Genfer Uhrensalon 2010: Die wichtigsten Neuheiten

Krise! Welche Krise? Von depressiver Stimmung war beim Rundgang durch den diesjährigen Genfer Uhrensalon SIHH nicht sonderlich viel zu spüren. Im Gegenteil: Nicht wenige der insgesamt 19 Aussteller von Audemars Piguet bis Vacheron Constantin konnten, auf glänzende Geschäfte vor allem in den letzten Monaten des Jahres 2009 zurückblicken. Insbesondere der Boom Asien scheint endlos. Daher betrachten manche Uhren-Manager die Absatz-Perspektiven etlicher Märkte im alten Europa bereits mit mehr oder minder großer Skepsis.

Natürlich schlägt sich die weltwirtschaftliche Lage der vergangenen Jahre in den Kollektionen nieder: Chronometrische Mega-Opulenz ist zwar noch nicht vollständig out, aber die Trends zeigen unverkennbar in Richtung größerer gestalterischer Zurückhaltung. Die elegante flache Armbanduhr, tunlichst mit exklusivem Uhrwerk, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Auch der Retro-Trend, also die Rückbesinnung auf Designs früherer Jahrzehnte, ist in diesem Jahr gefragter denn je. Bei den Gehäusen dominieren weiße und rötliche Goldtöne. Tiefes Schwarz auf Stahl, kratzfeste Keramik oder leichte Karbonfaser sind im Uhrenjahr 2010 ebenfalls angesagt. Die aktuellen ökonomischen Verwerfungen gehen an der Uhrenindustrie zwar nicht spurlos vorbei, allerdings wissen die in Genf vertretenen Luxusunternehmen mit dieser heiklen Situation trefflich umzugehen. Wir zeigen einige der spannendsten neuen Zeitmesser vom Lac Léman.

A. Lange & Söhne

Seitdem Jaeger-LeCoultre-CEO Jerôme Lambert bei der Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne mit am Steuer sitzt, ist in Glashütte totale Aufbruchsstimmung zu bemerken. Mit viel Elan entstanden fürs Jahr 165 nach der Firmengründung so viele Neuheiten wie selten zuvor. Dieser Schub tat auch bitter Not. Zu den echten Bereicherungen der Kollektion zählt die „Saxonia“ mit Großdatum und Jahreskalender, welche die Sachsen für 27.500 Euro in weißem oder rotem Gold offerieren. Korrekturen am Kalenderwerk, welches das „Sax-O-Mat“-Kaliber L085.1 mit so genanntem Dreiviertelrotor antreibt, sind nur jeweils Ende Februar erforderlich. Der Mond zieht seine Bahnen in einem Fenster hinter dem kleinen Sekundenzeiger.

www.lange-soehne.com
Audemars Piguet

Die gewaltige „Royal Oak Offshore“ ist eine markante Ikone der Familienmanufaktur Audemars Piguet. 2010 steht im Zeichen des „Grand Prix“-Chronographen mit 44 Millimeter großer Heavy-Duty-Schale aus geschmiedeter Karbonfaser. Zu diesem Material gesellen sich Keramik und Titan. Das verschraubte Ensemble schützt ein modular aufgebautes Chronographenwerk namens 3126/ 3840. Als Basis dient ein hauseigenes Automatikkaliber, welches eine zeitschreibende Kadratur von Dubois-Dépraz antreibt. Die Edition ist auf 1.750 Exemplare zum Stückpreis von 28.600 Euro limitiert und dürfte erfahrungsgemäß bald schon ausverkauft sein.

www.audemarspiguet.com
Baume & Mercier

Bei der Traditionsmarke Baume & Mercier hat seit einigen Monaten der frühere IWC-Manager Alain Zimmermann das Sagen. Der hat die Kollektion gestrafft und setzt für die Zukunft u.a. auf klassische Mechanik zu bezahlbaren Preisen. Als eindrucksvollen Beleg für die neue Strategie präsentiert der CEO den „Classima Executives XL Chronograph“ mit einfachem Vollkalendarium, welcher mit 42-Millimeter-Stahlgehäuse für 3.250 Euro zu haben ist. Hierfür gibt es ein klares Design und das bewährte Automatikkaliber Eta 7751, welches Datum, Wochentag, Monat, Mondphasen sowie alle 24 Stunden des Tages anzeigt. Gestoppt wird auf die Achtelsekunde genau.

