Le Mans 1959: Carroll Shelby erinnert sich

Vor fünfzig Jahren feierte Aston Martin in Le Mans einen Sieg, der in die Geschichte des Motorsports eingehen sollte. Einer der beiden Piloten hinter dem Steuer des DBR1 war Carroll Shelby, damals 36 Jahre jung. Pünktlich zum Jubiläum lässt die amerikanische Rennfahrerlegende nun die entscheidenen 24 Stunden auf dem Rundkurs noch einmal Revue passieren.

„Das Jahr 1959 war eine unglaubliche Zeit für Aston Martin und ich denke immer wieder mit großer Freude daran zurück. Dabei sind gerade die Erinnerungen an die Tage von Le Mans durchaus unterschiedlich. Zum Beispiel die vielen Galonen von Benzin, die wir während des Rennens verbrannt haben. Kurz vor dem Ende des Rennens, als der Sieg schon absehbar war, übernahm der damalige Firmenchef David Brown das Steuer, um den DBR1 in der finalen Runde durchs Ziel zu bringen. Dies bedeutete ihm unglaublich viel – und ich denke, er hatte schon sein ganzes Leben von einem Sieg in Le Mans geträumt. Als er wusste, dass Aston Martin gewinnen würde, zog er seinen besten Zwirn und einen neuen Sportscoat über. Doch als er in den Wagen stieg, musste er sich in einer drei Zentimeter tiefen Ölpfütze niederlassen. Er tat mir wirklich Leid in dieser Situation – so schick gemacht und von oben bis unten verschmiert mit Öl. Doch ich denke, in anbetracht der Umstände war ihm das herzlich egal!

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Unser Rennbudget für die gesamte Saison betrug damals gerade einmal 150.000 Britische Pfund. So wie damals hat es Aston Martin auch heute wieder geschafft, mit recht limitierten Ressourcen große Erfolge zu erzielen. Ich habe großen Respekt gegenüber dem aktuellen Team und werde ihnen beim Rennen am Wochenende fest die Daumen drücken. Dennoch hat sich unglaublich viel verändert. Wahrscheinlich würde ich die Veranstaltung heute nicht wiedererkennen. Heute ist Le Mans so etwas wie ein 24-Stunden-Sprint - damals war es eher eine Serie von Kompromissen. Es gab, abgesehen von unseren Füßen, keine automatische Drehzahlbegrenzung und weder die Kupplung noch das Getriebe waren sehr stabil. Es ging damals hauptsächlich ums Durchhaltevermögen – eine falsche Bewegung und der Motor flog einem um die Ohren.

Eigentlich kann man das Rennen von 1959 nicht mit dem Rennen von 2009 vergleichen. Ich neige dazu, in Rennsport-Epochen zu denken. Man kann nicht sagen, ob eine Epoche einfacher oder härter war als die zuvor oder danach, man würde Äpfel mit Birnen vergleichen. Das Einzige, was meiner Meinung nach gleich geblieben sein muss, sind die unvergleichlichen Emotionen beim Sieg. Physisch war das Rennen von 1959 sehr hart für mich. Ich hatte wohl etwas Falsches gegessen und litt während der gesamten 24 Stunden an der Ruhr. Doch es war Le Mans, und so vergaß ich alle Unannehmlichkeiten und alles um mich herum. Denn die Chance in Le Mans zu gewinnen, das wusste ich damals wie heute, kommt nur einmal im Leben. Im Rückblick erscheint es mir dennoch ziemlich hart, denn ich aß während des gesamten Rennens keinen Bissen – von Kohletabletten einmal abgesehen. Dann gewannen wir, und mein Gott: Sie hielten mir plötzlich eine riesige Champagnerflasche an den Mund. Mir wurde natürlich furchtbar schwindelig, gleichzeitig war ich so furchtbar müde, dass ich weder stehen noch denken konnte. Ich erinnere mich noch, dass ich einfach umkippte und für zwölf Stunden nicht mehr wach wurde.

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Die Zeiten ändern sich, doch ich denke, ich hätte auch am Steuer des neuen LMP1 meinen Spass gehabt. Rennfahrer gewöhnen sich schnell an die Maschine, die ihnen unter geschoben wird. Sie lernen den Wagen beim Fahren kennen. So war das immer und so wird es auch immer sein. Wir hatten vor dem Rennen von 1959 so gut wie keine Zeit, um zu Üben – und wir brauchten sie auch nicht. Roy Salvadori (der zweite Fahrer des siegreichen DBR1) und ich kannten die Strecke und außerdem blieben einem ja 24 Stunden Zeit, um eine Antwort auf jede technische Frage zu finden, die einem nur einfiel. Die Priorität war so einfach wie klar: Durchs Rennen kommen, keine Fehler machen. Und glauben Sie mir – Gelegenheiten, das ganze komplett zu versauen, gab es genügend. Für einen selbst und auch für alle anderen Beteiligten.

Damals regnete es grundsätzlich bei jedem Start in Le Mans. Zudem war es meist neblig. Nachts galt zudem die Regel, dass alle langsamen Autos mit rund 130 km/h auf der rechten Seite der Strecke fuhren, während wir in den schnelleren Modellen mit bis zu 265 km/h links an ihnen vorbei schossen. Man hatte nur die Hoffnung, das alles gut gehen würde – und zumindest 1959 tat es das auch. Eine Parallele zwischen damals und heute ist meiner Ansicht nach die Tatsache, dass sich Le Mans so grundlegend von allen anderen Rennen unterscheidet. Das 24-Stunden-Rennen wurde letztlich ja so berühmt, weil es alle Teilnehmer mit einer völlig neuen und schwierigen Aufgabe konfrontierte und ich bin sicher, dass es dies auch heute noch tut.

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Meine persönliche Nachricht an die Fahrer des Aston Martin Teams am kommenden Wochenende ist einfach: Haltet die Fahnen hoch! Roy Salvadori und ich sind wirklich stolz auf Euch! Hoffentlich wird dieses wunderbare Team auch die nächsten fünfzig Jahre in Le Mans antreten! Viel Glück!“

Text: Carroll Shelby (aus dem Amerikanischen von JB)
Fotos: Aston Martin


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