Go Faster: The Graphic Design of Racing Cars

Viele großen Rennwagen-Ikonen sind nicht nur für ihre Rundenzeiten bekannt, auch ihre Werbebotschaften haften noch Jahre später im Gedächtnis. In seinem jüngst im Gestalten Verlag erschienenen Buch „Go Faster: The Graphic Design of Racing Cars“ setzt sich Sven Voelker mit der Bedeutung grafischer Gestaltung im historischen Motorsport auseinander – und wirft dabei einige interessante Fragen auf.

Gulf-Ford, Jägermeister-BMW, Rothmanns- oder Martini-Porsche – was wären diese geschichtsträchtigen Rennwagen ohne die typischen Farbkombinationen und Werbebotschaften, mit denen sie beklebt waren? Autor Sven Voelker, der in seinem aktuellen Buch die Rennsport-Historie aus der Perspektive des Grafikdesigners analysiert, hat dieses Szenario durchgespielt – und die bunten Klassiker ihren nackten, weil werbefreien Alter Egos gegenüber gestellt. Weil sich das Porsche Museum höchstwahrscheinlich nicht überreden ließ, die Ausstellungsstücke von ihren Stickern zu befreien, musste Voelker für sein Experiment mit Modellautos vorlieb nehmen. Die Botschaft ist dennoch klar: Den Porsche 917/20 „Sau“ anhand von Karosserieschwüngen und Lufteinlässen zu identifizieren, bleibt wohl einigen wenigen Experten vorbehalten. Sobald man aber den schweinchenfarbenen Lack mit den aufgemalten Fleischpartien (Schulter, Lende, Kotlett, Ripple) erblickt, erscheint sofort die Le-Mans-Startaustellung von 1971 vor dem geistigen Auge.

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Dem Autor geht es in seinem Buch um jenen magischen Moment, in dem „die Zweidimensionaliät der Oberflächen, Farben, Linien, Logos und Nummern mit der dreidimensionalen Rennwagen-Karosserie aufeinander trifft.“ Denn Rennwagen, so Voelker, werden überhaupt erst dann als Rennwagen erkannt, wenn sie farbenfroh lackiert und beklebt wurden. Wer schon käme auf die Idee, einen blankweißen Ferrari auf die Strecke zu schicken? Diese Frage stellt sich Voelker, seit er auf dem heimischen Dachboden seinen allerersten, mit Aral-Logo und Rallyestreifen beklebten Spielzeug-Renner wieder entdeckte. Mittlerweile ist der Speicherfund Teil einer großen Sammlung von Modellen, die im Buch als Einblick in den bisher kaum erforschten Kosmos des Rennsport-Designs präsentiert wird. Im Sinne des Experiments wurden übrigens ausnahmslos alle Rennwagen geopftert – sprich: mit weißen Kreidestaub bedeckt.

Neben den Vorher-Nachher-Fotos bietet die Publikation aber auch Einsichten in die Arbeit der Werksteams verschiedener Epochen, die für die Beklebung der Rennwagen mit verantwortlich waren. Zum Teil wurden mit einfachsten Mitteln wie Gaffa-Tape beachtliche Effekte erzielt. Auch mit der Entwicklung der nationalen Rennfarben – und ihrer allmählichen Verdrängung durch die Farben der Sponsoren in den 1960er und 1970er Jahren setzt sich Voelker auseinander. In diesem Kontext spielt natürlich auch die Bannerwerbung eine Rolle, deren Ausbreitung man in zahlreichen Bildern von der Vorkriegszeit bis zu den Marlboro- und Benetton-Kulissen späterer Formel-1-Rennen nachvollziehen kann. Einer der wenigen Hersteller, der die grafische Gestaltung seiner Rennwagen nicht dem Zufall bzw. den Sponsoren überließ, war BMW. Die von Andy Warhol, David Hockney, Alexander Calder, Jenny Holzer und weiteren Künstlern von Weltruhm bemalten Motorsport-Karosserien waren vielleicht die ersten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der Visualität des Rennsports – ein entsprechender Platz gebührt ihnen natürlich auch in Sven Voelkers kreativ gestaltetem Übersichtsband.

Weitere Informationen zum Buch finden Sie beim Gestalten Verlag sowie auf der Website von Sven Voelker.

Text: Jan Baedeker
Fotos: Gestalten Verlag



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