Genfer Automobilsalon 2007: Genfer Enthüllungen

Eigentlich ist der Genfer Salon das Wohnzimmer der Automobilindustrie. Zum Jahresbeginn zeigt man sich dort traditionell von der feingeistigen Seite: Auf schweizerisch-neutralem Grund und in privater Atmosphäre zeigt man formschöne Designstudien und luxuriöse Weltpremieren. Doch in diesem Jahr ist einiges anders. Erst kam die VW-Affäre, dann der deutsche Medienlärm um Klimawandel und CO2-Ausstoß. So müssen sich die europäischen Vorstände von der automobilen Öffentlichkeit auf die Finger gucken lassen, wie selten zuvor. Da die Begeisterung der Messebesucher für Luxus und Leistung trotz aller Kritik nicht abzureißen scheint, sieht man sich beim Premieren-Hopping durch die hallen der Palexpo einer spannungsgeladenen Mischung ausgesetzt – oftmals mit Hubraum-Preisungen im rechten und Hybrid-Monologen im linken Ohr. Ein Salon zwischen zwei Polen – der Lagebericht.

Die ersten Enthüllungen gibt es schon am Vorabend der Eröffnung: Bentley präsentierte in den edlen Hallen der Société Nautique de Gèneve ein neues Luxus-Coupé, den Bentley Brooklands. Der wuchtige Zweitürer im Farbton „Gun Metal Grey“ trägt den Namen einer englischen Traditionsrennstrecke und wird, so Bentley-Chef Paefgen, vom momentan „stärksten Serien-Achtzylinder der Welt“ nach vorne getrieben. In Zahlen bedeutet das 530 PS und 1050 Newtonmeter. Was der Preis von rund 300.000 Euro nicht an Abschreckung leistet, soll die Selbstlimitierung regeln: lediglich 550 Exemplare des Brooklands werden im kommenden Jahr ausgeliefert.

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Den Anfang macht am nächsten Morgen in aller Frühe Martin Winterkorn, Vorstandschef des Bentley-Mutterkonzerns Volkswagen, mit einer selbstbewussten Ansprache zum Rekordjahr 2006 und der neuen, konsequenten Sparsamkeit bei VW. Auch die Konzerntochter Audi konnte sich mit guten Absatzzahlen schmücken und präsentierte eine weit gefächerte Auswahl neuer Modelle: Von der Sparversion des A3, die pro Kilometer nur 120 Gramm CO2 ausstößt, über den Audi Q7 mit neuem 4,2-Liter-TDI-Motor bis hin zum neuen Lückenfüller-Coupé A5, dessen Sportversion S5 mit 354 PS leistungsmäßig den Ton angab - natürlich abgesehen vom neuen Audi R8. Die sportlichen Highlights des VW-Portfolios gab es wie gewohnt bei Lamborghini zu bestaunen. Neben dem bereits in Bologna enthüllten Murciélago LP640 Roadster zeigten die Italiener auch den brandneuen Gallardo Superleggera, eine um 100 Kilo reduzierte, mattgraue Leichtbauversion des aktuellen Zehnzylinder-Modells.

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Wenig Neues gab es beim Erzkonkurrenten Ferrari zu entdeckten. Die Modellpalette von F430 über F599 bis F612 war vertreten, auf den F430 Challenge Stradale wartete man jedoch vergeblich. Vorstand Luca di Montezemolo vertröstete auf die IAA im September. Dafür wurde der Schwestermarke Maserati bei der Enthüllung des neuen GranTurismo Coupés die volle Aufmerksamkeit zuteil. Der komfortable 2+2-Sitzer mit 405 PS starkem V8 glänzte in elegantem Silber und krönt pünktlich zum 60 Firmenjubiläum das Modellprogramm. Im Frühsommer sollen die ersten Exemplare ausgeliefert werden. Nebenan bei Alfa Romeo zeigt man den neuen Spider in klassischem rot und eine nachtschwarze Version des beeindruckenden 8C Competizione. Auf dem Fiat-Stand war die Reanimation der Marke Abarth das große Thema – fleißig räkelten sich die Hostessen auf dem neuen Abarth Grande Punto.

