Im BMW 328 Mille Migila Roadster von Hamburg nach Berlin

Wer bequem im ICE von Hamburg nach Berlin reist, dem ist gar nicht Bewusst, welche Gefahren und Mühen einem auf dieser Strecke begegnen können – wenn man sie in einem offenen Roadster, Baujahr 1939 auf den Landstraßen dieser Republik bewältigt.

Der Parkplatz vor dem Cruise Center im Hamburger Hafen hat sich in ein Automobil-Freilichtmuseum verwandelt. Rund 180 Klassiker und solche, die es noch werden wollen, haben sich hier am Startpunkt der Rallye Hamburg – Berlin Klassik versammelt. Sie erwartet eine dreitägige Tour über 650 Landstraßenkilometer, gespickt mit 17 mehr oder weniger anspruchsvollen Wertungsprüfungen. Als abgesandter der Classic Driver Redaktion darf ich diese Tour im Cockpit einer wirklichen Rennlegende bestreiten – dem BMW 328 Mille Miglia Roadster, Baujahr 1939.

Im BMW 328 Mille Migila Roadster von Hamburg nach Berlin Im BMW 328 Mille Migila Roadster von Hamburg nach Berlin

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr treffe ich auf den bildschönen Roadster mit dem markanten grünen Grill - ein Merkmal, welches 1940 extra für die Mille Miglia eingeführt wurde, um die drei startenden BMW Roadster besser unterschieden zu können. Schon bei unserer ersten Begegnung während der Hannibal Tour über die Alpen zur Mille Miglia, beindruckten mich die fließende Form der Karosserie und die elegant geschwungene Frontpartie mit den Lufteinlässen in Form der bekannten Doppelniere.

Doch für ästhetische Schwärmereien bleibt kaum Zeit. Mein Pilot drängt zur Team-Besprechung und der Vorbereitung des Roadbooks. Jener Lektüre, mit der ich mich in der Funktion des Navigators während der nächsten drei Tage ausgiebig beschäftigen werde. Nach gefühlten fünf Stunden heißt es „Gentlemen, start your engines“. Langsam, hochkonzentriert, aber begleitet von einem unglaublich beeindruckendem Donnern und Knattern des legendären BMW Sechszylinder-Reihenmotors mit zwei Litern Hubraum rollen wir zum Start der ersten Etappe.

Im BMW 328 Mille Migila Roadster von Hamburg nach Berlin Im BMW 328 Mille Migila Roadster von Hamburg nach Berlin

Welche Leidensfähigkeit die Rennpiloten von damals für ihren Beruf in Kauf nehmen mussten, wird bereits nach den ersten Kilometern durch die Hamburger Hafencity deutlich: Von oben brennt die Sonne erbarmungslos auf die uns vor dem kalten Fahrtwind schützenden Lederjacken. Aus dem ohnehin sehr knapp bemessenen Fußraum steigt eine brennende Hitze auf, die der fleißig arbeitende Motor direkt an seine Fahrgäste abgibt. Von oben Hitze, von unten Hitze und die flache Windschutzscheibe öffnet dem wirklich sehr starken Fahrtwind Tür und Tor. Doch man muss sagen, dass das einmalige Fahrerlebnis im Mille Miglia Roadster einem diese Unzulänglichkeiten schnell vergessen lässt.

Unser 328 präsentiert sich trotz seiner siebzig Jahre als gutmütiger und zuverlässiger Partner, der sich aber bei fachgerechter Bedienung schnell als Wolf im Wolfspelz entpuppt: Die Beschleunigung des 130 PS starken Roadsters ist mehr als beachtlich und auch das Überschreiten der 180 km/h Marke stellt kein Problem dar. Begleitet von einem Klang, der an eine Mischung aus tiefliegendem Heli und einer startenden Junkers Ju erinnert, donnert der rassige Rennwagen über die Landstraßen in Richtung Autostadt Wolfsburg, dem Ziel der zweiten Etappe unserer Hatz in Richtung Hauptstadt. Nur einmal bereiten der Verteiler für die Stromzufuhr zur Lichtmaschine ein wenig Kummer, doch für dieses Problem findet das Ingenieurs-Team der BMW Classic eine schnelle Lösung.

