Genfer Uhrensalon 2011: Premieren im Überblick

„Gab es da wirklich eine Finanzmarkt-Krise?“ möchte man nach dem Schluss des diesjährigen Genfer Uhrensalons fragen. Wie es scheint, sind die schwerwiegenden Turbulenzen längst vergessen. Von den zurückliegenden Schwierigkeiten künden allenfalls die vielen ultraflachen Armbanduhren von sehr eleganter Erscheinung.

Sie indizieren die Stunden, Minuten, Sekunden und höchstens noch das Datum – Mehr aber auch nicht. Viele dieser Zeitmesser wurden tatsächlich entwickelt, um den Kunden in einer problematischen Epoche Adäquates offerieren zu können. Jetzt sind sie fertig und verfügbar, doch die Zeiten haben sich wieder einmal gewandelt.

Aber die tickenden Minimalisten sind nun einmal da, und das ist gut so, denn sie signalisieren eine positiv anmutende Reduktion auf das Wesentliche, nämlich die kostbare Zeit. Nach Jahren, in denen viele Armbanduhren vorwiegend durch Opulenz sowie exaltierten Auftritt glänzten, treten Eleganz und gestalterische Bescheidenheit zunehmend in den Vordergrund. Zu den angenehmen Begleiterscheinungen einer krisenbedingten Läuterung gehört auch die Zurückhaltung in punkto Tourbillon. Ganz vom Markt verschwinden wird diese Komplikation nicht, aber die Fabrikanten haben erkannt, dass es neben dem Drehgang auch noch andere uhrmacherische Delikatessen gibt. Im Trend sind weiße Metalle oder warmes Rotgold. Chronographen sind weiterhin „in“ und der Retrolook ist wieder einmal im Kommen.

A. Lange & Söhne

Während des Genfer Uhrensalons präsentierte A. Lange & Söhne den vierten „Pour le Mérite“-Zeitmesser mit drehmomentstabilem Antrieb über Kette und Schnecke. Des Weiteren besitzt diese „Richard Lange“ ein Tourbillon mit patentiertem Sekundenstopp sowie ein markantes Dreikreis-Regulatorzifferblatt mit beeindruckendem Schwenkmechanismus. Das Drehgestell bei der „7“ zeigt sich nur von zwölf bis sechs Uhr in ganzer Pracht. Dann schnellt zur Vervollständigung der Stundenskala ein kleines Segment mit den römischen Ziffern VIII, IX und X in die Öffnung. Das Handaufzugskaliber L0.72.1 mit 36 Stunden Gangautonomie besteht ohne Kette aus 351 Teilen. Den Newcomer gibt es unlimitiert in Rotgold. Alternativ stehen 100 Platin-Exemplare zur Verfügung.

www.lange-soehne.com
Audemars Piguet

Seit 1993 gehört die „Offshore“-Line zu Audemars Piguet wie das Salz in die Suppe. Neustes Beispiel kontinuierlicher Produktpflege ist der soeben in Genf lancierte Automatik-Chronograph „The Legacy.“ Er steht für die langjährige Kooperation mit dem Actionstar und Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger. Der 48 mm große Bolide ist nur limitiert erhältlich, demnach entstehen lediglich 1.500 dieser markanten Zeitschreiber mit einer Keramikschale, welcher Roségold- und Titanelemente eine farbliche Akzentuierung verleihen. Das Uhrwerk ist eine Kombination aus Manufaktur-Automatik und Chrono-Modul von Dubois-Dépraz. Ein Teil des Verkaufserlöses unterstützt die 1992 von Arnold Schwarzenegger gegründete Wohltätigkeitsstiftung „After-School All-Stars“.

www.audemarspiguet.com
Baume & Mercier

In den vergangenen Jahren war es um Baume & Mercier reichlich still geworden. Unter dem neuen CEO Alain Zimmermann soll sich das gründlich ändern. Mit einer gründlich restrukturierten Kollektion soll das das traditionsreiche Richemont-Mitglied nun durchstarten. Ein Automatik-Chronograph gehört zur maskulinen Linie „Capeland“. Sein klassisches, bis 50 Meter wasserdichtes Gehäuse mit runden Drückern umfängt das Kaliber Eta 7753. Das sorgfältig gestaltete Zifferblatt sticht besonders ins Auge. Die äußere Tachymeterskala dient zum Ermitteln von Durchschnittsgeschwindigkeiten. Infolge der unterschiedlichen Ausbreitungsgeschwindigkeit von Licht und Schall können mit Hilfe der Telemeterskala Entfernungen zusätzlich gestoppt werden.

