
Geburt einer Legende oder nur einer unter vielen? Automobildesigner Chris Hrabalek hat sich für Classic Driver mit dem neuen McLaren MP4-12C auseinandergesetzt – und wundert sich.
Perfektes Timing! Mit der Entscheidung, erste Bilder des lang erwarteten McLaren F1Nachfolgers zeitgleich mit der IAA-Premierenfeier des neuen Ferrari 458 zu zeigen, zeugt von einer gewissen Kaltschnäuzigkeit der Menschen hinter McLaren. Der Mittelmotor-Sportwagen MP4-12C soll alles Dagewesene in den Schatten stellen. Übergeht man das Intermezzo mit DaimlerChrysler und dessen zweifelhaftem Resultat – dem Mercedes-Benz SLR McLaren – so beschreitet die Auto-Schmiede aus dem britischen Woking wieder eigene Wege. Allerdings liegt die Messlatte hoch, gilt doch der F1 auch unter den Anhängern anderer Marken als der „Heilige Gral“ der Supersportwagen mit Straßenzulassung.

Verständlicherweise wird sich der McLaren MP4-12C an seinem Vorgänger messen lassen müssen. Bei der Beurteilung des Neuen muss allerdings berücksichtigt werden, dass man bei der Entwicklung des Wagens eine andere Zielgruppe als noch beim F1 im Auge hat. Dies zeigt nicht zuletzt auch die Preisgestaltung, soll dieser bei rund einem Viertel des Kaufpreises seines Vorgängers liegen. Trotzdem wird der Supersportwagen als die Fortsetzung eines Kultautomobils beurteilt werden und muss somit unerfüllbaren Ansprüchen genügen.
Obwohl man ein finales Designurteil über ein neues Automobil erst fällen sollte, sobald man es unter realen Bedingungen gesehen hat, kann man in diesem speziellen Falle seine Urteilsfindung etwas beschleunigen. Es wäre ein wahres Wunder, wenn sich der MP4-12C als mehr als eine verpasste Chance herausstellen wird. Unglücklicherweise muss ich feststellen, dass das Design dieses Sportwagens nur zweitklassig ist. Viele von Ihnen werden mir zustimmen, dass sich das McLaren-Emblem des MP4-12C durch eines von Lotus, Noble oder schlimmer noch von Arash mühelos ersetzten ließe.
Das Erscheinungsbild des McLaren F1 besticht durch zurückhaltende Klasse – dem häufig gebrauchten Britischen Understatement. Neben inspirierenden Design-Merkmalen, bildete das dreisitzige Layout des Cockpits ein Alleinstellungsmerkmal, das keiner der Konkurrenten des F1 seinen Kunden bot. Im Gegensatz zum F1 wirkt der MP4-12C – trotz seiner Lackierung in kräftigem Orange – farblos. Schade, dass hier die Designer ihre Chance verpasst haben eine angemessene Hülle für die spannendste Fahrmaschine unserer Zeit zu entwerfen.

Alles im Allen strahlt der MP4-12C nicht die Selbstsicherheit eines Siegers aus. Selbst seine Bezeichnung erinnert mehr an die Bezeichnung eines neuen digitalen Musikformats, als an den Namen einer Legende. Hätte man dem McLaren-Neuling nicht einfach den Titel F3 verleihen können? So bliebe Platz für einen F2, einen würdigen Nachfolger des F1 und zukünftigen Ferrari Enzo oder Carrera GT Schreck. Vielleicht könnte dieser Supersportler auch dem Bugatti Veyron auf der Straße gefährlich werden.
Ein Sportwagen vom Schlage des MP4-12C sollte in erster Linie eine kindliche Begeisterung im Manne wecken und das auch in den Köpfen derer, die sich ein solches Automobil nicht leisten können. Er muss eine optische Präsenz schaffen, die der einer begehrenswerten Skulptur gleicht und seinem Betrachter spüren lässt, welche Kraft in ihm steckt – und das bevor sich der Schlüssel im Zündschloss dreht. Dinge, die der MP4-12C aus meiner Sicht so nicht erfüllt.
Chris Hrabalek wurde 1977 in Wien geboren und ist heute als Automobildesigner und strategischer Berater für verschiedene europäische Hersteller tätig. Internationales Aufsehen erregte Hrabalek auf dem Genfer Salon 2005 mit einer Neuinterpretation des Lancia Stratos, die er als Mitbegründer des Designstudios Fenomenon initiiert und gestaltet hatte.
Text: Chris Hrabalek
Fotos: McLaren
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