Mercedes-Benz E-Klasse Cabrio: Ruhe im Sturm

In diesem Jahr feiert die offene Variante der E-Klasse ihr Comeback. Nach der W124-Baureihe gibt es damit seit 1997 erstmals wieder ein Cabrio auf Basis der E-Klasse. Während Offenfahren beim Vorgänger jedoch Saisonsache war und Ausfahrten mit obligatorischer Sturmfrisur endeten, schwimmen die Passagiere des neuen E-Klasse Cabrio ganzjährig in einem windgeschützten Warmluftsee – das verspricht zumindest der Hersteller. Classic Driver war beim ersten Härtetest im winterlichen Palma de Mallorca.

Statt des CLK Cabrio ist im Mercedes-Portfolio künftig also wieder das stattlichere E-Klasse Cabrio Programm. Damit rückt der offene Viersitzer weiter ins Premiumsegment und adaptiert eine ganze Reihe von innovativen Technologien aus der E-Klasse-Baureihe. Allein die Sicherheitssysteme sind so umfangreich, dass man das Auto scheinbar sich selbst überlassen könnte: Attention Assist, Pre-Safe, BAS Plus, Adaptive Brake, Distronic Plus, Intelligent Light System, bis zu sieben Airbags und so weiter. Tatsächlich aber wirken die Fahrassistenten in Krisensituationen nur unterstützend. Gefahren werden muss noch selbst, noch. Zum Sicherheitspaket des neuen E-Klasse Cabrio zählt auch der aufwändige Überrollschutz, der bei einem Überschlag die gleiche Stabilität wie das Blechdach des Coupés bieten soll.

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Das neue E-Klasse Cabrio verfügt wie schon seine Vorgänger über ein klassisches Stoffverdeck. Das spart nicht nur Gewicht, sondern verleiht dem Cabrio auch optisch eine gewisse Leichtigkeit. Ohnehin wirkt das Design des neuen Cabrios viel dynamischer als man es in der vornehmen oberen Mittelklasse erwarten würde. Grund dafür ist vor allem die neue markantere Linienführung mit pfeilförmiger Front und breit ausgestellten hinteren Kotflügeln, die ein wenig an den Bentley Continental erinnern. Gegen den glatt gestrichenen CLK wirkt das kantige E-Klasse Cabrio geradezu wie aus einem Schieferblock geschlagen. Charakteristisch für das Design sind auch die neuen, eckigen Scheinwerferaugen, die stromlinienförmig in die Motorhaube übergehen. Die Hockeystick-förmigen Tagfahrleuchten wirken dagegen wie aus dem Zubehörkatalog.

Im Innenraum setzt sich die sportlich-markante Linie fort. Während das klassische Mercedes-Gestühl doch eher an komfortable Sessel erinnert, nimmt man im Cabrio auf ergonomischen Sportsitzen Platz. Sie sind Coupé und Cabrio vorbehalten und offerieren eine gute Mischung aus Komfort und Seitenhalt. Beides bieten auch die hinteren Sitze, sieht man einmal von der eingeschränkten Beinfreiheit ab. Den Zugang in die zweite Reihe erleichtert das serienmäßige EasyEntry-System, mit dem die vorderen Sitze nach dem Umklappen automatisch nach vorne fahren. Schon der CLK revolutionierte diese Technik - praktisch ist sie heute noch.

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Für mein erstes Bad im Warmluftsee kommt das Winterwetter auf Mallorca gerade recht. Wer hätte gedacht, dass es Mitte März auf der Baleareninsel noch schneit oder, dass überhaupt einmal eine Flocke fällt? Der Schnee hat sich letzte Nacht auf die Berggipfel gelegt und verwandelt die „Rote Insel“ in ein frühlingshaftes Alpenpanorama in grün-weiß. Für klassischen Cabrioletgenuss habe ich mich für einen Benziner entschieden und bin dabei nicht am leistungsstärksten Modell, dem E 500, vorbei gekommen. Immerhin geht es hier um einen emotionalen Fahreindruck. Das E 500 Cabrio ist die einzige der insgesamt acht verfügbaren Motorvarianten – vier Benzin- und vier Dieselaggregate (170 bis 292 PS) – die keine BlueEfficiency-Plakette trägt. Sein 5,5-Liter-Achtzylinder hat eben andere Qualitäten, die man als Classic Driver zu respektieren weiß. Nach klassischem Schlüsseldreh erwachen seine 388 PS mit tiefen, kraftvollen Bässen. Beim anrollen öffne ich noch schnell das Verdeck, das sich auch bis 40 km/h binnen 20 Sekunden per Knopfdruck unter den Heckdeckel legt.

