Gerald Laing - der Künstler und seine Kaffeemühle

Als einer der prominenten britischen Pop-Künstler beschloss Gerald Laing jenseits des großen Teichs sein Glück zu suchen. Er hatte genug von der Nachkriegstristesse und verliebte sich in den American Way of Life. Nicht zuletzt widmete er sich seinem alten Hot Rod namens „Coffee Grinder”.

Gerald Laing brauchte nicht lang, um zu begreifen, dass die Armee nicht das ideale Umfeld für seine rebellische Haltung war. Also schrieb er 1960 an seinen kommandierenden Offizier und teilte ihm mit, dass er beabsichtigte, den Dienst zu quittieren. Als Antwort erhielt er die Mitteilung: „Wenn Sie weiterhin solche Briefe verfassen, haben Sie bei den Streitkräften keine Zukunft.” Das war eine durchaus richtige Einsicht, aber damals hätte niemand, auch Laing selbst nicht, ahnen können, welche bedeutsame Karriere ihm als Künstler bevorstehen würde.

Aus der Ödnis ins Licht

Während der nächsten zwei Jahre an einer Londoner Kunstschule erlebte Laing wie verhaftet die Institution noch mit der Vergangenheit war und begann damit, seinen frühen Pop-Stil zu erarbeiten. Als Inspirationsquelle dienten ihm die klassischen grauen Zeitungsfotos mit dem groben Pünktchenraster. Von den frühen Arbeiten, die ihn bald zum Star avancieren ließen, begeisterten vor allem die verführerischen Porträts der Schauspielerinnen Brigitte Bardot und Anna Karina. Aber Celebrities sollten nur einen kleinen Teil seines Oeuvres ausmachen.

Im Sommer 1963 arbeitete Laing in New York als Werkstattassistent des Pop-Art-Pioniers Robert Indiana, den er durch Richard Smith, Gastlehrer an einer Kunstschule, kennen gelernt hatte. In diesem Umfeld bekam der aufgeschlossene junge Künstler auch eine Ahnung vom amerikanischen Traum: Er malte beispielsweise Fallschirmspringen, Drag Racing und Hot Rods - verrückte, fröhliche Hobbys, die aber auch nichts gemein hatten mit der trüben britischen Nachkriegszeit.  „Er wuchs in Northumberland auf, wo es in den fünfziger Jahren vermutlich sehr fad war,” erzählt uns Laings Sohn Sam Ogilvie-Laing. „Sich dann plötzlich in einer Welt aus Bikini-Mädchen, Musik, Hot Rods und Drag Racing wiederzufinden, muss ein tolles Erlebnis gewesen sein.”

Der amerikanische Traum

Die Jahre, die Laing an der englischen Militärakademie Sandhurst verbrachte, hinterließen trotzdem Spuren, anders als viele seiner wilderen Zeitgenossen ging er methodisch und geradezu reglementiert vor. Anders als oft angenommen wird, war er auch kein Amerikaner. „Es gab kaum britische Pop-Künstler, die in die USA gingen,” bemerkt Sam. „Er war derjenige, der sich wirklich mit dieser neuen Heimat identifiziert hat. Er war so vom amerikanischen Traum gefesselt, dass er folglich auch dort akzeptiert wurde. Er hat sogar 1965 die Vereinigten Staaten bei der Biennale in São Paulo vertreten.”

Er war so sehr von seinen Erfahrungen jenseits des Atlantiks eingenommen, dass er nach dem Abschluss der Kunstschule dauerhaft nach New York zog. Dort nahm auch die Love Story mit einem Ford Roadster-basierten Hot Rod namens „Coffee Grinder” ihren Anfang. „Mitte der sechziger Jahre reiste mein Vater mit meiner Mutter auf einer Vincent Black Shadow durch die USA,” erzählt Sam. „Bei seiner Rückkehr nach New Jersey hielt er an einer Ampel, neben diesem Hot Rod. Mein Vater sagte: hübsches Auto. Und der Mann antwortete: hübsches Bike. Und dann machten sie gleich an Ort und Stelle einen Tausch. So kam dieses Ding in sein Leben.”

Eine flüchtige Liebesaffäre

Den Namen „Coffee Grinder” verdankte die Kaffeemühle übrigens ihrem Schöpfer Adam Coffee und wurde später auch der erste Hot Rod, der nach Großbritannien exportiert wurde. Das Gefährt erregte in London vermutliche einiges Aufsehen, denn Laing überquerte öfters die Tower Bridge oder parkte vor der Horse Guards Parade. Sam erinnert sich: „Er hatte den Hot Rod einige Jahre, und dann war da dieser Déjà-vu-Moment. Mein Vater fuhr gerade um den Hyde Park, hielt wieder neben jemand an einer Ampel und am Ende tauschte er die Kaffeemühle gegen einen getunten Ford Cortina.”

Doch die Ermordung von Präsident Kennedy und der Vietnamkrieg führten bei Laing zu Enttäuschung und Entfremdung. Er kehrte nach Großbritannien zurück und widmete sich verstärkt der Bildhauerei, die zunächst abstrakt und dann gegenständlicher zu seinem wichtigsten künstlerischen Medium wurde. Er erlangte zwar nie wieder die Bekanntheit seiner Pop-Art-Zeit in den sechziger Jahren, genoss aber späte Würdigung durch einige prominente öffentliche Aufträge. Im Lauf der neunziger Jahre kehrte er wieder zur typischen Handschrift seines Pop-Stils zurück. Den Anfang machten einige engagierte politische Bilder von Gräueltaten wie den Londoner Bombenanschlägen und dem Irakkrieg, die zunächst von der Kritik abgelehnt wurden. Danach folgten wie Jahrzehnte zuvor Bildnisse von berühmten Persönlichkeiten wie Amy Winehouse und Kate Moss. Gerald Laing starb 2011. 

Gute Nachrichten

Bis zum 13. Oktober zeigt die Fine Art Society in London eine große Retrospektive von Laings Werk, die seine berühmtesten Bilder und Plastiken versammelt. „Er war ein toller Freund und ein toller Vater,” fasst Sam seine Erinnerungen zusammen. „Mein Bruder und ich bemühen uns gerade, den „Coffee Grinder” zurückzukaufen.” Die aktuellen Schlagzeilen der Zeitungen hätten ihn betrübt, aber diese Nachricht hätte Laing sehr gefreut.

Fotos: Mike Cornfield, Gerald Laing, Hugh Kelly, Getty Images

„Gerald Laing 1936 - 2011 - A Retrospective” findet bis zum 13. Oktober 2016 in The Fine Art Society im Londoner Stadtteil Mayfair statt. Sie finden mehr dazu hier.