www.baume-et-mercier.com
Cartier

Cartier zündete 2010 ein wahres Innovationenfeuerwerk mit zahlreichen Modellen, in denen selbst entwickelte Uhrwerke ticken. Als eines der imposanten Highlights kann mit Fug und Recht das „Rotonde Astrotourbillon“ mit manuellem Aufzug und 48 Stunden Gangautonomie gelten. Am 38 mm großen und 9,01 mm hohen Kaliber 9451 MC, bei dem die vorne sichtbare, mit drei Hertz oszillierende Unruh jede Minute einmal ums Zifferblatt rotiert, haben die Chefuhrmacherin Carole Forestier und ihr Team ganze fünf Jahre gearbeitet. Das weißgoldene Gehäuse misst 47 Millimeter. Außergewöhnliche Mechanik wie diese hat natürlich ihren Preis. Der liegt bei knapp 100.000 Euro.

www.cartier.com
Girard-Perregaux

Für puristische Eleganz steht im Hause Girard-Perregaux die wahrhaft schlichte „1966“. Dieses Jahr hat der italienische Mehrheitseigentümer Luigi „Gino“ Macaluso seine rundum erfolgreiche Uhrenlinie um einen eleganten Chronographen erweitert. Nachdem die Uhrmacher noch eifrig an einem integrierten Kaliber arbeiten, kommt in diesem Modell, das für 18.400 Euro mit 40-mm-Rotgoldschale zu haben ist, modulare Mechanik aus eigener Manufaktur zum Einsatz. Der Sichtboden zeigt das Automatikwerk 3300. Das Chronographenmodul mit Schaltradsteuerung verbirgt sich unter dem Zifferblatt. Das Ensemble heißt GP030CO. Automobile Enthusiasten können sich an einer Tachymeterskala zum Ermitteln von Durchschnittsgeschwindigkeiten erfreuen.

www.girard-perregaux.com
IWC

In Schaffhausen hat CEO Georges Kern für die von ihm geleitete Manufaktur IWC das Jahr der „Portugieser“ ausgerufen. Die Kreation der klassischen Uhrenlinie mit etwas mysteriösem Background geht auf die späten 1930er Jahre zurück. Liebhaber zurückhaltender Eleganz dürften bei der stählernen Handaufzugsversion mit kleinem Sekundenzeiger bei der „6“ voll auf ihre Kosten kommen. Zum Preis von 6.500 Euro offeriert IWC natürlich echte Schaffhauser Manufakturarbeit mit der Bezeichnung 98295. Kennzeichen ist u.a. ein überlanger Rückerzeiger, der an den Firmengründer Florentine Ariosto Jones und seine Kaliber erinnert. Das dezente runde Gehäuse bringt 44 Millimeter zwischen die Backen einer Schieblehre.

www.iwc.com
Jaeger-LeCoultre

Jaeger-LeCoultre im abgeschiedenen Vallée de Joux gehört mit einer Fertigungstiefe jenseits von neunzig Prozent zu den eidgenössischen Vorzeigemanufakturen schlechthin. Und CEO Jerôme Lambert setzt alles daran, diesen hohen Anspruch immer weiter auszubauen. Bester Beleg für die absolut glaubwürdige Firmenphilosophie ist die neue „Duomètre à Quantième Lunaire“ mit 42 mm großem Rotgoldgehäuse und zweigeteiltem Zifferblatt. Die rechte Seite dient der Zeitanzeige, links finden sich die Datumsindikation sowie Mondphasenanzeigen für die nördliche und südliche Hemisphäre. Im Zentrum des Kalibers Dualwing 381 mit konstanter Antriebskraft rotiert der Sekundenzeiger, darunter bei der „6“ die „blitzende“ Sekunde in Sechstelsekundenschritten. Ferner mit von der Partie: Zero-Reset und zwei Gangreserveanzeigen. Zu haben für 25.500 Euro.

