Mecklenburgische Schweiz: Schlössertour mit Phantom

Es muss nicht immer Schottland sein. Auch in der Mecklenburgischen Schweiz lässt es sich im Herbst wunderbar von Schloss zu Schloss spuken. Zum Beispiel in einem Rolls-Royce Phantom.

Schwarzwald, Bayerische Alpen, Nordseeküste – alles weitgehend bekannt. Mecklenburg-Vorpommern hingegen ist für viele Deutsche immernoch ein unentdecktes Land. Gut so, könnte man meinen. Sollen die Touristenbusse und Souvenirstände noch eine Weile auf sich warten lassen. Schließlich finden sich hier, keine Autostunde von den Metropolregionen Hamburg und Berlin entfernt, nicht nur blühende, sondern vor allem urtümlich-wilde Landschaften von sprödem Charme unter endlosem norddeutschem Himmel. Vor allem im Herbst, wenn sich das Laub entlang der zahllosen Alleestraßen in den wildesten Rot- und Orangetönen verfärbt, ist das am dünnsten besiedelte Bundesland im nordosten der Republik ein absoluter Geheimtipp. Natürlich locken auch Rügen, Hiddensee, der Darß und die gesamte Ostseeküste mit maritimem Flair, doch besonders die großen Naturparks und Seenlandschaften im Landesinneren bieten Zivilisationsmüden ein paradiesisches Rückzugsgebiet.

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Raubritter und Treuhänder

Rund um die Malchiner und Kumerower Seen finden sich auch zahlreiche der mehr als 1.500 Burgen, Schlösser und Herrenhäuser, die hier seit dem Mittelalter errichtet wurden. Zunächst waren es Raubritter, die sich hinter dicken Steinmauern, Zugbrücken und Wassergräben verschanzten. Ab dem 16. Jahrhundert, als derartige Trutzburgen nicht mehr notwendig waren, errichtete der Adel die ersten Schlösser und Gutshäuser. Die Blütezeit der Gutswirtschaft erreichte das heutige Mecklenburg-Vorpommern im 18. und 19. Jahrhundert, als auch zahlreiche der großen Parkanlagen entstanden. Nach der Wende wurden viele der Häuser von der Treuhand für geringe Summen an Privatinvestoren verkauft – und so bietet sich heute ein sehr heterogenes Bild: Während manches Gutshaus ungenutzt verfällt, wurden andere Anwesen mit viel Geld und Geschmack neu aufgebaut.

Wir starten unsere Schlössertour in Berlin. Rolls-Royce Motors hat uns für unsere Reise auf den Spuren des blauen Blutes das passende Reise-Automobil gestellt – eine klavierlackschwarze Phantom-Limousine, der durch die Straßen der Hauptstadt gleitet wie ein Gefährt aus längst vergangener Zeit. Den wirtschaftlich nicht gerade güldenen Osten der Republik mit einem Rolls-Royce zu durchqueren, hat natürlich seinen Geschmack. Und als wir von Berlin aus nach Norden, in Richtung Müritz aufbrechen, möchten wir uns bei den grauen Gestalten am Straßenrand fast für den pompösen Auftritt entschuldigen. Doch negative Reaktionen bleiben aus, und zwar auf der gesamten Reise. Für viele Mecklenburger sind Luxus und Reichtum schließlich keine Bedrohung, sondern Attribute einer vielversprechenden Zielgruppe, von der im Idealfall eine ganze Region profitieren kann.

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Dunkel war’s, der Mond schien helle

Unser Ziel ist die Mecklenburgische Schweiz, eine hügelige Landschaft nördlich der Mecklenburgischen Seenplatte. Und ein wahres Schlösser-Eldorado. Die Dämmerung legt sich bereits über die Wiesen und Wälder, als wir nach zwei Stunden Landstraßenfahrt den Nationalpark Müritz passieren. Der Himmel ist bedeckt, doch per Knopfdruck kann man zumindest im Fond des Rolls-Royce den Sternenhimmel aufleuchten lassen. Die vielen hundert winzigen LED-Glühwürmchen werden in der Manufaktur in Goodwood übrigens von Hand in den Dachhimmel eingebaut. Klingt poetisch, ist aber sicherlich eine Heidenarbeit. So gleitet man umhüllt von unwirklichem Glühen durch die Dunkelheit, spürt die zentimeterdicken Teppiche unter den Ledersohlen, lauscht den Konzertsaalklängen der Lautsprecher, korrigiert mit Fingerspitzen den Kurs und fragt sich, ob das wirklich noch Autofahren ist, was man hier betreibt. Der Name Phantom trifft das Gefühl schon sehr gut.

