Ein Tag bei der Vielseitigkeits WM

Ein Tag bei der Vielseitigkeits WM

Sie gilt als die Krone der Reiterei: die Vielseitigkeit, ehemals bekannt als Military. Und die deutsche Equipe zeigte bei der HSBC FEI Europameisterschaft im niedersächsischen Luhmühlen vor insgesamt rund 48.000 Besuchern einmal mehr, wie fest sie im Sattel sitzt. Am Ende des abschließenden Springens stand das deutsche Team ganz oben auf dem Podest - vor Frankreich und Großbritannien. Und sammelte fleißig Edelmetall.

Dressur, Gelände, Springen - Hochspannung bis zur letzten Minute. Und dann: ein Medaillenregen für die deutsche Mannschaft. In der Einzelwertung gewann Michael Jung Gold, Sandra Auffarth Silber und Einzelreiter Frank Ostholt Bronze. Das volle Spektrum Pferdesport bot Ende August die Europameisterschaft der Vielseitigkeitsreiter in Luhmühlen, rund 50 Kilometer südlich von Hamburg. Das Publikum: kaum weniger versiert als die Teams der verschiedenen Nationen. Die Atmosphäre: packend, ansteckend und dabei doch entspannt. Pferdesport der Extraklasse und Classic Life pur.

Pferdefreunde aus aller Welt lieben Luhmühlen, jenes Reiterdorf in der Lüneburger Heide, welches seit Jahrzehnten als deutsche Hochburg der Vielseitigkeitsreiter gilt und in einem Atemzug mit Badminton, Burghley oder Kentucky genannt wird. Zu Recht, denn hier kommen mehrmals jährlich die Top-Reiter aller Nationen zusammen. Zum fünften Mal ist der Ort mit seinem abwechslungsreichen Gelände jetzt Schauplatz einer Vielseitigkeits-EM gewesen. Captain Mark Philips, Parcourschef in Luhmülen, gestaltete einmal mehr die anspruchsvolle Geländestrecke. Die Schirmherrschaft der EM hatte Bundesministerin Ursula von der Leyen übernommen. Die Briten hatten aufgrund ihrer bisherigen und jüngsten Erfolge in Kentucky die Favoritenrolle inne, dicht gefolgt von dem deutschen Team, die bei den olympischen Spielen zuletzt Einzel- und auch Mannschaftsgold geholt hatten.

Gleich bei der Dressur legte das deutsche Team mächtig vor. Doch dann folgte der Geländesamstag. Und der schien zunächst alles durcheinander zu wirbeln. Doch obwohl Mannschaftsreiter und Pathfinder Andreas Dibowski nach einem Sturz an Hindernis 22 ausschied, lag das deutsche Team am Abend mit 100,3 Minuspunkten vor Groß Britannien (-142,6) und Frankreich (-151,1). Ingrid Klimke hielt mit einer blitzsauberen Runde ihr Dressurergebnis von -30,00 Punkten und führt damit auch die Einzelwertung an. Klimke war nach dem Gelände dementsprechend begeistert: „Es war traumhaft. Mein Pferd lief fantastisch und es hat super viel Spaß gemacht, hier zu reiten. Die Zuschauer haben Braxxi und mich die ganze Strecke über angefeuert und motiviert.“

Auch Course Designer Captain Mark Phillips war zufrieden mit dem Geländesamstag: „Ein paar Dinge haben mich heute überrascht. Ich hätte gedacht,dass der HSBC Water Complex schwieriger wäre – aber wir haben gerade von Sara Ostholt-Algotsson gehört, dass sich dieser Komplex springen ließ, wie eine Gymnastikreihe. Auch das Coffin hat weniger Probleme verursacht, als ich erwartet habe. Andererseits war Sprung 22 eigentlich ein unkomplizierter Füllsprung und dort gab es drei Stürze, die aber zum Glück alle glimpflich ausgegangen sind.“ Mehr noch, wer in Luhmühlen stürzte, tat das mit Stil. „Eliminated“, vermerkte britisch trocken die Ergebnisliste. In feinem Englisch kommentierten die Moderatoren die EM. Wer die Augen schloss, wähnte sich umgehend in „good old Britain“: Horse Inspection, Dressage, Cross Country, Show-Jumping bestimmten die fünf Tage in Luhmühlen.