www.baume-et-mercier.com
Cartier

Bei Cartier tut sich unglaublich viel. Durch das maskuline „Calibre“-Gehäuse und die Entwicklung exklusiver Mechanik möchte das Unternehmen Uhren-Aficionados mit hohen Ansprüchen gewinnen. Beredtes Beispiel ist die 45 mm große, weißgoldene „Calibre de Cartier Weltzeit“ mit dem Automatikkaliber 9909 MC und innovativer, weil einfach handhabbarer Weltzeitindikation. Der Zeitmesser bietet Globetrottern alle nötigen Informationen wie Orts- und 24-h-Heimatzeit sowie einen „Jetlag“-Indikator, welcher die jeweilige Zeitverschiebung abbildet. Im Gegensatz zu herkömmlichen Weltzeituhren ist die Städtescheibe ins Werk integriert und zum Einstellen per Kippdrücker durch eine Lupe in der linken Gehäuseflanke sichtbar. Als besonders hilfreich erweist sich die Berücksichtigung der Sommerzeit.

www.cartier.com
Girard-Perregaux

Das Original der leicht rechteckigen „Vintage 1945“ von Girard-Perregaux debütierte, wie der Modellname unzweifelhaft erahnen lässt, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Opulenz am Handgelenk war damals noch kein Thema. Die Gehäuse fielen eher klein aus. Dass sich heutzutage damit nur noch wenig Staat machen lässt, mag sich fast von selbst verstehen. Passend zu unserer Epoche hat die Traditionsmanufaktur ihrem Klassiker neue Dimensionen verliehen. Die rotgoldene oder wahlweise auch stählerne Schale misst 35,25 x 36,20 Millimeter und verleiht dem flachen Automatikkaliber GP 3300 würdevollen Schutz. Das bombierte Zifferblatt mit kleiner Sekunde bei der „6“ huldigt ebenfalls vergangenen Tagen.

www.girard-perregaux.com
Greubel-Forsey

Wer es besonders exklusiv und vor allem kostspielig liebt, sollte die Armbanduhren von Greubel-Forsey einer detaillierten Begutachtung unterziehen. Jährlich entstehen in La Chaux-de-Fonds nicht mehr als 110 Exemplare. Der Einstiegspreis liegt bei rund 250.000 Euro. Kein Wunder also, dass sich nur wirklich Betuchte diese technischen und uhrmacherischen Leckerbissen leisten können. Die Preise kommen übrigens nicht von ungefähr, denn aufwändige Handarbeit bis ins letzte Detail bestimmt das Geschäft. Das neue „Invention Piece II“ verkörpert die augenblickliche Spitze der kleinen, aber feinen Kollektion. Von den nur je elf Exemplaren in Platin oder Rotgold besitzt jedes gleich zwei Doppeltourbillons. Das jeweils innere Drehgestell rotiert mit 30 Grad Neigung. 594 Komponenten braucht es für ein komplettes Uhrwerk. Jedes der 1,17 Gramm leichten Doppeltourbillons besteht aus 129 Teilen.

www.greubelforsey.com
IWC

Bei Italien-Liebhabern besitzt der Name Portofino einen faszinierenden Klang. Schon in den 1950ern zog die malerische Hafenstadt Musiker, Literaten und Filmstars in ihren Bann. Auch IWC taufte vor mehr als 25 Jahren eine ihrer Modellreihen „Portofino“. Nachdem auch die Uhr-Zeiten beständigem Wandel unterliegen, war eine gründliche Überarbeitung der klassisch anmutenden Zeitmesser überfällig. In Genf präsentierte sich die Kollektion in neuem Glanz. Neben einer Handaufzugsuhr und einem Chronographen wartet IWC mit der stählernen „Portofino Dual Time“ auf. Letztere wendet sich an Kosmopoliten, die rund um den Globus unterwegs sind. Das zusammen mit Valfleurier entwickelte Automatikkaliber 64710 stellt deshalb zwei Zonenzeiten dar. Mit der zentralen Ortszeit-Indikation ist auch das Fensterdatum gekoppelt.

