Ferrari 599 GTB Fiorano

Ausgestattet mit dem 620 PS starken V12-Motor aus dem Ferrari Enzo und dem Manettino genannten Schalter am Lenkrad, mit dem sich die Fahrdynamik an alle erdenklichen Straßengegebenheiten anpassen lässt, erweckt der neueste GT von Ferrari den Eindruck, als sei er einzig und allein für die Rennstrecke bestimmt. Sicherlich wird der 599 rennsportliche Aufgaben souverän lösen, doch einige Tage hinter seinem Steuer, auf dem Weg von Goodwood über Reims nach Maranello, enthüllten auch eine ganz andere Seite des 330 km/h schnellen Erben des F40.

Wieso der Vergleich mit dem legendären Ferrari F40? Sicherlich sind die Modelle 550 und 575 die direkten 599-Vorfahren, doch in den Augen von Ferrari hat der F40 zu seiner Zeit neue Maßstäbe in den Bereichen Fahrkultur und –leistung gesetzt. Das neue Modell soll daran anknüpfen und erneut diese Emotionen wecken. Dabei ging es nicht darum, wieder einen puristischen Straßensportwagen mit einer gehörigen Portion an Leistung an den Start zu bringen, sondern ein ebenso komfortablen „Grand Tourer“, der gleichermaßen für längere Strecken, als auch für die Fahrt zum Theater geeignet ist. Dinge eben, die mit einem F40 so nicht machbar sind.

Ferrari 599 GTB FioranoFerrari 599 GTB Fiorano

Sein England-Debut feierte der 599 auf dem Festival of Speed, dort wo einer kleinen Auswahl an Journalisten (mich eingeschlossen) das neueste Werk aus Maranello mit der einfachen Ansage übergeben wurde. „Verlassen Sie Goodwood am Montagmorgen und erreichen Sie den 14:04 Uhr Zug durch den Euro Tunnel. Übernachten Sie in Reims und fahren Sie am nächsten Morgen auf direktem Wege nach Maranello. Dort erwartet Sie ein Welcome-Dinner im Ristorante Montana.“ Soweit, so gut.



Es ist ein freundlicher Sommermorgen, als ich mich hinter das Sportvolant aus Karbon setze. Jetzt noch den speziellen Daytona-Sitz einstellen, was dank vieler elektrischer Motoren schnell erledigt ist und es kann losgehen. Eine Drehung mit dem Zündschlüssel, dann den Startknopf am Lenkrad drücken, mit der Schaltwippe am Lenkrad den ersten Gang einlegen und ab dafür! Bei niedrigen Geschwindigkeiten ist die Lenkung etwas zu leichtgängig, doch schon bei geringer Beschleunigung reagiert der Tourer präzise und straff auf jede Bewegung des Lenkrades. Wenig Freude bereiten mir die permanent verstopften Straßen Nordenglands, doch noch nie habe ich so stilvoll im Stau gestanden, wie im 599 – und das mit einem Linkslenker.

Nach einer kurzen Fahrt durch den Tunnel leuchtet mir französisches Tageslicht entgegen. Ankunft in Europa. Auf dem Weg nach Reims durchquere ich einige Tunnel und ich muss sagen, der Klang des Motors ist unglaublich. Die Sounddesigner bei Ferrari haben wirklich ganze Arbeit geleistet. Eine wechselnde Klangkulisse begleitet einen. In der Front wiehert der Motor vollmundig, um sich dann im Auspuff mit einem donnergleichen Grollen zu entladen – und das schönste ist, dass der San Bernadino Tunnel noch vor uns liegt. Mehr Sound!



Das Leistungspotenzial des 599 GTB ist atemberaubend. Man darf nicht vergessen, der Wagen ist 50 Kilogramm leichter als der 575 und hat ein Leistungsplus von 80 PS. Hinzu kommt noch die F1-Schaltung der neuesten Generation. Sie schafft es in nur 100 Millisekunden, die Schaltbefehle an das Getriebe weiter zugeben. Ich gönne mir die Freude und treibe den Motor auf 7.600/min Touren, jetzt entfaltet sich die gesamte Kraft von 620 PS. Das Gefühl dieser brachialen Beschleunigung ist unbeschreiblich, ich kann nicht genug davon kriegen, doch der Respekt vor französischen Blitzanlagen zwingt mich zur Mäßigung.



Ferrari 599 GTB FioranoFerrari 599 GTB Fiorano

Das Handling des Ferrari ist, trotz seiner Kraft, extrem gutmütig. Bei eingeschalteten Assistenzsystemen bemerkt man selbst bei zügiger Kurvenfahrt durch die Serpentinen nur eine ganz leichte hecklastige Bewegung zur Seite. Der Wagen schmeichelt einem förmlich. Als ich einmal etwas zu schnell in eine enge Kurve einbiege, verhinderten die elektronischen Helfer ein Ausbrechen. Es war fast so, als flüstere mir der 599 GTB liebevoll zu: „Mach ruhig weiter und hab Spaß! Ich pass schon auf dich auf.“



Pünktlich erreiche ich Reims und nutze die Gelegenheit, den Ort zu besuchen, an dem Ferrari viele Erfolge feiern konnte, zum Beispiel beim „Großen Preis von Frankreich“ von 1953 oder 1964 den Sieg des 12h-Rennens. Weiter geht es durch die Schweiz bis wir endlich im Heimatland von Ferrari angekommen sind. Nach einigen Photostops erreichen der Ferrari und ich wohlbehalten das legendäre Ristorante Montana. Nur schwer kann ich mich von meinem vierrädrigen Begleiter trennen, doch in jedem Ende steckt auch ein Anfang.



Der Ferrari 599 GTB ist ein hundertprozentiges Kind der Ferrari Familie, er ist das Produkt einer Leidenschaft, die schon seit jeher die aufregendsten Automobile unser Zeit schuf. Der F40 hat einen würdigen Erben bekommen – lang lebe der 599 GTB.

Text: Steve Wakefield
Fotos: Classic Driver



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