Louwman Museum: Die Karossenkathedrale

Louwman Museum: Die Karossenkathedrale

Ein Besuch im Louwman Museum in Den Haag kommt dem Besuch einer Kathedrale gleich. Im lichtdurchfluteten Dreischiffbau nehmen 125 Jahre Autobau Ehrfurcht gebietende Formen an.

Piet W. Louwman gründete 1923 mit seinem damaligen Partner Parqui eine Firme zum Import von Motorrädern und Ford-Automobilen in Den Haag. Ein Jahr später wird die Firma Alleinimporteur von Dodge Fahrzeugen. Zehn Jahre später kauft P.W. Louwman einen historischen Dodge, Typ 30, Baujahr 1914, und startet damit die inzwischen weltgrößte Sammlung historischer Fahrzeuge und die älteste Privatsammlung, die der Öffentlichkeit zugänglich ist. Ein Besuch im Louwman Museum, vom inzwischen 71-jährigen Sohn Evert Louwman initiiert, kommt dem Besuch einer Kathedrale gleich. Im lichtdurchfluteten Dreischiffbau, vom US-Architekt Michael Graves erbaut, nehmen 125 Jahre Autobau Ehrfurcht gebietende Formen an.

Louwman Museum: Die Karossenkathedrale Louwman Museum: Die Karossenkathedrale

Ein konventionelles Museum, einen Zweckbau, darf man in Den Haag nicht erwarten. Eher eine Hommage an die gesamte Geschichte des Automobilbaus, die fein durchwirkt ist mit Gemälden, Postern und Skulpturen zum Thema Automobil. Die gesamte Installation mit Tiefgarage, einem kleinen See, einem wunderschönen Park und dem 60.000 Quadratmeter großen Museum liegt in unmittelbarer Nähe des Anwesens von Königin Beatrix. Wenn man die Ausfallstraße in Richtung Amsterdam (der heimlichen Hauptstadt) nimmt und rechter Hand einen vermeintlichen Sakralbau in roten Ziegeln zu entdecken glaubt, ist man angekommen am Louwman Museum. Aus der Tiefgarage heraus ergeht man sich in der parkähnlichen Anlage bis zu einem üppig dimensionierten Vorplatz vor dem Hauptschiff des U-förmigen Museums. Bis in eine Höhe von 15 Metern erstreckt sich das Querschiff und setzt die Exponate in ein Licht wie sonst nur Altare und Beichtstühle in Kathedralen.

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Ab hier gilt: kein Hochglanz, keine aufpolierten und bis ins kleinste Detail restaurierten Fahrzeuge einer bestimmten Ära, sondern eine sehr sorgfältig ausgewählte Fahrzeugauswahl. Denn der Herr der automobilen Dinge ist bodenständig und mag keine Nachbauten. Gleich links im Eck der Empfangshalle eine Kuriosität, das Graham Blue Streak Coupe mit dem Curtiss Aerocar Land Yacht als Auflieger. Tatsächlicher Yachtbau mit Toilette, Barometer, Höhenmesser und Sitzmöbeln feinster Bauart. Ein Beispiel für die Auto- und Banker-Nation USA. Nur einpaar Schritte weiter repräsentiert ein DAF Prototyp mit Originaltafel und Kreidebeschriftung die Niederlande, denn der erste Variomatic-Pkw ist quasi die Rennpappe aus Holland und war sehr erfolgreich, weil es nur zwei Betriebsmodi gab: vor- und rückwärts, ohne Kupplung.

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Deutschland wird durch den staatstragenden Mercedes 600 symbolisiert und durch ein Opel Olympia Cabriolet, China durch den Fake-Mercedes SH 760. Und alle Perioden des Automobilbaus – von Veteran über Vintage, Post-Vintage bis hin zu Classic – sind in den 230 Exponaten vertreten. Natürlich auch der Dodge Typ 30, den Piet Louwman 1924 erwarb. Das alles verbindet sich in den beiden oberen Stockwerken zu einer atemberaubenden Tour durch 125 Jahre. Dampfwagen, Dreiradkonstrukte wie auch Skurrilitäten à la Sunbeam-Mabley oder der de Dion Bouton Vis-a-Vis. Lieferwagen und Feuerwehren der Frühzeit und ein Filmstar namens Darraco 12-HP Genevieve. Alle im fahrbereiten Zustand, wie die bildhübschen Töchter von Bouwman erst 2000 mit Genevieve bei einer Classic-Ausfahrt belegten.

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Man trifft auch auf Klassiker wie den Lloyd LP 300, damals im Volksmund „Plastikbomber“ getauft, genauso wie auf eine „Ente“, den Willys-Jeep oder den Eysink aus den Niederlanden, den letzten seiner Art. Und natürlich den Briggs Stratton Flyer, dessen fünftes Rad hinten zwischen den Laufrädern für den Antrieb sorgte und sorgt. Die Isetta steht auch hier, der Messerschmitt Kabinenroller ebenso und sogar der Mercedes Typ Nürburg von Kaiser Wilhelm II. Ganze Serien von Rennwagen jeglicher Marke und Couleur bis hin zu ersten Elektromobilen und einem Toyota Prius finden sich. Schließlich ist Louwman und Parqui BV die Marketing- und Verkaufsorganisation von Toyota in den Niederlanden. Mit 185 Mitarbeitern.

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Kaiser, Könige und andere Potantaten sind genauso verewigt wie Autos berühmter Schauspieler. Der Baja-Buggy von Steve McQueen und der Original Aston Martin DB5 von James-Bond-Darsteller Sean Connery. Kurzum: ein mehrgängiges Menu zum Thema Automobilbau. Mit einer umfangreichen Spyker-Sammlung, speziellen Ferrari, Alfa Romeo, Mercedes bis hin zum skurrilsten aller Mobile, dem Brooke Swan Car. Wer angesichts solcher Delikatessen ins Schwärmen gerät und eine Verschnaufpause benötigt, findet im Erdgeschoß eine Cafeteria, in der nicht nach Disney-Vorbild Imitate hängen, sondern die Original-Front des ersten Ladens von Bouwman und Parqui oder auch eine Original-Kutschenbauer-Werkstatt. Nichts ist aufgehübscht, alles aus der Umgebung besorgt und liebevoll verbaut worden. Sogar das Kopfsteinpflaster. Ein konventionelles Museum ist das Louwman Museum eben nicht.

Weitere Informationen zum Louwman Museum sowie eine Übersicht aller ausgestellter Automobile finden sich unter www.louwmanmuseum.nl.

Text: Jo Clahsen
Fotos: Louwman Museum