l’Hydroptère: Der fliegende Trimaran

Auf der Kieler Förde herrscht mehr Verkehr als an normalen Tagen, denn es ist Kieler Woche. Ganz gleich, ob Jollen, Segelyachten oder historische Großsegler, alle tummeln sich auf den Gewässern vor der schleswig-holsteinischen Küste. Geschickt manövriert uns das Schlauchboot – in Fachkreisen Rib genannt – durch den Bootstrubel von Laboe in Richtung Ostsee, wo uns ein Rendezvous mit dem schnellsten Segelboot der Welt erwartet.

Der futuristisch anmutende Trimaran l’Hydroptère hält aktuell zwei nautische Geschwindigkeits-Rekorde: Auf der Seemeile-Distanz erreichte er eine Höchstgeschwindigkeit von 50,17 Knoten (92,91 km/h) und auf der 500-Meter-Distanz sogar den absoluten Highspeed-Rekord von 51,36 Knoten (95,12 km/h). Die Überschreitung der 50-Knoten-Marke unter Segel ist vergleichbar mit dem Erreichen der Überschallgeschwindigkeit in der Fliegerei. Mensch und Material stoßen bei diesen Geschwindigkeiten schnell an ihre Grenzen. Das musste auch das l’Hydroptère-Team im Dezember 2008 schmerzlich erfahren, als sich der 18 Meter lange Trimaran bei einer Rekordfahrt überschlug.

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In der Hoffnung, dass uns ein unfreiwilliges Bad in der Ostsee erspart bleibt, hält das Rib den Kurs in Richtung des futuristischen Drei-Rumpf-Bootes. Nur mit Mühe kann das 500 PS starke Schlauchboot mit der scheinbar über das Wasser fliegende l’Hydroptère mithalten. Ab einer Geschwindigkeit von 20 Knoten hebt sich das Hightech-Boot aus dem Wasser und wird lediglich von zwei Finnen, die an den seitlichen Auslegern montiert sind, getragen. Der Anblick des fliegenden 6,5-Tonnen-Bootes ist wahrlich beeindruckend.

Nach etwa zehn Minuten Flug nimmt die Crew den Wind aus den Segeln, die l’Hydroptère senkt sich wieder sanft ab. Es ist Zeit, an Bord des Rekordseglers zu gehen. Zeit, sich selbst dem Rausch der Geschwindigkeit hinzugeben. Mit ausgesprochener Heiterkeit begrüßt uns an Bord Alain Thébault, Skipper und geistiger Vater der l’Hydroptère. Während der 48-jährige Franzose schnell die wichtigsten Verhaltensweisen an Bord erklärt, hüpft er mit kindlicher, wahrer Begeisterung über die zwischen den Rümpfen gespannten Netze. Nach fünf Minuten ist alles erklärt und jeder hat seinen Platz an Deck gefunden. „Let’s try fly with our flying carpet“, ruft Alain Thébault uns Zaungästen zu.

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Just in diesem Moment steigt die Windgeschwindigkeit auf 14 Knoten. Die Crew beeilt sich, das Boot in die richtige Position zu bringen, um die Brise bei den ansonsten eher mäßigen Windverhältnissen zu nutzen. Nur wenige Handgriffe genügen und binnen Sekunden hebt sich die l’Hydroptère aus dem Wasser. Bis zu fünf Meter können es werden. Mit unglaublichen 33,58 Knoten (60,34 km/h) fliegen wir über das Wasser, vorbei an staunenden Mitseglern. Sanft schneiden die beiden seitlichen Finnen durch die ruhige See, sämtliche Erschütterungen werden von zwei Stoßdämpfern aufgefangen. „You see we are flying“, ruft Alain Thébault mit leuchtenden Augen.

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Nach etwa drei Stunden nimmt die l’Hydroptère Kurs auf Laboe, wo in einiger Entfernung bereits unser Boot-Shuttle wartet. Eher widerwillig verabschiedet sich unsere Delegation von der Crew und der l’Hydroptère in dem Wissen, wohl niemals wieder unter Segel, bei 14 Knoten Wind, die 32-Knoten-Marke zu überschreiten. Nach einer letzten Runde mit dem Begleitboot um den „Fliegenden Franzosen“ fahren wir zurück in Richtung Hafen.

Wir werden schon bald wieder von Alain Thébault hören, denn der Visionär plant bereits einen neuen Segelrekord: Thébault möchte die Welt – nonstop – in 40 Tagen umrunden. Dazu benötigt das Team ein neues Boot, welches bereits in Planung ist. Die l’Hydroptère Maxi wird mit einer Länge von über 30 Metern fast doppelt so lang werden wie die aktuelle l’Hydroptère. Wer einmal in die Augen des Rekordseglers geblickt hat, weiß, dass dieses Projekt Realität wird.

Wir danken Audemars Piguet für die freundliche Einladung zu diesem außergewöhnlichen Segelerlebnis an Bord der l’Hydroptère. Seit 2009 unterstützt die Schweizer Uhrenmanufaktur das Team der l’Hydroptère als Sponsor.

Text: J. Philip Rathgen
Fotos: Sascha Klahn , Guilain Grenier



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