Fünf Fragen an: Wolfgang Rolli, Sammlungskurator

Fünf Fragen an: Wolfgang Rolli, Sammlungskurator

Worauf sollte man beim Kauf eines Klassikers achten? Wolfgang Rolli, ehemaliger Leiter des Mercedes-Benz Museums in Stuttgart, Oldtimer-Experte und Sammlungskurator, gab Classic Driver in Polling am Firmensitz von HK-Engineering Auskunft: Originalität steht an erster Stelle.

Herr Rolli, Oldtimer scheinen beliebter als je zuvor und werden entsprechend nachgefragt. Woran liegt das?

Oldtimer sind einfach sympathisch. Und sie konservieren Zeit auf besondere Weise. Das mögen die Menschen. Sie sehnen sich zurück nach Beständigem, nach Beherrschbarem. Hinzu kommen aktuelle wirtschaftliche Trends. Lassen Sie es mich zugespitzt sagen: Die Welt scheint pleite, Sachwerte hingegen performen in kaum gekannter Weise. Davon profitieren auch Oldtimer. Ich werde derzeit häufiger gefragt: „Meinen Sie nicht, dass man sich jetzt einen Oldtimer kaufen sollte?“

Und – sollte man?

Das kommt darauf an. Tatsächlich war der Reiz einer gezielten ökonomischen Investition in diesem Metier noch nie so groß. Ich vergleiche den Oldtimermarkt jedoch gerne mit dem Kunstmarkt. Es ist ein Liebhabermarkt mit eigenen Regeln. Und die sollte man kennen. Wer hingegen nur aus bloßem Kalkül einer nüchternen Sachwertanlage handelt, springt zu kurz. Denn Oldtimer sind anders als Aktien oder Gold. Kaufen, beiseite stellen, warten, mit Gewinn verkaufen – so einfach ist das nicht. Wer unüberlegt kauft, begeht den größten Fehler. Der Begriff des „Garagen-Goldes“ ist daher auch nur bedingt richtig.

Spontankäufe können aber auch Glücksgriffe sein und eine bestehende Oldtimer-Sammlung bereichern. Wie geht man denn nun systematisch vor. Herr Rolli, worauf kommt es an?

Die Gefahren beim Oldtimerkauf liegen zunächst in der eigenen Emotion. Man sollte sich schlicht bewusst machen, dass ein Oldtimerkauf meist ein sehr emotionales Ereignis ist. Emotionen allerdings schalten den Verstand ab. Hier hilft Distanz. Beispielsweise mit einer objektiven Fahrzeug-Checkliste, die minutiös mit einem externen Sachverstand abgearbeitet wird. Ich rate jedoch noch zu einem vorgelagerten Schritt. Denn Kaufüberlegungen aus Sicht eines Sammlers greifen tiefer. Sie beginnen mit der Frage: „Was soll man überhaupt sammeln?“ Ich habe mir die Frage in meiner Zeit als Leiter des Mercedes-Benz Museums selbst gestellt. Die Herstellersammlung gibt es nun schon seit 1923, und jahrzehntelang wurde das gesammelt, was man gut fand. Ein echtes Konzept fehlte. Das aber kann einem Sammler mit begrenzten Mitteln helfen. Man sollte sich fragen: Was muss man unbedingt haben? Was kann man haben? Und was kann man gegebenenfalls auch abstoßen, um Neues anzuschaffen? Zugegeben, das sind subjektive Faktoren. Doch eine Sammlung ist immer eine höchstpersönliche Sache. Aus historischer Sicht kommt ohnehin hinzu, dass nicht immer der teuerste Wagen auch der wertvollste ist.

Wie aber lauten denn ihre grundsätzlichen Empfehlungen beim Kauf eines Fahrzeugs?

Ich lege vor allem Wert auf drei Faktoren. Erstens: Originalität, zweitens die individuelle Fahrzeuggeschichte und drittens eine sachkundige, vor allen Dingen behutsame, Restauration. Wer sich daran hält, ist beim Oldtimerkauf gut beraten. Ich rate: lieber weniger Fahrzeuge, dafür Originale kaufen. Die Fahrzeuggeschichte ist die ganz individuelle Vita eines Automobils, die damit einhergehende Halterhistorie und das Einsatzgebiet des Fahrzeugs – dokumentiert beispielsweise mit zeitgenössischen Bildern, Artikeln, Dokumenten und Erinnerungen. Dazu zählt auch über Jahrzehnte entstandene Patina, die klar vom Verschleiß abgegrenzt werden muss. Optische Abnutzungen, die authentisch und durch jahrelangen Gebrauch entstanden sind, sind heutzutage anerkannte wertbildende Faktoren. Und die Summe dieser Eigenschaften macht ein Fahrzeug einzigartig. Die Briten hatten hier Recht, als sie schon früh die Frage aufwarfen, ob denn nun „Restoration or Preservation“ richtig sei. Mein persönliches Fazit: Heute ist der sorgsam bewahrte Originalzustand eindeutig begehrenswerter als ein penibel oder gar überrestauriertes Fahrzeug.

Was zeichnet denn eine aus Ihrer Sicht gute Restauration aus. Perfektion bis in die letzte Schraube ist es scheinbar nicht?

Nein, denn mittlerweile ist klar: Eine perfekte Restauration ist reproduzierbar, wertvolle historische Originalsubstanz ist es hingegen nicht. Die 300 SL Flügeltürer sind ein gutes Beispiel. Viele davon sind nach Totalrestauration in einem perfekten Zustand, haben dabei aber ihre Seele, ihre eigene Geschichte verloren. Das ist bedauernswert und nicht wieder gut zu machen. Deswegen postuliere ich eine behutsame Restauration, die so viel Originalsubstanz wie möglich erhält, wie dies etwa hier in Polling bei HK-Engineering geschieht. Hans Kleissl hat bei seinen 300 SL Restaurationen sehr früh den Wert von Originalsubstanz erkannt. Wer restauriert, sollte das zudem nur mit Originalteilen und mit authentischen Verfahren machen – selbst wenn moderne Verfahren ein perfekteres Ergebnis liefern. Doch Perfektion wurde jahrelang überbewertet. Der Markt hat das erkannt: Mittlerweile notieren originale und authentische 300 SL Flügeltürer oder Roadster deutlich höher als zu Tode restaurierte Exemplare. Einen abschließenden Tipp möchte ich noch geben: „Cars are meant to be driven!“ Bewegung ist die beste Pflege und eine Werkstatt, die für die artgerechte Haltung sorgt, ist unerlässlich. Gerade bei hochpreisigen Oldtimern muss man sich auf seine Werkstatt ohne Wenn und Aber verlassen können. Wir alle kennen die Fälle, bei denen Fahrzeuge instand gesetzt, dabei aber auch Originalteile einfach nicht mehr eingebaut wurden. Ich denke an das viel zitierte „Matching Number“-Kriterium. Heute können wir mit Erstaunen feststellen: Von 39 originalen Mercedes SSK haben nicht weniger als 100 überlebt. Daher: je höher der Anschaffungspreis, desto wichtiger ist eine unabhängige Expertise.

Klassische Mercedes-Benz finden sich im Classic Driver Marktplatz.

Interview: Mathias Paulokat