Jaguar XFR: Aus dem Vollen geschöpft

Endzeitstimmung in der Autobranche. Jeder Hersteller schielt nur noch auf niedrige CO2-Werte und größtmöglichste Sozialverträglichkeit. Doch wo bleibt der Spaß? Classic Driver hat – völlig unvernünftig – eines der letzten Spaßautos ausgegraben und Probe gefahren: Den neuen Jaguar XFR mit sattem 5,0 Liter V8- Kompressormotor.

Wir bekennen uns schuldig. Unsere Ausfahrt mit dem neuen Jaguar XFR war eine Sünde. Kein Gedanke wurde an den großzügigen CO2-Ausstoß von 292 g/km verschwendet. Nicht eine Minute haben wir an den aktuellen Preis für einen Liter Superplus gedacht, und uns haben auch nicht die vielen Ermahnungen der Politiker interessiert, doch bitte auf das freiwillige Tempolimit von 130 km/h auf den wenigen noch unlimitierten Autobahnkilometern zu achten. Der Versuch, den Jaguar XFR ordnungsgemäß und politisch korrekt im Verkehr zu bewegen, ist schlicht mangels Selbstbeherrschung gescheitert. Das brave Dahinsiechen des 510 PS starken Boliden auf der rechten Autobahnspur mit Richtgeschwindigkeit wäre etwa mit einem Essen beim Lieblingsitaliener vergleichbar, bei dem man den Hauptgang weglassen würde. Wir haben gesündigt, in jeder Form. Und es hat verdammt viel Spaß gemacht!

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Schon nach dem Einstieg in die Welt des XFR beginnt das Freudenfest. Anders als bei den ach so vernünftig angelegten Spitzenmodellen der Deutschen Premium-Hersteller weht im Jaguar bereits im Stand ein anderer Wind. Das schlüssellose Starten ist da noch die harmloseste Ausnahme. Nach dem Druck auf den Startknopf, beginnt dieser pulsierend zu leuchten. Ein netter Effekt: In der Kombination mit dem neuen Achtzylinder-Kompressormotor assoziiert das Großhirn die direkte Verbindung des Leuchtknopfes in die Brennräume des Aluminium-V8. Diese erwachen nach dem nächsten Druck auf den Knopf zu munterem Leben. Dank voluminöser Abgasanlage kommt der vornehm-bassige Klang des Achtzylinders gut zur Geltung. Die viel zitierte Raubkatze entpuppt sich hier als brüllender Löwe.

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Etwas ernüchternd ist der Dreh am Gangwahlregler, genannt „Drive Selector“, der ein wenig an den Drehknopf einer älteren Waschmaschine jugoslawischer Bauart erinnert. Mit den Stufen D und S diktiert der Drive Selector die Arbeitsgeschwindigkeit des Automatikgetriebes: Stellung D für das normale Programm, also das wohl sortierte Durchspielen der sechs Gänge, Stellung S für das etwas flottere Programm, mit gelegentlich etwas hektischem zurückschalten und Zwischengas. Ersteres sei zu Beginn empfohlen. Wenn das Programm einmal ausgewählt ist, lässt sich das XFR-Getriebe auch manuell über Schalwippen bedienen.

Nachdem die Lichter der Stadt im Rückspiegel des nach hinten etwas unübersichtlichen XFR entschwunden und die ersten Tempolimits gefallen sind, darf das Raubtier losgelassen werden. Doch nicht ohne zuvor den festen Sitz der Brille und des Sicherheitsgurtes sicherzustellen. Denn das, was der V8-Triebwerk in Verbindung mit dem Kompressor mit der fast zwei Tonnen schweren Limousine veranstaltet, kommt der Funktion einer Steinschleuder ziemlich nahe: Der Jaguar beschleunigt nicht, sondern er schnellt nach vorne. Genauer gesagt binnen 4,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h, nur Sekunden später stehen 200 km/h auf dem spärlich instrumentierten Kombiinstrument. Das Ganze ohne besonderes Zutun des Fahrers, der ohnehin aufgrund der auf ihn einwirkenden Kräfte kaum Möglichkeiten zum Handeln hat. Die eigentliche Arbeit verrichtet die Elektronik: Sie sorgt am Rande ihrer Kräfte operierend dafür, dass die angetriebenen Hinterräder der Dimension 285/30 nicht völlig den Grip verlieren und dem unnachgiebigen Charme der 625 Nm erliegen.

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Zudem organisiert sie die Straßenlage über den kontrollierenden Eingriff in die Charakteristik der Stoßdämpfer. Das klappt auch ganz gut, zumindest solange es trocken ist und die Straße geradeaus führt. Ändern sich Wetter und Topografie, wird es brenzlig: Der XFR kickt bei zuviel Speed mit dem Heck aus und bollert auch schon einmal im Ansatz quer ums Eck, so dass man sich das ausgleichende Wesen eines allradgetriebenen Audi S6 durchaus herbeiwünscht.

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Etwas weniger ambitioniert gefahren, kommt jedoch auch der komfortverwöhnte Fahrer auf seine Kosten. Der XFR federt manierlich, ist bei verhaltenem Gaseinsatz durchaus leise im Innenraum und bietet dank der praktischen XF-Grundstruktur alle Annehmlichkeiten, die man von einer Reiselimousine dieses Kalibers erwarten darf. Dazu gehört neben einem 500 Liter großen Kofferraum und einem guten Raumangebot auf allen Plätzen auch die bei diesem Modell serienmäßige 440 Watt starke Bowers & Wilkens Hifi-Anlage. Diese verfügt neben einem ausgezeichneten Klang über eine perfekt funktionierende iPod Schnittstelle, mit der auch Laien problemlos zurechtkommen. Weniger gefallen kann dagegen die wenig durchdachte Bedienung der Mittelkonsole. Viele Funktionen sind sowohl über den Touchscreen als auch über Tasten abrufbar. Dieses Konzept lenkt unnötig vom Verkehrsgeschehen ab und bietet keine Vorteile. Ebenfalls wenig überzeugend gestaltet sich die Navigation. Die Kartendarstellung ist gemessen an den Modellen der Konkurrenz veraltet und der Rechner deutlich zu langsam, zumindest für die R- Version des XF.

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Ach ja, die Vernunft. Falls sie noch bei irgendjemandem in ihrer Umgebung den Kauf dieses Jaguars rechtfertigen müssen, versuchen sie es mit klassischen Sicherheitsargumenten. Der XFR verfügt dank seiner überdimensionalen Bremsen über einen geringen Bremsweg, kann mit seinen insgesamt sechs Airbags auch in Sachen Insassenunfallsicherheit punkten. Den Preis von rund 90.000 Euro und den bei häufiger Nutzung der Fahrleistungen bis auf 22 Liter anwachsenden Kraftstoffverbrauch behalten Sie besser für sich und freuen sich schlicht auf die nächste Ausfahrt, bar jeder Vernunft.

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Text: Sven Jürisch
Fotos: Jan Richter

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