Das erste Schloss am nächsten Morgen ist eine Burg: Die Burg Schlitz thront erhaben und weithin sichtbar auf dem Buchenberg. Die dreiflügelige Schlossanlage wurde 1824 fertig gestellt, heute beheimatet der klassizistische Bau ein sehr persönliches Luxushotel mit rund 20 Zimmern und Suiten, die vor allem von Jadggesellschaften und Reitern gebucht werden. Über Kopfsteinpflaster führt eine filmreife Alleestraße durch den 180 Hektar großen Schlosspark, hinauf zum Eingang der Burg. Wer nicht übernachten will, kann im Rittersaal klassische französische Küche genießen oder – die schlichtere, aber nicht schlechtere Variante – in der Brasserie eine Mecklenburger Fischsuppe bestellen und den Ausblick über die herbstlich gefärbten Ländereien genießen. Gestärkt setzen wir unsere Tour in Richtung Nordosten, entlang des Malchiner Sees, fort. Zwar ist die Region nach der Schweiz benannt, doch erinnern die sanften Hügel, Hagebuttenhecken und Laubwälder hier eher an englische oder walisische Landschaften.

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King of the Hill

Abgelenkt von kreisenden Raubvögeln und Rehen, die unserem schwarzen Phantom immer wieder interessiert nachblicken, verlieren wir unsere Route aus den Augen. Aus unserer Straße wird ein Feldweg, der immer schmaler wird, um schließlich vor einem grasbewachsenen, gut dreißig Meter hohen Hügel zu enden. Wir steigen aus. Die Luft ist kühl, es riecht nach feuchter Erde und nach Heu. Überzeugt, hier in the middle of nowhere, das perfekte Motiv unserer Reise gefunden zu haben, starten wir den Zwölfzylinder erneut und folgen einer ausgeblichenen Traktorspur auf den Gipfel. Der Blick von oben über die menschenleere, naturbelassene Weite hat etwas meditatives. Lange stehen wir neben dem Wagen, die Füße im nassen Gras, und blicken in die Ferne. Erst als der blaue Septemberhimmel zuzieht und die Kaputze des Duffelcoats nicht mehr vor dem Nieselregen schützt, ziehen wir uns auf die Ledersessel unseres rollenden Salons zurück.

Zeit für den Fünf-Uhr-Tee. Auf der Südseite des Malchiner Sees erreichen wir die Wasserburg Ulrichshusen, einer der frühesten Renaissance-Bauten in Mecklenburg. Die 1562 von Ulrich von Maltzan errichtete Burg war ursprünglich komplett von einem Graben umgeben. 1993 übernahm Freiherr Helmuth von Maltzahn das Schloss als ausgebrannte Ruine, heute beheimatet das Ulrichshusen nicht nur den neuen Hausherrn, sondern auch ein wunderbar entspanntes Hotel. Im ehemaligen Pferdestall bekommt man auch als Tagesgast feinstes Ulrichshusener Wild mit Wacholdersauce und Serviettenknödeln aufgetischt. Unsere nächste Station nach der Stärkung konfrontiert uns derweil mit der Realität der Mecklenburgischen Denkmalpflege: Das einstmals pompöse Schloss Vollrathsruhe steht leer und ist, wie zahlreiche andere Prachtbauten, vom Verfall bedroht. Ein Jammer, aber die Kosten für die Restauration eines solchen Objektes sind natürlich immens.

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Zurück in der Hansestadt

Die Nacht verbringen wir auf Schloss Schorssow, einem klassizistischen Prachtbau aus dem späten 18. Jahrhundert. Am nächsten Morgen durchqueren wir noch einmal die eindrückliche Moorlandschaft des Naturparks Nossentiner-Schwinzer-Heide, in der man mit etwas Glück sogar Fisch- und Seeadler beobachten kann. Derartig ursprüngliche Natur vermuten entfremdete Großstädter wie wir in Skandinavien oder Kanada, nicht aber vor den Toren unserer Stadt. Keine drei Stunden später erreichen wir Hamburg. Für Schlösser und Burgen hat man in der protestantischen Hansemetropole zwar wenig übrig, der rechte Ort für den Ausklang einer Schlössertour lässt sich dennoch finden: An der Elbchaussee in Richtung Blankenese liegt das Hotel Louis C. Jacob, ein traditionsreiches und sehr persönliches Fünf-Sterne-Hotel mit Blick auf die Elbe. 2009 wurde hier Robert Redford getraut, wir begnügen uns mit einem Glas Rotwein am Kamin. Und der Gewissheit, das Land der Schlösser, Seen und Alleen schon bald wieder besuchen zu können.

Weiterführende Links:

Tourismusverband Mecklenburgische Schweiz: www.mecklenburgische-schweiz.com
Liste der Gutshäuser und Schlösser in Mecklenburg-Vorpommern: www.gutshaeuser.de
Burg Schlitz: www.burg-schlitz.de
Burg Ulrichshusen: www.ulrichshusen.de
Schloss Schorssow: www.schloss-schorssow.de
Hotel Louis C. Jacob Hamburg: www.hotel-jacob.de

Text & Fotos: Jan Baedeker
Produktionsleitung: J. Philip Rathgen


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