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Für die großen italienischen Designstudios ist Genf traditionell die wichtigste Schau. Bertone feiert in diesem Jahr das 95-jährige Bestehen und zeigt eine bullig-futuristische Barchetta-Studie auf – man glaubt es kaum – Basis des Fiat Panda 100 HP. Inspirieren ließen sich die Designer von einem Barchetta-Umbau des Fiat 500, den der junge Nuccio Bertone 1947 gefertigt hatte. Pininfarina schmückte den Stand mit einem weißen Modell des neuen Maserati GranTurismo und machte noch einmal darauf aufmerksam, auch für das Design des Volvo C70 verantwortlich zu sein. Das Designbüro Giugiaro nutzte die Gunst der Stunde, um mit einem wasserstoffbetriebenen Sportwagenkonzept für sich zu werben: Der Innenraum des Giugiaro Vadhò ist wie das Cockpit eines Jagdfliegers aufgebaut – die Passagiere sitzen hintereinander und gesteuert wird über einen Joystick. Fioravanti zeigte ein großes Shuttle-Konzept mit Glasdach in trendbewusster, rot-silberner Bicolor-Lackierung. Bei Zagato konnte man die Neuinterpretation der ehemaligen Automarke Diatto erleben – das eigentliche Showcar des Designbüros wurde jedoch an einem anderen enthüllt.

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Pünktlich zum Einstieg in die Formel Eins hatte sich die niederländische Sportwagenmarke Spyker mit Zagato zusammengetan und eine auf 24 Exemplare limitierte Sonderversion des Zwölfzylinder-Topmodells C12 Spyder produziert. Der futuristische Sportwagen leistet mehr als 500 PS und wird ab März 2008 an seine ausgewählten Besitzer geliefert. Der Nettopreis für den Exoten liegt bei 495.000 Euro. Etwas günstiger ist das zweite Newcomer-Modell der Niederländer zu haben: Im letzten Jahr wurde die Studie vorgestellt, jetzt kann man die Vorserie des Spyker D12 Peking-to-Paris bewundern. Der SSUV-Koloss wird ab Dezember 2007 ausgeliefert und kostet rund 235.000 Euro. Noch besser kommt man am Stand der Landsmänner von Donkervoort davon: Die kleine Manufaktur aus der Nähe von Amsterdam bietet ihr neues D8 GT Coupé ab 90.000 Euro an – kein schlechter Preis für einen Sportwagen, von dem pro Jahr nur 60 Stück gefertigt werden.

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Kommen wir zu den üblichen Verdächtigen aus dem Supercar-Zirkus: Der schwedische Kleinserienhersteller Koenigsegg hatte mit seinem 1008 PS starken, über 400 km/h schnellen, 750.000 Euro teuren und – man höre und staune - von Bioethanol-Kraftstoff ökologisch korrekt nach vorne katapultierten Neo-Hippie-Racer CCXR die Nase vorn. Wenige Stunden nach der Premiere waren bereits die ersten beiden Autos verkauft. Die italienischen Kollegen von Pagani präsentieren eine neue Leistungsstufe für den V12-Boliden Zonda: Der langgezogene Pagani Zonda R ist speziell für die Rennstrecke abgestimmt, mit einem 750 PS starken 6-Liter-V12-AMG-Triebwerk bestückt und soll dem superexklusiven Ferrari FXX Konkurrenz machen – auch mit dem Preis von rund 1,2 Millionen Euro. Etwas weniger dramatisch geht es bei Lotus zu: Die Engländer zeigen in Genf neben einem neuen Luxus-Interior für den Eruopa S gleich zwei Modellvarianten für die Rennstrecke: der offene, leichte, 252 PS starke Rennwagen 2-Eleven und die Studie für einen 271 PS starken Straßensportwagen auf Basis des Renn-Exige aus der GT3-Serie.