Im BMW 328 Mille Migila Roadster von Hamburg nach Berlin Im BMW 328 Mille Migila Roadster von Hamburg nach Berlin

Leider, aber verständlicherweise, geht es bei dieser Rallye nicht darum wer als schnellster das Ziel erreicht. Zum Gewinnen muss man zwar die jeweiligen Etappenziele unter einer Zeitvorgabe erreichen, allerdings ist diese so großzügig bemessen, dass selbst ein Renault Grand Prix von 1907 rechtzeitig jede Etappe absolvieren konnte. Das Salz in der Suppe sind die 17 Wertungsprüfungen. Die Aufgabe ist es, eine vorgegeben Strecke unter einer Zeitvorgabe, auf die Hundertstelsekunde genau, zurückzulegen. Die Zeit läuft von dem Moment an, in dem über einen Schlauch oder durch eine Lichtschranke gefahren wurde. Dies erfordert ein hohes Maß an Gefühl für die Dimensionen seines Autos, ebenso wichtig ist ein gut eingespieltes Team. Jede Hundertstelsekunde Abweichung hat 10 Strafpunkte zur Folge, dass Team mit der niedrigsten Punktzahl ist der Sieger der Rallye.

Im BMW 328 Mille Migila Roadster von Hamburg nach Berlin Im BMW 328 Mille Migila Roadster von Hamburg nach Berlin

Die extrem leichte, von der BMW-Karosserieabteilung entwickelte und bei Carozzeria Touring auf einem Gitterrohrahmen aufgebrachte Außenhaut des Roadsters bietet seinen Passagieren nur ein verhältnismäßig geringes Raumangebot. Auch wenn der Komfort der an Gartenstühle erinnernden Rennsitze keinen Anlass zum Klagen gibt, macht der fehlende Fußraum einem nach spätestens fünfzig Kilometern sehr zu schaffen. Eingeklemmt zwischen Handbremse, Getriebetunnel und Chassis lassen sich die Beine nur millimeterweise nach links oder rechts verschieben. Noch schlimmer trifft es den Fahrer, denn das Gaspedal ragt soweit in den Fußraum, dass es sich nur unter permanent angespanntem Spanngelenk bedienen lässt, was regelmäßig zu unangenehmen Krämpfen im Fuß führt.

Doch nun wirklich genug der Leidensberichte! Die Fahrt in einem Klassiker wie dem Mille Miglia Roadster ist ein Erlebnis, welches nicht mit Geld zu bezahlen ist. In jeder Stadt, in jedem Dorf sorgen wir mit der eleganten Knatterkiste für Begeisterungsstürme. Nach 650 Kilometern und drei erlebnisreichen Tagen erreichen wir das Ziel am Potsdamer Platz in Berlin. Und obwohl darüber glücklich, vermissen wir schon nach fünf Minuten die Enge, den Lärm und die herrlich von Benzindämpfen geschwängerte Luft. Mit einer Verbeugung vor diesem technischen Meisterwerk verbschiede ich mich von unserem BMW 328 Mille Miglia Roadster, der bereits kurz nach unserer Ankunft auf der Ladefläche eines riesigen Lasters verschwindet und seine Heimreise zur BMW Classic nach München antritt, wo er schnell für den nächsten Renneinsatz präpariert wird – ein bisschen wie in den glorreichen Tagen des Rennsports.

Text: J. Philip Rathgen
Fotos:Gudrun Muschalla / Bernhard Limberger / Peter Reichl


ClassicInside - Der Classic Driver Newsletter
Jetzt kostenlos abonnieren!