzt. Das Ergebnis sind Fahrleistungen, die in den Bereich der Supersportwagen vorstoßen. Von Null auf 100 km/h sprintet die Einstiegsversion des S 63 AMG binnen 4,5 Sekunden, die Performance Variante benötigt noch einmal 0,1 Sekunden weniger und überbietet die bei der Normalversion auf 250 km/h begrenzte Höchstgeschwindigkeit um 50 km/h.

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Das aufkommende Klagelied aller Umweltapostel erstickt die Entwicklungsabteilung von AMG im Keim. Denn diese S-Klasse kann auch sparen. So sind die Ingenieure nicht zu Unrecht stolz auf die in dieser Kombination erstmals realisierte Stopp-Start-Anlage und die deutliche Verbesserung des Wirkungsgrades des Motors. Mit einem mittleren Verbrauch von rund 10,5 Litern liefert der S 63 AMG zumindest auf dem Papier den Beweis der zeitgenössischen Sparsamkeit. In der Praxis dürfte das Ergebnis jedoch deutlich höher ausfallen, was weniger an der Technik als vielmehr an dem Fahrer liegt. Denn der AMG drängt sich nahezu in jeder Situation als Fahrspaßmaschine auf und macht dem Fahrer schnell deutlich, dass gemächliches Reisen eher den Brüdern ohne AMG Logo am Heck überlässt.

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Bereits mit dem dumpfen V8 Sound, der nach dem Anlassen aus den vier armdicken Endrohren entweicht, markiert der S 63 AMG sein Revier und lässt keinen Zweifel an seiner motorischen Potenz. Erwidert der Fahrer die Aufforderung zum Spiel ohne Grenzen mit einem forschen Tritt auf das rechte Pedal, bietet sich ein ungewöhnliches Erlebnis. 800 Nm (Performance Package: 900 Nm) spielen Bankdrücken und puschen die 2,2 Tonnen schwere Limousine mit Nachdruck nach vorne, sodass zumindest nicht vorgewarnte Mitfahrer schnell in engem Kontakt mit den butterweichen Kopfstützen kommen. Bleibt der Fahrer standhaft auf dem Gas, so werden andere Verkehrsteilnehmer zu Statisten degradiert. Egal, ob beim Überholen auf der Landstraße oder beim Lückenfüllen auf der Autobahn. Der S 63 AMG erfüllt den Wunsch des Fahrers nach Beschleunigung nahezu digital, und die Welt um ihn herum scheint dabei still zu stehen.

Gleiches gilt auch in umgekehrter Richtung: Die Verzögerung des S 63 AMG entspricht dem hohen Sicherheitsniveau des Hauses und kann in jeder Situation überzeugen. Damit es jedoch erst gar nicht zu Extrembremsungen kommt, hat Daimler das Topmodell mit zahlreichen neuen Assistenzsystemen ausgerüstet. Dank des so genannten „Aktive Totwinkel-Assistenten“ warnen Nahbereichs-Radarsensoren an Front und Heck den Fahrer vor einem auftauchenden Fahrzeug im „Toten Winkel“. Dies erfolgt durch ein optisches Signal im Außenspiegel. Durch einen Bremsimpuls über das ESP korrigiert das System gezielt den Fahrer und zieht die S-Klasse wieder zurück auf den rechten Weg.

Mercedes-Benz S 63 AMG: Doppelt hält besser Mercedes-Benz S 63 AMG: Doppelt hält besser

Dieses und viele weitere nützliche Sicherheitssysteme schenken genug Vertrauen, um sich entspannt auf die mit luxuriösem Leder ausgeschlagenen Massagesessel niederzulassen und sich mit der Bang & Olufsen Anlage zu beschäftigen. Eine gründliche Überarbeitung der Hi-Fi-Komponenten durch die klangerprobten Dänen sorgt dafür, dass nun auch in der S-Klasse Konzertsaalatmosphäre herrscht. Neben diversen Soundschemata beherrscht die 1.200 Watt starke Anlage die Adaption sämtlicher derzeit gängiger Datenspeicherformate. Brillante Höhen gepaart mit einem hohen Maß an Dynamik sowie knackige und präzise Bässe machen die Entscheidung schwer, ob am Ende die Musik aus den Lautsprechern oder aus dem Bariton des V8 der richtige Sound für die Fahrt durch die Sommernacht ist. In jedem Fall bietet die HiFi-Anlage mit ihren aus Aluminium gefertigten Lautsprecherabdeckungen ein optisches Highlight in dem sauber verarbeiteten Innenraum des S 63 AMG.

Am Ende steht wie immer die Frage nach dem Preis. Mit rund 144.000 Euro ist der S 63 AMG zwar kein Schnäppchen, bietet jedoch in Anbetracht der superben Fahrleistungen einen reellen Gegenwert. Wer es gerne lang mag, der legt noch einmal 7.000 Euro für die Version mit erweitertem Radstand drauf. Das optionale Performance Package schlägt mit zusätzlichen 7.900 Euro zu Buche. Wie immer sich der Kunde entscheidet, er erhält eine S-Klasse die vermutlich schnell dem unbequemen Sportwagen in der heimischen Garage den Rang ablaufen wird.

Text: Sven Jürisch
Fotos: Mercedes-Benz


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