Mailänder Möbelsalon 2011: Cruisen im Wohnzimmer

Stuhl Manzù von Pio Manzù

Sie ist das Epizentrum der Designwelt, Indikator neuer Wohntrends und Bühne für all jene, die sich mit dem Label Design gern schmücken möchten: Die Mailänder Möbelmesse, die am vergangenen Sonntag nach sechs dicht gefüllten Tagen zu Ende ging. Das Fazit des 50. Salone Internazionale del Mobile: Das Wohnen kombiniert stilvolle Behaglichkeit mit automobiler Beschleunigung.

Wenn die Mailänder Möbelmesse alljährlich Mitte April die Stadt in einen kollektiven Ausnahmezustand versetzt, wirken die Chaostage dagegen wie ein gemütliches Rentnertreffen. Allein an den ersten vier Abenden konkurrieren über 400 Vernissagen, Cocktails und Präsentationen um die zum Platzen gefüllten Terminkalender der Besucher. Die Herausforderung: In den Cocktailstunden zwischen sechs und zehn Uhr abends mindestens ein Duzend Events eintakten, Leute treffen, Verabredungen wahrnehmen, absagen, umdisponieren und – als wäre das nicht schon genug – nebenbei natürlich noch die neuesten Entwürfe begutachten.

Roundwood von Jasper Morrison für MaruniTokyo von Cassina

Auch diesmal wurde heftig geschraubt, gehämmert und ordentlich Späne produziert. Ob auf dem Messegelände vor den Toren der Stadt oder in den zahlreichen Showrooms und Ausstellungen, die sich über die gesamte Stadt erstreckten: Anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens setzte die weltgrößte Möbelschau auf überaus handfeste Materie: Holz in allen denkbaren Variationen, gepaart mit Bezügen aus Leder oder grober Wolle.

Freunde skandinavischer Klassiker kamen auf diese Weise in die Gunst einer üppigen Retro-Show mit zeitgemäßem Anklang, wie Jasper Morrisons beeindruckend wohl proportionierter Holzstuhl „Roundwood“ für Maruni bewies. Cassina stellte derweil mit „Tokyo“ eine Holz-Version der berühmten Bauhaus-Caiselongue „LC4“ (1928) von Charlotte Perriand und Le Corbusier vor, die trotz ihrer Entstehungszeit im Jahr 1940 nie in Produktion ging und den heutigen Trend zum luxuriösen Gartenmöbel schon vor über sieben Jahrzehnten voraus dachte. Weitaus ironischer ging unterdessen das japanische Designbüro Nendo ans Werk, dessen aus Kunststoff gefertigter „transparent table“ (Eigenproduktion) die Oberflächenstruktur von Holz imitierte und damit dieser Messe zugleich die Hörner aufsetzte.

Hermès Kollektion La MaisonPoltrona Frau Drehstuhl Ginger & Schreibtisch Fred

Für Aufsehen sorgte diesmal ein Quereinsteiger unter den Möbelmarken: das französische Traditionshaus Hermès, das seine Möbelkollektion „la maison“ in einem temporären Pavillon von Shigeru Ban und Jean de Gastines inszenierte. Die Kollektion, die neben einer Reedition von Entwürfen Jean-Michel Franks aus den 30er Jahren auch zeitgenössische Entwürfe von Antonio Citterio, Enzo Mari und dem Architekturbüro RDAI umfasst, ließ mit betont zurückhaltenden Formen der eigentlichen Stärke des Hauses den Vortritt: dem unverkennbaren Know-how in der Verarbeitung von Leder, das vor allem bei Entwürfen wie dem Armlehnensessel von Dennis Montel vom Büro RDAI eindrucksvoll zu Geltung kam.

Blieben die Formensprache der Hermès-Kollektion noch etwas zaghaft, ging die italienische Polstermanufaktur Poltrona Frau mit ihrem historischen Erbe weitaus freier um. Überzeugen konnte das ebenfalls auf Leder spezialisierte Unternehmen, das im kommenden Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert, mit dem beeindruckend filigranen Schreibtisch „Fred“, der über eine vollständig aus Leder gearbeitet Arbeitsfläche verfügt, sowie den dazu passenden, kokonartigen Drehstuhl „Ginger“, die beide vom dem in Pisa arbeitenden Designer Roberto Lazzeroni entworfen wurden.

Lounge-Möbel Avus von Konstantin Grcic für Plank

Dass ein Sessel durchaus von der Straße lernen kann, zeigte Alias mit einer posthumen Veröffentlichung des Sessels „Manzù“ von Pio Manzù. Der Autodesigner, der in den 60er Jahren dem erfolgreichen „Fiat 127“ auf die Sprünge half, entwickelte zur selben Zeit den Prototyp eines Sitzmöbels für die Kaufhauskette La Rinacente. Nachdem Manzù 1969 bei einem schweren Autounfall im Alter von 30 Jahren ums Leben kam, wurden seine Möbelentwürfe vorschnell ad acta gelegt – zu Unrecht, wie der aus Leder gearbeitete Sessel mit seinen dynamischen Kurven unter Beweis stellt.

Beeinflusst vom Automobil-Design wurde ebenso Konstantin Grcic bei der Entwicklung seines Lounge-Möbels „Avus“ für Plank. Dieses verfügt über einen Korpus aus thermisch verformten ABS-Kunststoff, wie er im Inneren von Fahrzeugen regelmäßig Verwendung findet, während die umlaufenden Reißverschlüsse der Polsterung dem Konstruktionsprinzip hochwertiger Reisekoffer nachempfunden wurden.

Aston Martin Drive me home-KollektionTransparent Table von Nendo

Die Liaison zwischen Asphalt und Wohnzimmer trieb unterdessen der britische Autobauer Aston Martin auf die Spitze. Mit einer in Lizenz produzierten Möbelkollektion möchte die Kultmarke künftig dauerhaft im Wohnbereich mitspielen und präsentierte eine 21 Objekte umfassende Kollektion mit dem Titel „Drive me home“. Entworfen wurden die Sofas, Regale, Tische und Leuchten vom Architekten Mirko Tattarini Monti sowie dem Designer Emanuele Canova, die für ihre bodennahe Chaiselongue „PKU05“ einen Rahmen aus Karbonfaser und satiniertem Aluminium mit einem Bezug aus Leder kombinierten. Vertrieben werden die Modelle künftig über eigene Showrooms, die bis Ende des Jahres in China, Russland und dem Mittleren Osten veröffnet werden sollen. Dynamischer geht zwar immer noch auf der Straße zu. Doch Anschnallen gehört ab sofort wohl auch im Wohnzimmer mit dazu.

Text: Norman Kietzmann
Fotos: Hersteller