Jaguar XKR Cabriolet



Klarschiffmachen bei der Premium Automotive Group von Ford. Aston Martin hat die Segel gestrichen und hinterlässt den Admiralitätsposten an der Spitze der Markenflotte. Für den ewigen Commodore Jaguar die einmalige Chance zur Kurskorrektur in Richtung Luxusklasse - aber auch eine große Herausforderung. Ist die Marke nach den Absatzflauten der vergangenen Jahre schon reif für das Flottenkommando im Sinne des Ford-Empires? Wie steht es um die Hochseetauglichkeit der Modelle auf den wild umkämpften Meeren der automobilen Welt? Wir haben das offene Flaggschiff vom Typ Jaguar XKR Cabriolet zum maritimen Asphalt-Yachting nach Hamburg gelotst. Das Loggbuch einer windigen Testfahrt...

Jaguar XKR Cabriolet Jaguar XKR Cabriolet

Hamburger Hafen, frühmorgens. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen Kräne und Schiffsschornsteine in leuchtendes gelb. Zwischen Kies- und Sandhügeln, die auf ihre Weiterverladung warten, steht das Jaguar XKR Cabriolet in tiefdunklem British Racing Green zur Musterung bereit. Der Lack ist noch kühl von der Nacht, das beigefarbene Verdeck bereits heruntergefahren. Aus der eleganten Silhouette, dem langen Radstand, der endlosen Motorhaube, den kurzen Überhängen kann man die Familienähnlichkeit zu den legendären britischen Roadster-Modellen, dem Jaguar XK150 und dem E-Type, herauslesen. Aber auch die langjährige Konzern-Verwandtschaft zu Aston Martin hat ihre Spuren hinterlassen – mehr als einmal wird der Jaguar in den nächsten Tagen für einen DB9 Volante gehalten. Wir verstehen es als Kompliment. Die Sportversion der XK-Reihe profiliert sich natürlich auch über die klassenüblichen Hochleistungsinsignien: Stoßfänger im Wellenbrecher-Format, Nebelscheinwerfer, Kühlergitter und seitliche Lüftungskiemen in Aluminium-Ausführung, Kühlschlitze in der Fronthaube, wuchtige 20-Zoll-Felgen und schwarze Bremssättel mit „R“-Abzeichen sorgen für die Distanz zum gewöhnlichen XK.

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Während sich in der Hamburger Innenstadt bereits der Berufsverkehr staut, hat man im weit verzweigten Straßennetz des Freihafens noch freie Fahrt. Ein Knopfdruck genügt, um den 4,2 Liter großen Achtzylinder im Bug mit sattem Grollen zum Leben zu erwecken. Stolze 416 PS generiert die XKR-Kompressormaschine bei 6.250/min - das sind ganze 118 PS mehr, als der V8 des XK zu leisten vermag und entspricht einem Leistungs-Plus von 36 Prozent. Das mag nach „Jeckyl and Hyde“ klingen, doch schon nach den ersten Metern am Steuer des Sportmodells wird klar: So satt und kraftvoll der XKR nach vorne zieht, so treu ist er doch seinem komfortablen GT-Charakter geblieben. So vollmundig und metallisch-dröhnend der Kompressor auch singt, von unangebracht-südländischer Heißblütigkeit bleibt man im Jaguar XKR weitgehend verschont. Und trotzdem: Wenn die Möven kreischen, das Sechsgang-Automatikgetriebe auf „Sport“ steht und das knapp 1830 kg schwere Cabriolet sich in 5,3 Sekunden durch die frische Morgenluft auf Tempo 100 pflügt, fehlt zum Powerboat-Feeling eigentlich nur noch die salzige Gischt im Gesicht.

