Ennstal Classic im Mini Cooper S: Ein steirisches Roadmovie

Knapp 900 Kilometer auf steierischen Vizinalstraßen, gespickt mit zahlreichen Wertungsprüfungen, dazu Nebel, Regen, Sonne, und viel Applaus – das war die 19. Ennstal Classic. Lesen Sie hier unseren Rallyereport aus dem Cockpit eines Austin Mini Cooper S, Baujahr 1963.

Als der Pressesprecher von Mini mich im Januar fragte, ob ich mit ihm das Roadmovie „Ennstal Classic 2011“ abdrehen wolle, war meine Zusage sofort erteilt! Der Star am Set sollte allerdings ein Mini Cooper S Competition aus dem Jahr 1963 sein. Der Wagen aus dem Fundus von BMW Classic leistet 90 PS aus knapp 1,1 Litern Hubraum. Das klingt nicht viel, aber mit einem Gewicht von 635 kg braucht man keinen Taschenrechner, um sich ausrechnen zu können, wie gut er geht. Hm, aber können die 10-Zoll-Räder, die mehr an ein Skateboard als ein Auto erinnern, dieses Leistungsgewicht adäquat auf die Straße bringen? Und dann diese Sitze im Stoffmuster von Tante Mary aus Worcestershire...

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Ennstal Classic im Mini Cooper S: Ein steirisches Roadmovie

Ein weiteres Schmankerl ist die Beleuchtung: Die fünf Scheinwerfer am Bug und der eine am Heck erinnern an taktische Kriegswaffen eines klingonischen Sternenkreuzers aus der Serie Raumschiff Enterprise. Doch diese „Photonentorpedos“ eignen sich hervorragend zur Verunsicherung der anderen Teilnehmer. Fahre mit voll angezündeten Lampen dicht auf den Vordermann, drei Minuten später kommt der Blinker rechts ganz von alleine, der Dir mitteilt: „Kommt, fahrt halt vorbei, ihr Actionhelden.“ Nicht ganz fair, aber sehr wirkungsvoll! Am Armaturenbrett und drum herum sind mehr Kippschalter verbaut als in den Einsatzfahrzeugen von James Bond aus „Goldfinger“ und „Der Spion, der mich liebte“ zusammen. Jeder Scheinwerfer ist einzeln zu bedienen, Spritzdüsen, Heck- und Frontscheibenheizung, alles hat einen Schalter. Ein sehr sinnvolles Detail ist jedoch die Betätigung des Scheibenwischers aus einem Kasten heraus, die vom Beifahrer übernommen wird.

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Der erste Fahreindruck des Rechtslenkers: Das Lenkrad hat die Stellung eines Londoner Doppeldeckerbusses, und unter 3.000/min. geht wegen der scharfen Nockenwelle so gut wie nichts. Hoffentlich müssen wir nicht an einem Steilstück anfahren… Hat der kleine Engländer aber erst einmal Fahrt aufgenommen fühlt man sich sofort sauschnell. Jeder gefühlte km/h kann mit dem Faktor 1,458 multipliziert werden, und beim Anbremsen vor einer Kurve merkt man sofort, wie leicht der Wagen ist. Selbst wenn man auf Bergaufpassagen überholt wird, vor der Kurve holt man sie alle wieder ein.

Ab 3.000/min. steigt dann vor allem auch das akustische Vergnügen. Vom kleinen Orchestergraben auf Höhe der Vorderachse erklingt die richtige Musik zum Film. Das Konzert bestehend aus allen mechanischen Klängen, die der Maschinenbau je hervorgebracht hat. Besonders präsent sind hierbei die beiden Solisten Getriebe und Motor, begleitet von einem Ensemble aus Fahrwerks- und Abrollgeräuschen.

