Design Analysis: Gordon Murray Design T.25 und T.27

Was werden Automobilhistoriker einmal als Ikone des frühen 21. Jahrhunderts feiern? Unser Design-Kolumnist Chris Hrabalek tippt auf Gordon Murrays radikale City-Car-Concepts T.25 und T.27, die schon bald die urbane Mobilität revolutionieren könnten.

Für mich gibt es derzeit nur einen Mann in der Automobilindustrie, der in die Fußstapfen genialer Ingenieure wie Colin Chapman, Ettore Bugatti und Ferdinand Porsche treten könnte. Dieser Mann ist Gordon Murray, Vater des legendären Formel-1-Staubsaugers Brabham BT46, Erfinder des großartigen McLaren F1 – und seit neuestem Entwickler des vielleicht radikalsten Cityflitzer-Konzepts der jüngeren Automobilgeschichte: dem T.25 und seinem elektrischen Bruder, dem T.27. Denn während sich die wahrhaft revolutionären Transportmittel seit der Erfindung des Rades an zwei Händen abzählen lassen, benötigt man für die Aufzählung aller prägenden Kleinstwagen des letzten Jahrhunderts nicht mal eine Hand. Da gab es den Austin Mini, den MCC Smart und den Toyota iQ, denen eines gemeinsam war: Die Kombination einer innovativen Verpackung eines integeren Produktes und einer perfekten Analyse der sozialen Bedürfnisse der jeweiligen Zeit. Mit dieser Mischung waren alle drei Cityflitzer den Produzenten simpler Massenmotorisierung immer um einige Wagenlängen voraus.

Design Analysis: Gordon Murray Design T.25 und T.27 Design Analysis: Gordon Murray Design T.25 und T.27

Als Gordon Murray nach seinem Fortgang von McLaren verkündete, er arbeite nicht nur an einer neuen Fahrzeugklasse, sondern an einer britischen Ikone des 21. Jahrhunderts, zogen zahlreiche Automobilkenner zunächst einmal die Augenbrauen hoch. Und wäre es nicht Murray gewesen, diese Äußerung wäre höchstens als Fußnote durch die Presse gewandert. Doch die außergewöhnliche Erfolgsbilanz des Südafrikaners machte schon früh klar: Die Autombilwelt würde sich auf etwas ganz besonderes gefasst machen müssen. Und tatsächlich – der von Gordon Murray Design vorgestellte T.25, ein winziger Dreisitzer, gilt als Pionier einer neuen Nano-Klasse für sparsame, fahrerfreundliche Automobile. Sparsamkeit und Fahrspaß – bisher schlossen sich diese Attribute aus. Und vielleicht ist Murray mit dem T.25 wirklich die allerorts gesuchte automobile Quadratur des Kreises gelungen. Trotz eines Gesamtgewichts von 650 Kilogramm und einem Radstand, der nochmals kleiner ausfällt als beim Smart, können in Murrays Kleinwagen drei Erwachsene mit leichtem Gepäck reisen. Sogar für die ersten Skizzen hätte diese Leistung einen Ehrendoktor verdient.

Im Gegensatz zu den meisten City Cars, die auf bestehenden Plattformen basieren und stilistisch den Retro-Look ihrer oftmals weitaus authentischeren Ahnen übernehmen, wurde der T.25 auf einem weißen, unbefleckten Blatt Papier geboren. Murrays legendäre Angewohnheit, jedes auch noch so kleine Detail immer wieder zu hinterfragen, bewies schon 1995 beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans, wo ein McLaren F1 GTR den Gesamtsieg erstritt, dass eine gesunde Diktatur manchmal besser sein kann als eine ungesunde Demokratie.

Und obwohl der Wagen in seiner finalen Form noch nicht enthüllt wurde, gibt es mittlerweile genügend Spy Shots (oder vorsätzlich durchgesickerte Appetitanreger) um Größe (bzw. deren Gegenteil), Proportionen, Haltung und Designsprache des T.25 beurteilen zu können. Die Räder stehen so nah wie möglich an Front und Heck, auf Überhänge wurde weitestgehend verzichtet. Hinzu kommt eine ungewöhnlich schmale Fensterpartie (der Designer spricht hier von daylight opening, kurz DLO), was einen außergewöhnlich guten cW-Wert verspricht. Der erste Eindruck dieses superkompakten aber hoch aufragenden Fahrzeugs: Hier wurde ein Smart Plus mit dem BMW C1 Kabinenroller gekreuzt.

Design Analysis: Gordon Murray Design T.25 und T.27 Design Analysis: Gordon Murray Design T.25 und T.27

Neben einem Toyota iQ (oder einem Aston Martin Cygnet) wird der T.25 erscheinen wie eine Lotus Elise Mk1 neben einem Jaguar XJ220. Murrays wagemutige Entscheidung, den T.25 mit nur einer einzigen Tür auszustatten, wird sich natürlich genauso in der Realität beweisen müssen, wie die Erreichbarkeit der drei Innensitze, wenn der Wagen – wie geplant – auch senkrecht zum Bordstein geparkt werden darf. Visionär, und nicht ganz einfach umzusetzen ist auch der Plan, T.25-Benutzer mit einer Sonderberechtigung nebeneinander auf nur einer Autobahnspur fahren zu lassen. Mit einem finalen Urteil muss man deshalb sicherlich warten, bis der T.25 in seiner endgültigen Ausführung enthüllt und im Straßenverkehr getestet wurde. Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich jedoch keinen Zweifel daran, dass Gordon Murrays Plan aufgehen und der T.25 bzw. seine elektrische Variante, der T.27, zu einer der großen Designikonen heranreifen wird, auf die sich zahllose Autodesigner in den kommenden Jahren beziehen.

Chris Hrabalek wurde 1977 in Wien geboren und ist heute als Automobildesigner und strategischer Berater für verschiedene europäische Hersteller tätig. Internationales Aufsehen erregte Hrabalek auf dem Genfer Salon 2005 mit einer Neuinterpretation des Lancia Stratos, die er als Mitbegründer des Designstudios Fenomenon initiiert und gestaltet hatte.

Text: Chris Hrabalek (aus dem Englischen von Classic Driver)
Fotos: Gordon Murray Design



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