www.jaegerlecoutlre.com
Montblanc

Wer eine dieser neuartigen, höchst ungewöhnlichen Weißgold-Armbanduhren möchte, muss sich vermutlich beeilen. Das Institut Minerva der deutschen Nobelmarke Montblanc wird vom „Timewriter 1 Metamorphosis“ nämlich nur ein Dutzend Exemplare zum Stückpreis von 195.000 Euro fertigen. Hinter der Kreation mit dem Chrono-Basiskaliber 16-29 stehen die Uhrmacher Johnny Girardin und Franck Orny. Sie haben sich ein ungemein wandlungsfähiges Zifferblatt ausgedacht, welches sich entweder der Datumsindikation oder dem noblen Chronographen widmet. Knopfdruck genügt. Selbstverständlich läuft die gerade nicht dargestellte Funktion im Dienste der perfekten Metamorphose hintergründig weiter.

www.montblanc.com
Panerai

Während der vergangenen Jahre hat Panerai durch ein breites Spektrum eigener Uhrwerke von sich reden gemacht. Neustes Mitglied der exklusiven Kaliberfamilie ist das P.999, dessen seriell geschaltetes Zugfeder-Duo spätestens nach sechzig Stunden von Hand gespannt werden möchte. Die Unruh des 12-linigen Newcomers –Durchmesser rund 27 Millimeter– vollzieht stündlich 21.600 Halbschwingungen, was einer Frequenz von drei Hertz entspricht. Das Mitglied der Richemont-Gruppe verbaut das tickende Kleinod in einem 42 Millimeter großen Gehäuse der „Radiomir“-Kollektion. Das schlichte Modell mit kleiner Sekunde bei der „9“ kostet in Stahl 4.900 Euro.

www.panerai.com
Parmigiani

Die Kooperation mit Bugatti reicht bei Parmigiani Fleurier bis ins Jahr 2001 zurück. Damals entstand das extravagante Modell 370 mit stehenden Werksplatten. Der neue „Atalante“ Flyback-Chronograph erinnert an den legendären Bugatti Type 57SC aus den 1930er Jahren, von dem lediglich 17 Exemplare entstanden. Dementsprechend fertigt Parmigiani von der Platin-Version des Stoppers mit dem hauseigenen Basiskaliber PF 335 auch nur 17 Stück. Nachdem es sich um ein „Sandwich“-Kaliber handelt, konnten das Chronographen-Modul um 180 Grad gedreht und die Drücker folglich auf der linken Gehäuseseite positioniert werden. Das feine Leder-Armband stammt vom noblen Partner Hermès.

www.parmigiani.ch
Piaget

Die Luxus-Manufaktur Piaget gilt als Pionier der ultraflachen Armbanduhr. 1960 lancierte sie das nur 2,3 mm hohe Automatikkaliber 12 P Mikrorotor. Anfang des 21. Jahrhunderts endete der Lebenszyklus dieses Superlativs. Pünktlich zum 50. Jahrestag seiner Premiere ist der Nachfolger 1208P zur Stelle. Der ähnelt zwar dem Vorgänger, verkörpert aber eine Neuentwicklung. Seine 2,35 mm Höhe stellt erneut einen Weltrekord dar. Trotz dieses Minimalismus bietet der knapp 30 mm große Mikrokosmos rund 40 h Gangautonomie. Das Ganze nennt sich „Altiplano” und ist wegen der großen kleinen Sekunde an ungewöhnlicher Stelle eindeutig als Piaget identifizierbar. Am Gehäusedurchmesser offenbart sich der Zeitenwechsel. Aus 34 Millimetern beim 1960er Modell wurden nun deren 43. Preis in Rotgold: 13.900 Euro.