www.iwc.com
Jaeger-LeCoultre

Liebhaber reinrassigen Retrolooks kommen bei der „Memovox Tribute to Deep Sea“ von Jaeger-LeCoultre voll auf ihre Kosten. Technisch handelt es sich um einen Zeitmesser mit Alarmfunktion. Seine erfolgreiche Premiere ging 1959 über die Bühne. Das Original gab in zwei Versionen mit unterschiedlichen Zifferblättern für den alten Kontinent sowie die Neue Welt jenseits des Atlantik. Bei den originalgetreuen Re-Editionen wuchs der Gehäusedurchmesser marginal von 39,8 auf 40,5 mm. In den Stahlgehäusen mit Plexiglas tickt die Manufaktur-Automatik 956 mit vier Hertz Unruhfrequenz und 45 Stunden Gangautonomie. Von der europäischen „Jaeger-LeCoultre Classique 1959“ wird die Traditionsmarke 959 Exemplare fertigen. Die Fertigung der „LeCoultre Spécial Amérique 1959“ beschränkt sich auf 359 Stück.

www.jaegerlecoultre.com
Montblanc

Im „TimeWalker TwinFly Chronograph“ von Montblanc tickt ein brandneues Manufakturkaliber mit der Bezeichnung MBLL100. Seine Kreation erfolgte in Kooperation mit der Schwesterfirma Valfleurier. Zu den Merkmalen gehören Rotor-Selbstaufzug, zwei Federhäuser, 72 Stunden Gangautonomie, vertikale Friktionskupplung, eine Schaltradsteuerung der zeitschreibenden Funktionen sowie eine Flyback-Funktion. Gute Ablesbarkeit gewährleistet ein zentral positionierter 60-Minuten-Zähler. Mit von der Partie sind ferner ein individuell verstellbarer 24-Stunden-Zeiger zur Indikation einer zweiten Zonenzeit und ein Fensterdatum. Von der Version mit schwarzer DLC-Beschichtung entstehen lediglich 300 Exemplare.

www.montblanc.com
Panerai

Die neueste „Luminor Submersible 1950 Bronzo“ von Panerai versteht sich als besondere Hommage an die Welt des Meeres. Ihr 47 mm großes, bis 30 bar wasserdichtes Gehäuse mit einseitig rastender Tauchzeit-Lünette besteht aus Bronze. Wegen seiner Korrosionsbeständigkeit ist dieses Material, eine Legierung aus Kupfer und reinem Zinn, prädestiniert für die Fertigung von Yacht-Komponenten. Am Handgelenk entwickelt der selten benutzte Werkstoff eine natürliche Patina. Im Inneren der markanten Schale, dessen hinteres Saphirglas ein Titanring umfängt, tickt das exklusive Automatikkaliber P.9000. Die nur 1.000 Exemplare werden erfahrungsgemäß rasch vergriffen sein.

www.panerai.com
Parmigiani

Vornehm könnte man es so formulieren: Das Uhrendesign von Parmigiani Fleurier polarisierte. Man mochte es oder eben nicht. 2011 bringt eine deutlich sichtbare Wende. Die „Tonda 1950“ frönt in jeder Hinsicht einer ungekünstelten Reduktion auf das Wesentliche. Das schlichte Rot- oder Weißgoldgehäuse mit geschwungenen Bandanstößen im Stil der 1950er Jahre verzichtet auf jeglichen Pomp. Neu ist auch das verbaute Automatikkaliber PF 701 mit Platin-Mikrorotor und 42 Stunden Gangautonomie, dessen Rohwerk die Schwester Vaucher zuliefert. Sein stattlicher Durchmesser von 30 mm zeigt sich am Zifferblatt durch die Positionierung des kleinen Sekundenzeigers. Dank minimalistischer Werkshöhe von nur 2,6 mm trägt das Ganze am Handgelenk kaum auf.

www.parmigiani.ch
Piaget

Wer ultraflache Uhren liebt, kommt an Piaget nicht vorbei. Diese Erkenntnis zeigt sich auch am neuen „Emperador Coussin Tourbillon“. Mit insgesamt nur 10,4 mm Höhe markiert es bezogen auf aktuell Erhältliches eine Spitzenleistung. Das 34,9 mm große Automatikwerk 1270 P mit vorne sichtbarem Weißgold-Mikrorotor misst sogar nur 5,35 Millimeter. Drei Jahre Entwicklungszeit brauchte es für dieses Kunstwerk, welches die Uhrmacher aus 200 Teilen zusammenfügen. Einige seiner Räder sind gerade einmal 0,12 mm groß. Das filigrane, 2,8 Millimeter hohe Tourbillon mit seinen drei Titanbrücken bringt gerade einmal 0,2 Gramm auf die Waage. Im Sinne des beabsichtigten Minimalismus erfolgt die Anzeige der verbleibenden Gangreserve rückseitig.

