Maserati Quattroporte S

Erfrischende Abwechslung! Wer die visuelle Verfettung der Oberklasse mit wachsender Sorge und stechender Leber betrachtet, muss nur den Blick nach Italien wenden: Der sportlich-elegante Maserati Quattroporte verhält sich zu den nordischen Dickschiffen wie ein sizilianisches Limonensorbet zu einer Portion schwäbischer Kässpätzle mit bayerischer Schweinebauch-Beilage. Doch wie steht es um die Qualität der Italo-Limousine? Wir haben die aktuelle Sportversion zum Neujahrstest nach Hamburg gebeten...

Um es gleich zu sagen: Mit zwei Tonnen Gesamtgewicht und einer Länge von 5,10 Metern ist der Maserati Quattroporte keine zierliche Erscheinung. Im Gegenteil: Die Limousine, der Maserati seine Rückkehr in die schwarzen Zahlen verdankt, sorgt selbst auf der Hamburger Luxusmeile Neuer Wall für überraschte Blicke. Und dennoch unterscheidet sich der Viertürer auf den ersten Blick von den zahllosen Mercedes-, BMW- und Audi-Limousinen, die einen Großteil des hanseatischen Stadtverkehrs ausmachen, durch eine zurückhaltende Eleganz. Statt Wuchtigkeit setzt das italienische Traditionsmodell auf sanfte Rundungen, sinnliche Kurven und geschmeidige Linien. Das muss man mögen. Klasse hat es in jedem Fall.

Das Konzept der italienischen Sportlimousine ist nicht neu, bereits 1963 kam der erste Maserati Quattroporte auf den Markt. Seit 2003 wird die mittlerweile fünfte Generation in Modena gefertigt. Um die Baureihe zeitgemäß zu halten, erhielt die Limousine im Sommer 2008 eine Modellpflege, die sie optisch näher an den neuen Maserati GranTurismo rückte. Auch technisch profitierte die Quattroporte-Baureihe vom neuen Coupé: Seit dem vergangenen Herbst steht dem 400 PS starken Basismodell eine Sportversion zur Seite – der Maserati Quattroporte S. Angetrieben wird der Leistungsträger vom selben 4,7 Liter V8 aus dem Fiat-Baukasten, der auch Maserati GranTurismo und im Alfa 8C seinen Dienst verrichtet. Bei 430 PS Leistung kein langweiliger Job!

Maserati Quattroporte S Maserati Quattroporte S

Entsprechend agil lässt sich unser Testwagen durch den Hamburger Stadtverkehr dirigieren. Eine verbesserte Sechsstufen-Automatik und die Schaltpaddel am Lenkrad sorgen dabei ebenso für Sportwagen-Dynamik wie die Programm-Tasten „geringer Grip“ und „Sport“, über die sich das Ansprechverhalten der Dämpfer, die Taktung der Automatik und der Motorsound beeinflussen lassen. Nur 5,4 Sekunden benötigt die Rennlimousine für den Sprint bis 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit gibt Maserati großzügig bis 280 km/h frei. Für den Agilitäts-Check eignet sich allerdings eher der menschenleere Hamburger Freihafen, vor dessen rauer Industrieästhetik auch die Grazie unserer Sportlimousine noch deutlicher zur Geltung kommt.

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Im Gegensatz zu den Hochdruck-Derivaten von Mercedes AMG und Co verlangt der Maserati Quattroporte S aber auch dem Fahrer eine gewisse Sportlichkeit ab: Die Ledersitze sind elegant aber schmal geschnitten, die Sicht für Großgewachsene durch ein niedriges Dach begrenzt. Auch die Rundumsicht, die Größe der Rückspiegel und ganz allgemein das Platzangebot in Fond und Gepäckraum fällt vergleichsweise spartanisch aus. Wer sich für einen Maserati entscheidet, nimmt diese italienischen Einschränkungen jedoch gerne in Kauf.

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Unter die Rubrik „Charmante Eigenarten“ fällt auch das neue Entertainment- und Navigationssystem von Bose, das sich glücklicherweise von der Pacman-Grafik des Vorgängers verabschiedet hat, jedoch mit seinen verschachtelten Untermenüs und einem interessanten Annäherungssensor durchaus eine gewisse Kennenlernzeit benötigt. Ebenso überraschen die von zwei unterschiedlichen Damen mit ähnlichen Campari-Stimmen im Wechsel eingesprochen Navigationskommandos. Tauscht man die deutsche Spitzfindigkeit beim Einstiegen gegen eine Portion italienischer Lässigkeit, sollten einen derartige Details jedoch nicht weiter vom Wesentlichen ablenken: Der Freude am Fahren, Sprinten, Gleiten und Tanzen. Denn leichtfüßiger als am neuen, griffigen Steuer des Maserati Quattroporte S kommt man momentan nicht über Parkett bzw. den Asphalt.

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Zum südländischen Tanzverhalten gehört selbstverständlich auch ein gewisses Erfrischungsbedürfnis, besser gesagt: Man hält mit einem Auge stets die Bar im Blick. Auch der Maserati Quattroporte S meldet bei entsprechend sportlicher Führung recht schnell seinen Durst und das Verlangen nach einer Tankstelle. Statt Chiati genügt zwar Benzin – um die 15,7 Liter sind es dann aber doch auf 100 Kilometer. Wer sich eine echte Diva anlacht, muss eben die Folgekosten tragen, das gilt auch im automobilen Glamourbereich. Und wer den Einstiegspreis von 123.350 Euro plus einen entsprechenden Aufschlag für die Optionsliste aufbringen kann (im Falle unseres Testwagens rund 20.000 Euro für das Komplettpaket mit Sonderlackierung ‚Blu Sebring’, Alcantara-Dachhimmel, Komfortsitzen, TV-Tuner, iPod-Schnittstelle und zahllosen weiteren Extras), verfolgt die Benzinpreise sowieso nur marginal.

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In Detroit zeigt Maserati momentan mit dem Quattroporte Sport GTS, wie nah sich die Limousine in Richtung Rennstrecke rücken lässt. Ein ausführlicher Test des neuen Topmodells wird in Kürze folgen. Bis dahin soll unsere Empfehlung für den Maserati Quattroporte S als ‚Goldene Mitte’ zwischen Basisversion und Topmodell bestehen bleiben – vorausgesetzt, Sie haben genügend Schneid, eine echte italienische Primadonna auszuführen. Ansonsten haben Sindelfingen und Ingolstadt natürlich auch brave, bodenständige und fleißige Töchter. Jedem nach seinem Geschmack.

Text & Fotos: Jan Baedeker


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