Die deutschen Reiter boten dem Publikum schließlich eine spannende letzte Teilprüfung. Durch die traditionell umgekehrte Reihenfolge stieg die Spannung auf dem Luhmühlener Turnierplatz mit jedem Ritt. Als die letzten Teilnehmer an den Start des abschließenden Springens gingen, herrschte absolute Stille im Publikum. Fehler wurden mit einem Raunen quittiert, Nullrunden mit frenetischem Applaus gefeiert. Doppel-Weltmeister Michael Jung gelang mit seinem Pferd Sam FBW eine erneute Meisterleistung. Mit einer sicheren Nullrunde im abschließenden Springen beendete er die Prüfung mit seinem exzellenten Dressurergebnis von 33,30 Minuspunkten. So konnte er seiner bisherigen Bilderbuchkarriere zwei weitere Goldmedaillen hinzufügen und ist neben Zara Phillips und Lucinda Green erst der dritte Reiter, der gleichzeitig amtierender Welt- und Europameister ist.

Jung: „Es ist ein absolutes Traumgefühl, gerade hier in Luhmühlen die Goldmedaille zu gewinnen. Sam hat immer mitgekämpft und war in allen Teilprüfungen einfach überragend. Außerdem ist es aus deutscher Sicht ein ganz außergewöhnlicher Erfolg, die Mannschaftsgoldmedaille und alle drei Einzelmedaillen zu gewinnen.“ Auch Sandra Auffarth bewies wieder einmal Nervenstärke und beendete die EM mit 37,00 Fehlerpunkten. Ihr Pferd Opgun Luovo strotzte vor Kraft und berührte keine Stange. Die 24-jährige Pferdewirtin war überwältigt und konnte ihre Leistung kaum fassen. Auch Frank Ostholts Little Paint ließ alle Stangen in den Auflagen und so beendete der Einzelreiter aus Warendorf die EM mit dem Geländeergebnis von -40,00 Punkten.

Lediglich Ingrid Klimke hatte das Glück beim abschließenden Springen nicht auf ihrer Seite. Nach den herausragenden Ergebnissen in Dressur und Gelände machte Butts Abraxxas es mit mehreren Fehlern im Parcours für das deutsche Team noch einmal spannend im Kampf um die Goldmedaille. In der Einzelwertung fiel das Paar vom Goldrang auf den elften Platz zurück. Dennoch freute Ingrid Klimke sich über das Ergebnis des Teams: „Mein ganz großer Dank gilt Hans Melzer und Chris Bartle. Zusammen haben wir Gold bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften gewonnen. Ihr macht die Deutschen so stark und wir hoffen wirklich sehr, dass ihr uns noch lange weiter trainiert.“

Die Silbermedaillen gingen an die französische Mannschaft, bestehend aus Donatien Schauly mit Ocarina du Chanois, Nicolas Touzaint mit Neptune de Sartene, Stanislas de Zuchowicz mit Quirinal de la Bastide und Pascal Leroy mit Minos de Petra. Alle französischen Teamreiter blieben im abschließenden Springen fehlerfrei, überholten letztlich sogar die britische Mannschaft und freuten sich sichtlich über ihre Qualifikation für die Olympischen Spiele in London. Die EM in Luhmühlen unterbrach die langjährige Siegesserie der Briten bei Europa- meisterschaften. Dennoch freuten sich Yogi Breisners Reiter über den Bronzerang. Mary King kündigte an, dass sich das Blatt 2012 in London wieder wenden und die britische Mannschaft dann wieder ganz oben auf dem Podest stehen werde.

Weitere Informationen erhalten Sie unter www.luhmuehlen.de.

Text: Mathias Paulokat
Foto: DK