www.piaget.com
Ralph Lauren

Nach eigenem Bekunden steht Ralph Lauren auf Zeitlosigkeit. Das gilt auch für das Design seiner eigenen Armbanduhren. 2011 kann die Kollektion auf eine zweijährige Geschichte zurückblicken. Als neuestes Mitglied dürfte die nun wirklich eigenständige und nicht mehr an Cartier erinnernde „Slim Classique” vorwiegend Menschen mit sehr schlanken Handgelenken ansprechen. Ihr insgesamt 5,75 mm flaches Gehäuse, erhältlich u.a. in warmem Rotgold, misst nämlich nur 27,5 x 27,5 Millimeter. Größere Dimensionen würden die weit auseinander liegenden Bandanstöße auch nicht zulassen. Gehäuse wie diese verlangen natürlich nach entsprechend kleinen und flachen Uhrwerken vom Schlage eines Piaget 430 P, welches tägliche Zuwendung zum Zweck manueller Energiezufuhr verlangt.

www.ralphlauren.com
Richard Mille

Nach eigenem Bekunden besitzt Richard Mille keinerlei historische Beziehungen zur Uhrmacherei und damit auch keine Verpflichtungen gegenüber der Tradition. Seine Zeitmesser, von denen per annum rund 2.500 selbstverständlich in der Schweiz entstehen, fallen und sehen dementsprechend aus. Im Rahmen des Genfer Uhrensalons zeigte der Oldtimer-Freak darunter zwei neue Automatikmodelle. Die RM 30 mit tonneauförmiger Schale ist in Titan, Weiß- oder Rotgold zu haben. Das Rohwerk liefert die Parmigiani-Schwester Vaucher zu. Der Clou des skelettierten Oeuvre mit Großdatum und Gangreserveindikation: Nach dem Aufbau von 50 Stunden Gangautonomie wird der Rotor vom System abgekoppelt. Das verhindert ein Überspannen der Zugfeder. Sinkt die Gangautonomie unter 40 Stunden, schaltet sich der Rotor selbsttätig wieder zu. Eine Kontrollanzeige bei der „12“ signalisiert den jeweiligen Schaltzustand. Die Entwicklung dieser Innovation nahm bei Richard Mille ganze vier Jahre in Anspruch.

www.richardmille.com
Roger Dubuis

Georges Kern, seines Zeichens CEO bei IWC, hat sich nun auch der Manufaktur Roger Dubuis angenommen. Bei der jüngsten Richemont-Manufaktur möchte er ein neues Image bewirken. Zu diesem Zweck kehrt die kissenförmige Linie „Sympathie“ mit neuem Namen „La Monegasque“ zurück. Die aktuelle Spitze repräsentiert der Chronograph mit dem Manufakturkaliber RD 680. Sein Mikrorotor spannt die Zugfeder in einer Drehrichtung. Die Unruh vollzieht stündlich 28.800 Halbschwingungen. Der aus 261 Komponenten zusammengefügte Mikrokosmos verfügt über ein klassisches Säulenrad zur Steuerung der drei Funktionen Start, Stopp und Nullstellung. Die vertikale Reibungskupplung arbeitet ohne Kraftverlust. Gehäuse gibt es in Stahl oder Rotgold.

www.rogerdubuis.com
Vacheron Constantin

In Sachen Weltzeitindikation kann Vacheron Constantin auf eine beachtliche Geschichte zurückblicken. Zusammen mit dem Genfer Uhrmacher entstand 1932 eine erste Taschenuhr dieser Art. Das neueste Oeuvre mit dem patentierten Automatikkaliber 2460 WT geht weit über das bislang Gekannte hinaus. Sein Zifferblatt mit drei konzentrischen Städteringen trägt allen Zeitzonen-Besonderheiten Rechnung. Insgesamt stellt es nicht weniger als 37 Zonenzeiten dar, also beispielsweise auch jene von Caracas. Bekanntlich hat Hugo Chavez 2007 den Abstand zur Weltzeit UTC um eine halbe Stunde verkürzt. Mit dieser Rotgold-Armbanduhr ist Mann auch in Australien, Indien oder Iran zeitlich immer bestens versorgt, zumal sich alle Einstellungen ausschließlich über die Krone vornehmen lassen.

www.vacheron-constantin.com

Gisbert L. Brunner beschäftigt sich seit 1964 mit Armbanduhren, Pendeluhren und Präzisionszeitmessern. Während der Quarzkrise in den 1970er Jahren wächst die Liebe zu den anscheinend aussterbenden mechanischen Armbanduhren. Ein leidenschaftliches Sammelhobby führt ab den 1980er Jahren zu zahlreichen Artikeln und Büchern über dieses Metier.

Text: Gisbert L. Brunner
Fotos: Hersteller



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