Mercedes-Benz Biome Concept: Biologischer Silberpfeil

Bislang war die LA Design Challenge nur eine Spielwiese der Zeichner, die ihre kühnsten Visionen auf Papier gebannt haben. Doch Mercedes dreht das Rad ein bisschen weiter. Die Schwaben haben für den Wettbewerb zur Autoshow von Los Angeles nicht nur drei Entwürfe eingereicht, sondern einen davon sogar in 1:1 nachgebaut. Und was für einen! Denn in ihrem Designstudio in Carlsbad, zwei Stunden südlich von Hollywood, haben sie nicht weniger entworfen, als einen Silberpfeil für Captain Future.

Mit etwas mehr als vier Metern kaum länger als eine B-Klasse, aber mit über zwei Metern breiter als jeder andere Sportwagen aus Stuttgart duckt sich die Flunder extrem flach in den Wind und zeigt eine völlig neue Designlinie. „Es gibt kaum eine Gerade an dem Wagen, sondern alles ist rund und flüssig, und trotzdem sieht er extrem sportlich aus“, sagt Studioleiter Hubert Lee über den Viersitzer, in dem der Fahrer vorne, die zwei Passagiere in der Mitte und der vierte Mann hinten entgegen der Fahrtrichtung reisen.

Mercedes-Benz Biome Concept: Biologischer Silberpfeil Mercedes-Benz Biome Concept: Biologischer Silberpfeil

Nicht nur die Form ist faszinierend, sondern auch die Konstruktion. Denn die gesamte Karosse ruht auf einem Gerüst, das an ein Skelett erinnert und auch das gesamte Interieur trägt. Und wo heute noch der Flügeltürer allen Sportwagen die Schau stiehlt, wird der Biome vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren damit punkten, dass sich die gesamte Karosserie aufklappen lässt wie die zwei Hälften einer Muschel.

In sechs Wochen haben die Designer das Auto erst gezeichnet, dann modelliert und am Schluss in Originalgröße aufgebaut. Diesen Aufwand treiben die Schwaben nicht nur für die Messe und den Wettbewerb. Damit wollen sie beweisen, dass sie gar nicht so spießig und behäbig sind, wie man es dem Luxusdampfer Daimler vielleicht anlasten könnte. „Solche Aufgaben fordern das Team, setzen eine ungeheure Kreativität frei und bringen uns auch bei den Serienprodukten weiter“, sagt Steffen Köhl, der das Advanced Design von Mercedes leitet und den Biome ebenso verantwortet, wie die Maybach Rikscha aus Tokio und den gestrickten Smart aus Sindelfingen, die beide auch in der LA Design Challenge antreten.

Mercedes-Benz Biome Concept: Biologischer Silberpfeil Mercedes-Benz Biome Concept: Biologischer Silberpfeil

Zu den starken Formen gibt es noch stärkere Fiktionen für Produktion und Antrieb des Showcars. So soll der Wagen aus genetisch programmierten Samen in einer Mercedes-Gärtnerei wachsen und mit einem speziellen Bio-Nektar fahren. Das alles klingt so abgedreht, dass man eigentlich die gesamte Studie als Spinnerei abtun könnte. Doch das könnte ein Fehler sein. Denn die Bio-Fasern, mit denen die Designer das Gewicht wie von der Wettbewerbskommission gefordert, unter 450 Kilogramm gedrückt haben, könnte man ja zum Beispiel durch Karbon ersetzen. Und statt des Nektar-Antriebs montiert man vielleicht die E-Motoren aus dem SLS – und schon hätte Mercedes ein Auto, das optisch wie technisch zum Beispiel mit dem gerade zum künftigen Serienmodell erhobenen BMW Öko-Sportwagen „Vision Efficient Dynamics“ konkurrieren könnte.

Deshalb heben die Mercedes-Designer mahnend den Finger, wenn man die Studie zu schnell ins Reich der Visionen verbannt. „Schritt für Schritt analysiert und auf reale Techniken herunter gebrochen, stecken in diesem Auto viele Details, die wir vielleicht irgendwann im Design eines kommenden Sportwagens wieder sehen werden“, sagt deshalb Biome-Macher Hubert Lee. Und sein Chef Köhl ist dankbar, dass der junge Asiate in Carlsbad so weit voraus denkt. „Genau das ist doch die Aufgabe der Advanced Designer. Und mir ist es lieber, wir müssen die Jungs immer mal wieder einfangen und zurück in die Gegenwart holen, als sie ständig nach vorne zu treiben.“

Text: Benjamin Bessinger
Fotos: SP-X