www.piaget.com
Richard Mille

Nach zehn Jahren uhrmacherischer Innovation der Extraklasse möchte Richard Mille nun auch am deutschen Markt Fuß fassen. Der ambitionierte Eigentümer und Pilot hochrangiger Sport-Boliden vom Schlage eines Porsche 910 und 917 fertigte 2008 nur gut 2.000 Zeitmesser. Heuer sollen es etwa 2.500 werden. Die Uhren des Franzosen sind durchweg anders. So auch das brandneue, ultraflache Tourbillon mit einer Höhe von lediglich 8,7 Millimetern. Die ungemeine Innovationskraft des jungen Unternehmens, an dem Audemars Piguet beteiligt ist, belegt eine Platine aus Karbonfaser. Die durchbrochene Konstruktion bietet Technikfreaks tiefe Einblicke in die außergewöhnliche Werkskonstruktion.

www.richard-mille.com
Roger Dubuis

Das Flaggschiff des jüngsten Mitglieds der Richemont-Luxusgruppe heißt „Excalibur“. Dort wiederum hat die Manufaktur Roger Dubuis ihre Armbanduhr mit wohl tönender Minutenrepetition ganz ober angesiedelt. Wer eines der nur 28 Exemplare mit 45 Millimeter großem Roségoldgehäuse sein Eigen nennen möchte, muss gut eine halbe Million Euro auf den Tisch des Konzessionärs blättern. Dafür erhält Mann neben dem feinen Schlagwerk, das die Stunden, Viertelstunden und Minuten auf Anforderung akustisch wiedergibt, aber auch noch ein vorne sichtbares Tourbillon, ein durchbrochenes Zifferblatt zum Bewundern der Repetitionskadratur und ein Automatikwerk mit gleich zwei Platinrotoren.

www.rogerdubuis.com
Vacheron Constantin

Auch Vacheron Constantin, die große alte Genfer Manufaktur kann sich einiger Kaliber-Superlative rühmen. Das betrifft ultraflache Uhrwerke wie das nur 1,96 mm hohe 1003 ebenso wie komplexe Mechanismen mit hilfreichen Zusatzfunktionen. Die neue „Patrimony Traditionelle Kaliber 2253“ besitzt gleich vier Federhäuser, von denen jeweils zwei in Serie geschaltet sind. Sie gewährleisten satte zwei Wochen Gangautonomie. Das 32 Millimeter große Uhrwerk besteht aus 457 Teilen, die in ihrem funktionalen Zusammenspiel jede Menge können: ewiges Kalendarium mit Schaltjahresindikation, Anzeige des Unterschieds zwischen wahrer und mittlerer Sonnenzeit, Darstellung der Zeiten des Sonnenauf- und Untergangs am Wohnort des Besitzers. Nur zehn Platin-Exemplare à 357.000 Euro wird Vacheron Constantin davon fertigen.

http://www.vacheron-constantin.com/
Abseits des Uhrensalons: Hublot

Hublot ist zwar nicht am Genfer Uhrensalon vertreten, sondern bei der Baselworld im März präsent. An der Dynamik dieser Kult-Marke unter Leitung des quirligen Machers Jean-Claude Biver ändert das freilich nichts. Der Luxemburger agiert beim diesjährigen America’s Cup als Partner des Schweizer Alinghi-Teams. Zu diesem Anlass braucht es natürlich eine passende Armbanduhr. Nur 333 Zeitgenossinnen und –genossen können sich am 48 Millimeter großen „King Power” Automatik-Chronographen mit schwarzem Composite-Gehäuse aus Keramik, Kautschuk, Kunstharz und Titan erfreuen. Die markante Schale ist wasserdicht bis zehn Atmosphären. Das skelettierte Chronographenkaliber HUB 440 besteht aus 252 Komponenten und stoppt auf die Achtelsekunde genau.

www.hublot.com

Gisbert L. Brunner beschäftigt sich seit 1964 mit Armbanduhren, Pendeluhren und Präzisionszeitmessern. Während der Quarzkrise in den 1970er Jahren wächst die Liebe zu den anscheinend aussterbenden mechanischen Armbanduhren. Ein leidenschaftliches Sammelhobby führt ab den 1980er Jahren zu zahlreichen Artikeln und Büchern über dieses Metier.

Text: Gisbert L. Brunner
Fotos: Hersteller



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