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Auch das Interieur fügt sich ein in das Bild des regattatauglichen Cruisers: Die karamellfarbenen Ledersitze, die Paneele in Walnuss-Wurzelholz - alles fügt sich zu einer urbritischen Kommandobrücke, die selbst bei den abgebrühtesten Haudegen der Royal Navy für feuchte Augen sorgen würde. Soviel Lob die bequemen Vordersitze verdienen, so sehr sollte man die hinteren Notsessel meiden – ein Erwachsener nordeuropäischer Abmessung lässt sich hier nicht einmal quer transportieren. Von einem ausgewiesenen 2+2-Sitzer hätte man mehr erwartet. Andererseits, so erinnert der Supercharger mit einem Fauchen, sollte man einen Sportwagen schon aus Prinzip nicht überladen. Außerdem entsteht an dieser Stelle ein martialischer Eignungstest zur Tauglichkeit eines Admiralitätsanwärters und keine Kaufempfehlung für das Familienmagazin „Eltern“. Es ist Zeit für die Tauchfahrt.



Bei der offenen Fahrt durch den Elbtunnel trennt sich die Spreu vom Weizen. Mit einem maximalen Drehmoment von 560 Nm bei 4.000/min bietet das Jaguar XKR Cabriolet schon in den unteren Drehzahlbereichen mächtigen Schub und einen kernigen Sound – der sich in der Betonröhre um etliche Faktoren potenziert. Ein beherzter Griff in die Schaltwippen, der Motor feuert eine Zwischengassalve und ist bereit für den manuellen Ritt durch die Gänge. Nur 600 Millisekunden dauert ein Schaltvorgang – eine rekordverdächtige Zeit. Das Licht am Ende des Tunnels beendet den Übermut – die Automatik darf sich im Autobahn-Modus erneut beweisen. Nach dem Auftauchen steht die Sonne schon fast im Zenit; neidisch blicken die Autofahrer aus ihren Blechdach-Konserven herüber. Doch so kräftig der Achtzylinder nach vorne zieht, so stürmisch ist es leider auch im Innenraum – ohne das optionale Windschott geht der Spaß am Offenfahren schon ab etwa 150 km/h im Brüllen und Zerren des Windes verloren. Dass man die hinteren Scheiben nicht hochfahren kann, ohne das Verdeck gleich mit auszupacken, kommt noch erschwerend dazu.

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Auch mit der bestechenden Karosseriesteifigkeit des Jaguar XKR Coupés kann der offene Wagen nicht ganz mithalten – zwar sorgen die stärkeren Federn, Dämpfer und das neu eingestellte adaptive Dämpfersystem CATS für ein sportliches Fahrgefühl, jenseits der 200-km/h-Marke hätte man sich jedoch etwas mehr Stabilität gewünscht. Die Feinfühligkeit des Fahrwerks im Serpentinensprint hätte man hier gerne fortgesetzt gesehen. Und trotzdem: Wer ein sportliches Cabriolet sucht, Porsche 911 und Mercedes SL jedoch als zu glatt empfindet, kommt nicht um eine Fahrt mit dem charakterstarken Jaguar XKR Cabriolet herum. Auch innerhalb der britischen Sportwagenflotte kann sich der Jaguar mit einer Breitseite gegen die ehemalige Verwandschaft behaupten: Für einen Grundpreis von knapp 106.000 Euro liegt er deutlich unter dem – mit 380 PS und 410 Nm schwächer motorisierten, jedoch auch deutlich kleineren und leichteren – Aston Martin V8 Roadster. Mit dem XKR hat Jaguar also schon jetzt ein überzeugendes Flaggschiff aufgestellt. Ob die Marke auch langfristig dem Kommandoposten der Ford-Premium-Gruppe gewachsen ist, wird sich frühestens bei der Einführung der neuen XF-Reihe im September zeigen. Bis dahin sollte man es mit Sir Horatio Nelson, Englands großer Seefahrerlegende, halten: „First gain the victory and then make the best use of it you can.“

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Das brandneue Jaguar XKR Cabriolet können Sie selbst beim Jaguar-Händler Ihres Vertrauens für eine persönliche Testfahrt ausleihen; den weißen Jaguar XK150 aus unserer Fotoproduktion finden Sie im Angebot von Thiesen im Classic Driver Automarkt.

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Text & Fotos: Jan Baedeker


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