Design Analysis: Audi e-tron

Enzo Ferrari hat einmal gesagt, das letzte Automobil müsse ein Sportwagen sein. In seiner Stilkolumne wünscht sich Automobildesigner Chris Hrabalek angesichts der zweiten e-tron-Studie von Audi, das letzte Auto auf Erden möge zudem über einen Verbrennungsmotor verfügen. Eine Polarisation.

Es ist charakteristisch für die Automobilindustrie, dass ihre angebotenen Produkte immer ein wenig der Nachfrage und den Bedürfnissen der Kunden hinterher hinken. Das Phänomen ist einfach erklärt, denn stimmungsabhängige Sofortwünsche kann ein Automobilhersteller schlicht nicht erfüllen, die Entwicklung eines Automobils von den ersten Skizzen bis zur Serienreife dauert drei Jahre. Und diese Zahl ist sogar noch äußerst optimistisch gewählt. In anderen Worten: Von der nicht gerade einfach zu fällenden Entscheidung, ein neues Nischenprodukt zu produzieren, bis zum Tag der Erstauslieferung zu den Händlern liegen mindestens 1.095 Tage. Mit dieser Zeitspanne erklären sich auch die zahlreichen neuen Luxusmodelle, die momentan in die Ungewissheit der Rezession entlassen werden – zum Zeitpunkt ihrer Entwicklung war ja alles noch „in bester Ordnung“.

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Die derzeit oft geäußerte Überzeugung, batteriebetriebene Automobile könnten den Planeten vor dem Klimakollaps retten, muss deshalb auch nicht mit der Sichtweise übereinstimmen, die wir in einigen Jahren zu diesem Thema haben werden. Audis Nordamerika-Vorstand Johan de Nysschen hatte vielleicht aus diesem Grund im vergangenen Jahr all diejenigen, die damals mit der Anschaffung eines Elektromobils liebäugelten, als Idioten und Teil einer lebensfernen Elite bezeichnet. Und trotzdem setzt Ingolstadt nun in der Bemühung, eine Lösung für Erderwärmung und Weltfrieden zu finden, auf eine elektrische Studie namens e-tron.

Doch lassen wir den Elektroantrieb, der übrigens weder das Layout noch die Proportionen des Concept Cars wirklich beeinflusst zu haben scheint, für einen Moment außen vor. Was ohne die öffentlichkeitswirksame Technik bleibt, ist ein stumpfes und uninspiriertes Styling, dass ästhetisch – wenn überhaupt – auf Höhe der Achtzigerjahre stehen geblieben ist. Und man kann noch weiter gehen: Würde man nur die Front im R8-Look entfernen und alle anderen Formelemente beibehalten, bliebe nicht viel mehr als ein Retro-Revival des Toyota MR2 mit De-Lorean-Felgen. Vor allem in der Dreiviertel-Heckansicht fehlen mir schlicht die beschönigenden Worte.

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Um der Gerechtigkeit willen möchte ich nicht unterschlagen, dass man bei der Betrachtung aus bestimmten Winkeln doch immer wieder Elemente und Perspektiven entdeckt, die an die Glanzmomente Ingolstädter Formensprache erinnern. Die klotzigen Radhäuser beispielsweise sollen ganz offensichtlich eine visuelle Brücke zu den legendären Quattro-Ahnen schlagen. Dennoch erscheint mir, um das anfangs angesprochene Problem der Nachhaltigkeit wieder aufzugreifen, das Design-Statement alles andere als langfristig zu sein. Zeitgenössisches „Day Light Opening“ (Anm. d. Red: Ein Fachbegriff, der die Gestaltung aller Fensterflächen beschreibt. Kurz: DLO) trifft auf altmodisches Volumen, trifft auf nichtssagendes Heck, trifft auf Silhouette ohne Bewegung, Drama und Vorsprung. Wenn dieser Wagen tatsächlich die kommenden Stilelemente vorwegnimmt, möchte ich die neue Dekade lieber gleich überspringen und in den 2020er Jahren weitermachen.

Es bleibt abzuwarten, ob wir unseren Carbon Footprint und jegliche Emissionen bis zum Ende des Jahrhunderts tatsächlich negieren können und ob uns ein gelegentlicher Wochenend-Tripp mit einem Benziner so bizarr vorkommen wird wie die Idee heute erscheint, Sonntagszeitung und Brötchen mit einer Dampfmaschine zu besorgen. Eines ist jedoch gewiss: Wenn wir unsere Mobilität tatsächlich auf neue, momentan durchaus noch wunderlich erscheinende Technologien umstellen können, sollten wir im selben Zuge auch neue Formen der Automobil-Architektur entwickeln. Alles andere wäre schlicht eine verschenkte Gelegenheit.

Chris Hrabalek wurde 1977 in Wien geboren und ist heute als Automobildesigner und strategischer Berater für verschiedene europäische Hersteller tätig. Internationales Aufsehen erregte Hrabalek auf dem Genfer Salon 2005 mit einer Neuinterpretation des Lancia Stratos, die er als Mitbegründer des Designstudios Fenomenon initiiert und gestaltet hatte.

Text: Chris Hrabalek
Fotos: Audi


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