E10-Kommentar: Der große Zapfenstreik

Und wieder einmal nichts dazu gelernt: Nach dem Benzingipfel in Berlin haben sich Politik, Mineralölwirtschaft und Verbände auf einen erneuten Anlauf bei der Einführung des Biokraftstoffes E10 verständigt. Den zahlreichen grundsätzlichen Bedenken zum Trotz sollen jetzt lediglich Marketing und Kommunikation verbessert werden. Mathias Paulokat kommentiert das deutsche E10-Desaster.

Man könnte es das deutsche Paradoxon nennen: Das Automobil hat unsere Republik über Jahrzehnte zu einer führenden Industrienation gemacht. Die diesjährigen Feierlichkeiten zu „125 Jahre Automobil“ sollten da nur eine Zwischenetappe sein. Sollten – denn weite Teile der deutschen Politik scheinen tatsächlich nichts anderes im Sinn zu haben, als möglichst rabiat und systematisch eben diesen Motor abzuwürgen. Anders kann man die bei Lichte betrachtet zweifelhaften „ökologischen Großtaten“ wie Umweltzonen, Abwrackprämie, Hybrid-Hype und jetzt die flächendeckende Einführung des Biokraftstoffes E10 kaum verstehen. Wir Deutschen lieben offenbar das schmerzvolle Selbstkasteien. Moment, wir Deutschen? Uns drängt sich vielmehr der Verdacht auf, unter ideologisch getriebenem Regierungshandeln einiger Weniger zu leiden. Wie sonst wäre der Volksaufstand an den Zapfsäulen zu deuten? Tatsächlich ist es doch so: E10 geht am Markt völlig vorbei. Nur Berlin hält daran fest.

So jedenfalls lautet das Ergebnis des insbesondere für Oldtimerfahrer brandgefährlichen Berliner Benzinkrisengipfels, welchen Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) in seinem Ministerium diese Woche veranstaltete. Alleine drei weitere Bundesminister waren zugegen – und sie dürften kaum zu Fuß angereist sein. Kommunikationspannen habe es fraglos gegeben, räumte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) nach dem dreistündigen Treffen ein. Nun, für diese erhellende Einsicht hätte Röttgen Wochen zuvor bloß eine x-beliebige Tageszeitung aufschlagen müssen. Oder selbst eine Tankstelle in Deutschland anfahren müssen, um sich persönlich vor Ort zu informieren. Jedoch: Als Bundesminister fährt man im Auto meist hinten rechts, eine Ersatzlimousine folgt mit halber Wagenlänge und die Fahrzeugpflege inklusive Waschen und Tanken übernehmen pflichtbewußte vom Steuerbürger bezahlte Bundesbedienstete. Da sind solche Alltagsbanalitäten wie Tanken schnell überhaupt kein Thema.

Stopp, bitte keine neue Neiddebatte, sondern in gebotener Kürze zu einem wesentlichen bislang kaum beachteten Sachverhaltsmoment. Worum geht es hier eigentlich? Automobiles Kulturgut scheint bei dem schrillen E10-Zapfenstreich völlig auf der Strecke zu bleiben. Fahrer von Fahrzeugen älter als fünfzehn Jahre haben – wenn es ernst wird - hierzulande praktisch keine Lobby. Zahllose Vereine, viele Enthusiasten oder auch der Parlamentskreis Automobiles Kulturgut mühen sich zwar ehrenhaft um Erhalt der historischen Wurzeln. Doch in einer scheinheiligen Ökologiedebatte tapfer dagegen zu halten, ohne das Stigma des Gestrigen und Klientellobbyisten angeheftet zu bekommen, ist eindeutig die Kür der Krisenkommunikaton. Hinzu kommt: Der Grat vom sympathischen Oldtimer zum Statussymbol ist in der öffentlichen Wahrnehmung gefährlich schmal. Dreht die Stimmung, wird es kritisch. Im Ernstfall fehlt die Lobby. Und genau dies ist bei E10 bereits geschehen. Denn an die Verträglichkeit bei älteren Fahrzeugen denkt in diesen Tagen kaum jemand. Freunde klassischer Fahrzeuge sind also gut beraten, sich zu solidarisieren und zu organisieren. Und das möglichst schnell. Dies ist eine der wahren Lehren aus dem E10-Debakel.

Jüngstes selbst erlebtes Beispiel: 600 Kilometer Autobahnfahrt quer durch Deutschland von Berlin nach Düsseldorf mit einem klassischen Jaguar. Notwendiger Tankstopp kurz vor Hannover. Überraschung: Die Tankstelle hatte außer zahlreichen SuperOptimalPowerMaxi-Treibstoffen tatsächlich nur als E10 deklarierten Kraftstoff im Ausschank. Dumm, denn die nächste Tankstation lag außer Reichweite. Ein Reservekanister war nicht an Bord. Ich erinnerte mich spontan an einen äußerst rustikalen Tankstopp in der Sahara – die Wahl des Kraftstoffs fiel mir dort leichter. Bei Hannover hingegen blieb nur der Edelfusel zu 1,63 Euro der Liter, die Tankfüllung für 110 Euro. Das schmerzt. Insbesondere, wenn man zuvor eben nicht Bleifuß, sondern material- und umweltschonend sinnig gefahren ist. Der große E10-Zapfenstreich: ist das gelebter Umweltschutz, ideologische Verblendung oder am Ende wieder einmal nur reine Abzocke der Autofahrer? Ich bleibe dabei: E10? Nein, Tanke!

Wie ist Ihre Meinung zum „deutschen Paradoxon“? Welche Erfahrungen haben Sie mit ihrem klassischen Fahrzeug und E10 beim Tankstopp gesammelt? Posten Sie Ihre Meinung.

Text: Mathias Paulokat
Fotos: Classic Driver