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Die großen britischen Traditionshäuser Aston Martin und Jaguar hatten dagegen wenig Neues im Gepäck: Heißer als der rote AMV8 Roadster wurde am Stand von Aston Martin die jüngsten Übernahmegerüchte gehandelt. Nach der Enthüllung in Detroit zeigt Jaguar auch in Genf den C-XF als Vorschau auf die Generation des S-Type, die voraussichtlich auf der IAA zu sehen ist. Für Fans der Marke war vielleicht noch der aufgefrischte XJ von Interesse. Neues aus der Ford-Gruppe gab es dafür bei Volvo zu vermelden: die Schweden hatten den Cross Country-Nachfolger XC70 dabei und enthüllten das neue Modell ganz ungeniert schon einen Tag vor der Messe. Spannend wurde es aber erst bei den skandinavischen Nachbarn von Saab. Unter dem vielversprechenden Namen „Bio Power Concept“ wurde ein neues Kraftstoffkonzept für die 9-3-Reihe präsentiert. Der Clou: Je nach Angebot und Verfügbarkeit lassen sich die neuen Modelle mit normalem Benzin oder mit einem Enthanol-Benzin-Gemisch betanken. Nicht schlecht.

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Auch bei Mercedes-Benz setzte man auf den Umwelt-Bonus und schob die Diesel-Sparversion der neuen C-Klasse, den Mercedes Vision C 220 Bluetec, ins Scheinwerferlicht. Rückendeckung mit klassischen Benz-Tugenden gaben die Power-Modelle SLR 772 und der SL mit frischem Sportpaket. Auch die Konkurrenz von BMW fuhr mit ihrem diesjährigen Stand zweigleisig: In der einen Ecke zeigten die Münchener den 7er Hydrogen mit Wasserstoffantrieb und die verbrauchsreduzierte Fünfer-Reihe, auf der anderen Seite wurde der BMW M3 Concept, eine seriennahe Vorstudie des rund 420 PS starken V8-Coupés präsentiert. Etwas kalt erwischt hatte die Klimadebatte den Stand von Porsche: Die Stuttgarter zeigen vor allem die neuen Cayenne-Modelle, die zwar sparsamer geworden sind, jedoch noch keine Hybrid-Motorisierung anbieten. Sorgen muss sich der Vorstand trotzdem nicht machen – die Beteiligung an VW brachte im letzten Jahr ein sattes Plus.

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Der Hang zum Überfluss wurde natürlich auch bei Rolls-Royce zelebriert: Die BMW-Tochter zeigte das Drophead Coupé zum ersten Mal in Europa – das gewaltige, strahlend weiße Cabriolet hätte man auch ohne Probleme bei der Monaco Yacht Show einschmuggeln können. Doch alles hat auf diesem Genfer Salon zwei Seiten – und so konnte man am Stand von Mansory die dunkle Seite der britischen Edelmarke bestaunen. Unter dem gewagten Projektnamen „Conquistador“ hatten die Edeltuner einen Rolls-Royce Phantom in mattes schwarz getaucht und mit wuchtigen Schwellern und Felgen versehen. Wenig zimperlich ging es auch bei Brabus zu: Das neueste Modell der Bottropper ist eine schwarze Breitversion der Mercedes-Benz ML-Klasse mit dem passenden Namen „Widestar“. Die Liste der Verschönerungs... – nein, sagen lieber wir: Veränderungsschmieden ließe sich beliebig verlängern.

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Wenn der 77. Genfer Salon am 18. März seine Tore schließt, kann man wohl eines sagen: Die allgemeine Diskussion um Klimawandel und CO2-Emissionen – so unreflektiert und hysterisch sie in vielen Medien auch geführt wurde – hat der europäischen Automobilindustrie einen wichtigen Impuls zur Veränderung gegeben. Auch die starke Konkurrenz aus Fernost wird den Innovationsdruck auf VW, BMW, Mercedes-Benz und Konsorten erhöhen und hoffentlich für eine beschleunigte Umsetzung neuer Ideen und Konzepte sorgen – nicht nur im Bereich des Antriebs, sondern auch bei einer zeitgemäßen und zukunftsfähigen Definition von automobilem Luxus. Auf der IAA im September wird sich zeigen, welcher Hersteller die Situation nicht als Krise verdammt, sondern als Chance nutzt. Wir sind gespannt.

Unsere Fotografin Nanette Schärf hat die schönsten und spektakulärsten Momente des Genfer Salons mit ihrer Kamera eingefangen.
BITTE KLICKEN SIE HIER ZUR GROSSEN BILDERGALERIE!


Text: Jan Baedeker
Fotos: Nanette Schaerf


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