Fünf Fragen an: Dirk van Braeckel, Bentley-Designchef

Fünf Fragen an: Dirk van Braeckel, Bentley-Designchef

Das Bentley Concept-Car EXP 9F ist die wohl am kontroversesten diskutierte Neuvorstellung des Genfer Automobilsalons 2012. Das Fahrzeug polarisiert aufgrund seiner „Über-Präsenz“. Wir sprachen mit Dirk van Braeckel, Designchef bei Bentley, über den neuesten Spross aus Crewe und dessen Designphilosophie.

Herr van Braeckel, Hand aufs Herz: Wie zufrieden sind Sie mit dem Konzeptfahrzeug und wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Nun, wir konnten mit den Arbeiten zum EXP 9F erst im Juli 2011 beginnen. Wir durchliefen den üblichen Prozess im Zeitraffer. Also erste Entwürfe, Skizzen, Zeichnungen, dann Modelle, danach ein Ton-Modell in Originalgröße. Erst Ende Dezember 2011 hatten wir eine finale Entscheidung, wie das Exterieur aussehen sollte. Erst danach konnten wir mit dem Bau eines echten Fahrzeugs beginnen. Das Showcar entstand also in kürzester Zeit. Es ist ein im besten Sinne von Hand gefertigtes Einzelstück. Ich denke aber auch, dass das Fahrzeug in vielerlei Hinsicht bereits sehr realistisch ist. Eine Serienproduktion ist jedoch noch nicht entschieden. Bei der Beurteilung halte ich mich zurück, die überlasse ich gerne Ihnen.

Gut, aber verraten Sie uns zuvor noch ein paar Hintergründe. In jedem fällt die Liebe zum Detail auf. In diesem Punkt ist der „Falcon“ schon sehr Bentley-like, oder?

Das stimmt. Wir haben sehr viel Wert auf Details gelegt und sind an Grenzen gegangen. Wenn Sie die Türen öffnen und in die Falzen, quasi hinter das Blech, schauen, wissen Sie, was ich meine. Das sieht bereits alles sehr seriennah aus. Das Interieur sollte natürlich auch typisch Bentley sein - mit großem Augenmerk für kleine Details, Materialien, Verarbeitung und Lösungen. Zuletzt haben wir tatsächlich im Dreischichtbetrieb am EXP 9F gearbeitet - jeden Tag 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche.

Fünf Fragen an: Dirk van Braeckel, Bentley-Designchef
Fünf Fragen an: Dirk van Braeckel, Bentley-Designchef Fünf Fragen an: Dirk van Braeckel, Bentley-Designchef

Haben Sie denn jemals zuvor ein SUV entworfen, Herr van Braeckel?

Nein, ein komplettes SUV habe ich noch nicht entworfen. Wohl aber war ich zuvor schon an der Entwicklung von Offroadern beteiligt. Dennoch lag in einem komplett neuen Fahrzeug und einer für Bentley neuen Fahrzeugkategorie die größte Herausforderung. Die Herausforderung bestand darin, typische Merkmale und Werte der Marke Bentley auf eine neues Fahrzeug zu übertragen. Das Auto muss sofort als Bentley erkennbar sein. Es muss als SUV auch im Ausdruck sportlich und überlegen wirken, gleichzeitig soll es aber auch nicht "overstated" sein. Das Interieur sollte ebenfalls typische Bentley Qualitäten aufweisen, sich aber auch klar als SUV-Interieuer profilieren und abgrenzen. Es geht hier um Materialien, um Platz, um Komfort auf den Plätzen in der zweiten Reihe. All dies waren Dinge im Pflichtenheft, die nicht zur Diskussion standen. Das war in der Umsetzung schon eine enorme Herausforderung.

Ich versuche es noch einmal: Welches ist denn die Schokoladenseite des EXP 9F?

Wenn Sie mich so fragen, dann sage ich, dass das Interieur sehr fließend und beinahe selbständig entstand. Ich denke, das ist auch nachvollziehbar, wenn Sie das Auto betrachten und Kontakt aufnehmen. Das Exterieur stellte uns indes vor spannende Fragen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Sie wollen in einem SUV relativ hoch sitzen - es geht um die sogenannte „Command Driving Position“. Doch: Wie hoch ist diese? Wird sie zu hoch gewählt, geht der sportliche Charakter verloren. Es geht hier also auch um die richtige Balance von einzelnen Attributen. Wir wollten hier keine Extreme erreichen, sondern das Optimum.

Welche klassischen Bentley-Merkmale haben Sie denn im Exterieur unter gebracht?

Einige. Sie sehen den für Bentley typischen Matrix-Kühlergrill. Das Auto zeigt zudem vier runde Frontscheinwerfer, die nun endgültig zum Bentley Markengesicht zählen. Beim EXP 9F sind die Frontscheinwerfer vertikal angeordnet. Die unteren Leuchten beinhalten dabei das Tagfahrlicht. Das erinnert in der Gestaltung doch sehr an den klassischen R-Type Continental. Hier waren die unteren kreisrunden Öffnungen allerdings Lufteinlässe. Diese runden Elemente sind in der Geschichte von Bentley ein wichtiges Gestaltungsmerkmal. Durch die neue Anordnung verändern wir den Charakter. Der EXP F9 sieht nicht etwa wie ein Continental oder Mulsanne aus, sondern wirkt eben sehr eigenständig. In der Seitenansicht sehen Sie eine coupéhafte Anmutung. Bei den Linien fällt die sogenannte Powerline auf, die beim Continental aus den vorderen Radhäusern erwächst. Beim EXP 9F entsteht die Linie bereits in der Front bei den Hauptscheinwerfern. Sie läuft dann über die Tür an der Seite entlang. Am hinteren Radhaus haben wir den für unsere Grand Tourer wichtigen Kotflügelschwung angedeutet. Insgesamt also reichlich Merkmale. Dennoch handelt es sich hier um ein Konzeptfahrzeug. Sollte es ein Serienmodell geben, wird dieses in jedem Fall das Feedback aufgreifen, welches wir ab heute auf das Fahrzeug erhalten. Genf ist für uns der Anfang einer spannenden Reise in neues Terrain.

Interview: Mathias Paulokat
Fotos: Bentley / Dirk Michael Deckbar