Fünf Fragen an: Gernot Bracht

Für die Autoindustrie war 2010 ein turbulentes, aber auch hoffnungsvolles Jahr. Wir haben mit Gernot Bracht, Designexperte und Dozent für Tranportation Design in Pforzheim, über seine Erwartungen für 2011 gesprochen.

Herr Bracht, welches automobile Ereignis hat Sie 2010 am meisten überrascht?

Die Rolle des Autos als Wirtschaftsmotor aus der Krise war eine Entwicklung, die ich so nicht vorausgesehen hätte. Aus Sicht des Designers war der traurige Nachfolger des Renault Vel Satis sicherlich die negativste Überraschung des Jahres: Bevor ich eine über 15 Jahre aufgebaute Designsprache derart wegwische, mache ich lieber gar keinen Nachfolger. Und als Motorsport-Beobachter hat mich, ehrlich gesagt, der Formel-1-Titel für Sebastian Vettel positiv überrascht.

Wie wird sich die Automobilbranche im nächsten Jahr entwickeln?

Der Wandel etabliert sich, technisch und auch stilistisch. Ob wirklich positiv, ist noch nicht ausgemacht. Jedenfalls ist die Lust am Experimentieren und Erfinden neuer Derivate ungebrochen - ich gehe davon aus, dass wir das zum Beispiel an der kommenden Mercedes A-Klasse sehen werden, die ja ein ganz anderes Auto wird. Vielleicht wird die kommende Modellgeneration die Branche - wie schon die erste A-Klasse - noch einmal stark beeinflussen.

Wird sich die Elektromobilität in nennenswertem Umfang durchsetzen - und wie lange wird das dauern?

Ich bin mir angesichts der gravierenden Probleme nicht sicher, ob reine Elektroautos die automobile Zukunft repräsentieren. Vor diesem Hintergrund versuchen wir unseren Studenten zu vermitteln, dass sie noch eine ganze Weile mit klassischen Antriebskonzepten und Packages umgehen müssen - auch wenn der Elektroantrieb größere gestalterische Freiheit einräumt. Vielleicht müssen zukünftige Fahrzeugarchitekturen simultan mit unterschiedlichen Konzepten funktionieren.

Wird sich Fahrspaß auch in Zukunft vor allem über die Motorleistung definieren?

Wenn Fahrspaß nicht bedeuten soll, in einer Multimedialounge umherzufahren, ganz sicher ja. Anstatt die Leistung weiter zu steigern, sollte man sich aber mit Nachdruck auf die Gewichtsreduzierung verlegen. Bei sportlichen Autos geht es in Zukunft viel stärker als bisher um das Leistungsgewicht.

Wird Volkswagen sein Ziel, die globale Nummer 1 zu werden, nachhaltig erreichen - oder wird Toyota vorn bleiben?

Eine spannende Frage. VW ist ganz klar ein deutscher Konzern geblieben und setzt dabei auf die reine Design- und Techniklehre. Toyota hat sich demgegenüber ein bisschen zu sehr dem amerikanischen Geschmack und auch den dort offenbar ausreichenden Qualitätsstandards angepasst. Wie das ausgeht, ist völlig offen.

Interview: Jens Meiners




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