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Der finnische Rallyeprofessor Rauno Aaltonen nimmt seit Jahren an der Ennstal Classic teil. Seit seinem Sieg bei der Rallye Monte Carlo 1967 wurde er zum Idol der weltweiten Mini-Community – und gab uns bei der Ennstal wertvolle Tipps. „Fahre den Wagen immer mit Schwung, dann ist er unschlagbar.“ Und viel besser noch: „Wenn Du gewinnst, ist es immer der Fahrer, wenn du verlierst, der Beifahrer.“

Der Prolog der Rallye beginnt am Donnerstag mit 381 Kilometern Länge. Die erste Etappe führt über den nebelverhangenen Sölkpass zum neu umgebauten Red Bull Ring. Hier werden einige Runden auf Gleichmäßigkeit gefahren. Besonders empfiehlt es sich, wenn man die Minuten auf der Stoppuhr gesondert mitzählt. Durch die Mischung aus Fliegkräften und Vibration kann man sich gerne mal um eine Minute vertun. „Noch 1 min 45 sec, noch 1 min 30 sec, noch… oh Mist, Mist, wir haben nur noch 20 Sekunden! Gib Gas!“

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Dann, kurz vor der Rückkehr ins Tagesziel in Gröbming, präsentiert uns das Drehbuch den zweiten Stunt des Tages. Durch das Anhalten eines hubraumstarken Teilnehmers am Steilstück des Sölkpasses müssen wir ebenfalls anhalten. Anfahren bei gefühlten 17 Prozent Steigung ist mit dem Renn-Mini unmöglich. So muss einer schieben, während der Andere versucht, den Wagen am Laufen zu halten. Nach 500 Metern bergauf bei sieben Grad Celsius, Nebel und Nieselregen kommt der Kreislauf in denselben Zustand wie die Kupplung des Minis. Beide sind kurz vor dem Kollaps. Da erscheinen plötzlich wie in einem Horrorfilm zwei Scheinwerfer im Nebel. Eine einheimische Familie fragt: „Könn’ wir euch hölfa?“ Dank Anhängerkupplung kein Problem, aber ohne Seil keine Chance. Was jetzt? Nach kurzer Suche in der Requisitenkammer des Mini wird der Sicherheitsgurt ausgehakt und kurzerhand zum Abschleppseil umfunktioniert. Wir lieben Actionfilme!

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Am Freitag beginnt der Ennstal-Marathon. Start ist um 7.00 Uhr morgens. 512 Kilometer Strecke und kaum Pausen; ein Roadmovie im Director's Cut! Wir durchfahren die Bundesländer Salzburg, Kärnten und die Steiermark sowie 19 Sonderprüfungen. Am Abend nehmen die Zuschauer am Straßenrand dann deutlich zu – ein Autokino, ganz ohne Eintritt. Wir werden frenetisch gefeiert, und der Mini genießt unglaubliche Sympathiewerte. Ob alt oder jung, die Menschen reagieren mit Szenenapplaus.

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Auf der letzten Etappe ca. 80 km vor dem Ziel in Schladming beginnt die 19. Sonderprüfung. 50 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auf 8 km bergauf. Plötzlich schnauze ich meinen Fahrer an: „Fahr schneller!“ Er: „Danke für den schlauen Hinweis. Ich gebe schon Vollgas. Der Wagen hat keine Leistung mehr!“ Da passiert es aus dem Hinterhalt: Qualm und dann diese fiese Vibration. Unsere Rothaut ereilt der plötzliche Herztod. Der Chef der eilig herbeigerufenen BMW-Service-Crew stellt einen kapitalen Lagerschaden fest und kann nur noch die Worte des Militärarztes aus Winnetou III zitieren: „Ich kann die Kugel nicht entfernen, sie liegt zu nah am Herz.“

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Somit werden wir an die Abschleppstange genommen und mit 80 Zentimetern Abstand vom Servicefahrzeug nach Hause geschleppt. Bad News: Wir sind hiermit aus der Rallye-Wertung. Good News: Wir haben sicherlich die beste CO2-Bilanz aller Teilnehmer. Vielleicht nicht gerade oscarverdächtig, aber mal ehrlich: Wer will schon einen neuen Staubfänger mit nach Hause bringen?

Einen ausführlichen Rückblick zur Ennstal Classic 2011 lesen Sie hier.

Text: Marcus Görig
Fotos: Nanette Schärf