Auf der Geraden beschleunigt der drehmomentstarke Achtzylinder in Zusammenarbeit mit der 7G-Tronic so gleichmäßig kraftvoll, das man ihn nur ungern dabei unterbricht, um die strengen spanischen Speed-Limits einzuhalten. Sonst gibt es eigentlich nichts, was einen davon abhalten würde, die Gänge sauber durch zu beschleunigen. Moment, da war doch was. Genau, ich fahre offen! Fast hätte ich das vergessen, obwohl das Thermometer unter zehn Grad anzeigt und ich bereits die Frühjahrskollektion – Hemd und Sakko – trage. Die Kombination aus weiterentwickeltem Airscarf und dem neuen Aircap wirkt im E-Klasse Cabrio wie eine Atmosphäre, die keine Außenluft in den Innenraum lässt. Das Aircap besteht aus einem Windabweiser, der per Knopfdruck aus dem Frontscheibenrahmen fährt. Zusammen mit dem festintegrierten Windschott zwischen den hinteren Sitzen werden damit die Windturbulenzen im Innenraum spürbar reduziert. Mit eingeschalteter Heizung entsteht somit tatsächlich eine Art konstante, warme Raumluft. Ganz so mollig ist es auf den hinteren Sitzen nicht, aber deutlich angenehmer, als man es von herkömmlichen Cabrios gewohnt ist. Frischluft-Puristen können sich mit runtergelassenen Seitenscheiben und eingefahrenem Aircap natürlich auch im E-Klasse Cabrio den Wind um die Nase wehen lassen.

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In den Bergen über Palma kommen mir verschneite Autos entgegen, der feuchte Asphalt glänzt trügerisch. Den E 500 hier an seine Grenzen zu bringen, wäre schlicht übermütig. Ich genieße daher mein beheiztes Freibad und lenke den Wagen entspannt durch die Kurven. Mit 1.840 Kilogramm ist das E-Klasse Cabrio zwar noch 10 Kilogramm schwerer als die Limousine, das Mehrgewicht macht jedoch der um 114 Millimeter verkürzte Radstand wieder wett. Mit seinem straffen Fahrwerk folgt der E 500 leichtfüßig den Kurven. Gasstöße belohnt der Achtzylinder aus jeder Drehzahl mit sattem Sound und souveräner Schubkraft; bei Volllast übrigens in 5,3 Sekunden von Null auf 100 km/h und auf maximal 250 km/h (abgeregelt). Ich schließe das Verdeck und rolle der Stadt entgegen. Dank des mehrlagigen Akustik-Dachs dringen kaum noch Fahrtgeräusche in den Innenraum. Ein Feature, das man in erster Linie von Luxus-Cabrios vom Schlage eines Bentley Azure kennt. Die Serpentinen hinter mir, steuere ich den prestigereichen Real Club Nautico im Hafen von Palma de Mallorca an. Hier, zwischen luxuriösen Yachten, passt das neue Premium-Cabriolet von Mercedes geradezu harmonisch ins Bild.

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Fazit: Mit dem neuen E-Klasse Cabrio zeigt Mercedes Charakter und bringt mit dem Aircap und der Marketingbotschaft „vier Personen, vier Jahreszeiten“ erneut eine Innovation ins Cabriolet-Programm. Was die ehemalige CLK-Kundschaft am Ende dazu bewegen wird, für den gewachsenen Viersitzer einen gewissen Aufpreis zu zahlen, bleibt abzuwarten. Sollten Sie in einen E 500 investieren – in der Basisausstattung kostet er 71.500 Euro – empfehlen wir ihnen als clevere Wertanlage einen gut erhaltenen Mercedes-Benz W124 dazuzustellen. Den bekommen sie neuerdings direkt bei Mercedes-Benz im Young Classics Store, inklusive Werksgarantie. Wertsteigerungspotential Mercedes-Benz W124: hoch.

Text: Jan Richter
Fotos: Jan Richter / Bernd Hanselmann

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