Fünf Fragen an: Torsten Müller-Ötvos, CEO von Rolls-Royce

Fünf Fragen an: Torsten Müller-Ötvos, CEO von Rolls-Royce

Was macht automobilen Luxus heutzutage eigentlich aus? Classic Driver sprach mit Torsten Müller-Ötvos, CEO von Rolls-Royce, über Markenwerte, besondere Fahrerlebnisse und den aktuellen Phantom Series II.

Herr Müller-Ötvos, der Begriff des „Luxus“ scheint seit einiger Zeit zu einer global eingesetzten Marketingphrase zu verkommen. Es ist erstaunlich, was heutzutage alles unter der Luxusflagge segelt und fährt. Wie gehen Sie mit dieser Luxus-Inflation um, wie geht eigentlich die Rolls-Royce Definition von Luxus?

Sie liegt im wirklich Raren, im Besonderen begründet. Luxus definiert sich aus tatsächlicher Seltenheit. Einen Rolls-Royce sehen Sie eben nicht an jeder Straßenecke. Unser Luxusverständnis ist sehr stark im emotionalen Bereich verankert. Ein Rolls-Royce hascht nicht nach Effekten, sondern berührt in seiner Erscheinung alle Sinne, vielleicht sogar die Seele. Wir achten darauf, dass wir immer exklusiv bleiben - im wortwörtlichen Sinne. Das macht die Begehrlichkeit der Marke aus. Unsere Kunden spiegeln uns dies: es sind häufig bedeutende individuelle Ereignisse, die den Kauf eines Rolls-Royce begründen: ein besonderer Erfolg der eigenen Firma, ein besonderes privates Jubiläum, eine verdiente Belohnung am Ende oder Anfang eines Lebensabschnitts. Ich sage ganz klar: Massenluxus, wie Sie ihn skizziert haben, ist mit unserer Philosophie nicht vereinbar. Wir produzieren überschaubare Stückzahlen und keine fünfstelligen Einheiten. Das wird auch zukünftig so bleiben.

Neben der Verknappung des Angebots kommt es aber auch auf die Kernwerte einer Marke an. Wie beschreiben Sie diese für Rolls-Royce?

Die Marke Rolls-Royce steht für herausragende Qualität. Sie steht für bestes Engineering, für feinste Verarbeitung. Für Handwerkskunst in jedem einzelnen Detail. Jedes Fahrzeug wird schließlich in über 450 Stunden von Hand gefertigt. Alle Materialien sind von Menschenhand ausgesucht, verlesen und geprüft: das beste Leder, das beste Holz, Perlmutt - all das schafft ein Gesamtkunstwerk, welches am Ende Handschrift und auch ein Stück Seele der Mitarbeiter in sich trägt. Diese menschlichen Züge sind spürbar. Gleichzeitig sind Rolls-Royce Fahrzeuge überragende Automobile. Die sprichwörtliche "Waftability", also das vollkommen unangestrengte Beschleunigen und Dahingleiten, finden Sie in ihrer kraftvollen Kultiviertheit und Komfortbetonung nur bei uns. Und Rolls-Royce steht für Einfachheit und Mühelosigkeit. Keine Gimmicks, nichts, was ablenkt, dafür eine beinahe schon intuitive Bedienung. Diese Klarheit macht den Markenkern von Rolls-Royce aus...

... den man dann erlebt, wenn man einen Rolls-Royce fährt. Haben Sie eigentlich einen favorisierten Weekend-Drive, Herr Müller-Ötvos? Welche Momente am Steuer eines Rolls-Royce geniessen Sie besonders?

Einige. Es gibt beispielsweise eine wunderschöne Strecke in Richtung Cornwall entlang der englischen Küste. Wenn man hier bei sonnigem Wetter mit einem Drophead-Coupé am Meer entlang gleitet, vergisst man Zeit und Raum. Fahre ich nach London zu einem Abendtermin beispielsweise ins Dorchester, dann fahre ich auch gern mit einer Phantom Limousine vor. Es ist ein besonderer Augenblick, abends am Hotel anzukommen und zu sehen, mit welcher Aufmerksamkeit das Fahrzeug von allen Beteiligten bedacht wird. Ebenfalls wunderbar ist ein Cruise auf dem Highway Number One runter nach Pebble Beach. Die Tour konnte ich letztes Jahr fahren und ich darf sagen, dass es eines der schönsten automobilen Erlebnisse ist, die man sich gönnen kann.

Fünf Fragen an: Torsten Müller-Ötvos, CEO von Rolls-Royce

Diese beschriebenen Erlebnisse des bewussten Reisens, Fahrens und Ankommens lassen sich ja auch hervorragend in einem klassischen Rolls-Royce zelebrieren. Welches sind hier Ihre Favoriten, Herr Müller-Ötvos?

Ich mag besonders die Phantoms der Serie I - diese Fahrzeuge gefallen mir sehr gut, weil sie eine einmalige Klasse und Autorität ausstrahlen. Auch der Phantom V ist sehr gelungen. Daneben gibt es auch ausgesprochen schönes Silver Wraithes. Aus der Vorkriegsepoche möchte ich beispielsweise den Silver Ghost erwähnen. Ich hatte vergangenes Jahr anlässlich des Jubiläums der Spirit of Ecstasy die Gelegenheit, mit einem Rolls-Royce Silver Wraith durch London zu fahren. Und ich muss Ihnen sagen: ich war schlichtweg beeindruckt. Bedenken Sie: das Auto war 103 alt. Und wir sind beinahe so gefahren, wie in einem modernen Fahrzeug. Ich habe einen unglaublichen Komfort erlebt, eine Laufruhe, die einfach fantastisch war. Für mich war es nebenbei auch wichtig zu erfahren, wie hoch der Qualitätsanspruch bei Rolls-Royce schon immer gewesen ist. Das erklärt wohl auch, warum nach neuen Berechnungen des Rolls-Royce Enthusiast Club noch über 80 Prozent aller jemals gebauten Fahrzeuge noch existieren.

Lassen Sie mich abschließend noch einmal auf den aktuellen Phantom zu sprechen kommen. In Genf haben Sie die Series II vorgestellt. Was hat das Fahrzeug, dass es sich Series II nennen darf?

Series II wird gerechtfertigt durch einen signifikanten technischen Update. Wir haben das gesamte Elektronik-System durchgehend geändert. Angefangen von einem vollkommen neuen MMI, also Man-Machine-Interface, einer neuen Navigation, neuen Kamerasystemen rund ums Auto bis hin zu LED-Scheinwerfern mit Kurvenlicht. Daneben gibt es ein vollkommen neues Automatikgetriebe und eine Überarbeitung des Motors. Wir haben hier Verbrauch und Emissionen um rund zehn Prozent senken können. Und das in Summe - auch mit den optischen Veränderungen im Gesicht des Autos und am Heck des Fahrzeugs - hat uns ganz klar dazu bewogen, dieses Fahrzeug Series II zu nennen.

Interview: Mathias Paulokat
Fotos: Barry Hayden / Rolls-Royce