Der Tradition alle Ehre gemacht

Die Rallye Solitude ist eine der großen Rallyes mit Tradition. Von 1954 bis 1960 standen das Schloss Solitude und das markante Start-und-Ziel-Häuschen im Mahdental im Vordergrund. Von 1961 an bis 1972 wurde sie durch eine deutsch-französische Kooperation als „Rallye Lyon-Charbonnières Stuttgart-Solitude“ international. Im Jahr 2004 – zum 50-jährigen Jubiläum – wurde die Traditionsveranstaltung erstmalig neu aufgelegt. Vom 17. bis 19. Juni 2005 ging das Revival der Rallye Solitude in die zweite Runde – mit 70 ausgewählten Fahrzeugen und einem Feld an Vorabfahrzeugen der Extraklasse.

Der Mythos Solitude war während der Veranstaltung stets zu spüren – zumal zahlreiche Zeitzeugen dabei waren. Die Rennfahrerlegende Hans Herrmann, Kurt Ahrens, der erfolgreichste private Formel-Rennfahrer und Rallye Solitude-Teilnehmer von 1958, Eberhard Mahle, Berg-Europameister 1966 und fünffacher Sieger der Rallye Solitude, Peter Falk, ehemaliger Porsche-Rennleiter und 1961 Rallye Lyon-Charbonnières Stuttgart-Solitude-Gesamtsieger, Herbert Linge, Porsche-Urgestein als Testfahrer sowie Renn- und Rallye-Fahrer und die Deutschen Meister Wolfgang Müller und Roland Heck.

Erstmals dabei waren Werner Müller und Hans Binder. Sie fuhren die Rallye Lyon-Charbonnières Stuttgart-Solitude gemeinsam in den Jahren 1961, 1962 und 1963 mit einem NSU Prinz. Beim Revival der Rallye am vergangenen Wochenende stiegen sie erstmals wieder zusammen in einen Rallye-Wagen; für den Fototermin am 17. Juni 2005 am relexa Waldhotel Schatten in einen NSU Prinz von 1961 und für die Rallye in einen Volvo 122 S von 1966. Und soviel sei an dieser Stelle schon verraten: Nach rund 440 Kilometern kamen sie strahlend ins Ziel – als Klassenfünfter.

Gefahren wurde in zwei Kategorien: Klassisch und sportlich. Dafür gab es verschiedene Streckenbücher, wobei der Hauptunterschied daran lag, dass bei den „Sportlern“ das Fahrtenbuch unterbrochen war und sich diese dann an Kartenausschnitten orientieren mussten. Hinzu kamen Gleichmäßigkeitsprüfungen nach vorgegebenem Schnitt ohne bekanntes Ziel.

Als erster Sportler nahm Peter Reck die Rallye unter der Schirmherrschaft des Baden-Württembergischen Innenministeriums mit seinem Alfa Romeo Monza 8c unter die Räder. Die Route führte über Malmsheim, Eberdingen und Münklingen. Einen Zwischenstopp gab es am Nachmittag auf dem Weingut Baumgärtner in Hohenhaslach. Bis dahin waren die Favoriten und letztjährigen Classic Masters-Sieger Michael Münzenmaier und Anja Schiemann wegen Kupplungsschaden bereits ausgefallen. Die Chancen von Markt-Chefredakteur Peter Steinfurth stiegen. Er hatte im letzten Jahr die Rallye Solitude mit Jochen Berger, dem ehemaligen Beifahrer von Walter Röhrl, gewonnen. In diesem Jahr trat er mit einem ausgewiesenen Kartenspezialisten an, nämlich mit Holger Wirth, der bereits Veranstaltungen von Fahrtleiter Hans Werner Mattis gefahren war. Das Auto hingegen blieb: Opel stellte dem Team den Kadett LS 1900 von 1971 zur Verfügung. Berger hingegen ist eher Spezialist für Zeitprüfungen. Er startete auf Porsche 911 S 2.4 mit Peter Rust. Nach der kurzen Pause auf dem Weinberg der Familie Baumgärtner ging es weiter über Ensingen, Münklingen und Renningen zurück in Richtung Stuttgart. Um 18.30 Uhr trafen die ersten Teilnehmer auf dem Bosch-Mitarbeiterparkplatz ein, um eine letzte Schlauchprüfung zu absolvieren. Dabei markieren quer über die Fahrbahn gelegte Schläuche, die Zeitmessimpulse auslösen, den Anfang und das Ende einer Strecke. Diese muss in einer vorgegebenen Zeit gefahren werden, wobei Abweichungen zu Strafpunkten führen.

Auf dem Gelände des Hauptsponsors begann am Samstagmorgen auch die zweite Etappe, die über Neckartailfingen und Neuffen auf den Marktplatz von Bad Urach führte. Zur dortigen Mittagspause empfingen Bürgermeister Markus Ewald und der ehemalige Wirtschaftsminister Dr. Helmut Haussmann. Der Fanfarenzug mit Weltmeistern im Fahnenwerfen und Tausende von Zuschauern sorgten für eine Atmosphäre wie bei der legendären Mille Miglia. Eine Autogrammstunde mit den ehemaligen Solitude-Rennfahrern um Hans Herrmann lockte zusätzliche Besucher an.

Bei strahlendem Sonnenschein sammelten die Teams Kraft, bevor die Fahrer von den Copiloten über Melchingen nach Rottenburg navigiert wurden. Fahrtleiter Mattis forderte die Konzentration über die gesamte Wegstrecke, da stets mit so genannten Baumaffen (Kontrollzeichen am rechten Wegerand, die chronologisch aufgeschrieben werden) gerechnet werden musste. Wer dieses Zeichen übersah, wurde mit 20 Strafsekunden bestraft, was von vielen Teilnehmern als zu hart empfunden wurde. Um es vorweg zu nehmen: Da eine Reduzierung der Strafe das Ergebnis nicht verändert hätte, hielt die Fahrtleitung an der Höhe der Strafzeiten fest.

Auch die Stadt Rottenburg mit der Gaststätte Hirsch engagierte sich sehr, die Teams gebührend zu empfangen. Über liebevoll ausgewählte Sträßchen ging es zurück in den Großraum Stuttgart, wo um 18.30 Uhr das erste Fahrzeug zur letzten Sonderprüfung auf der ehemaligen Solitude-Rennstrecke antrat. Der Hochsommerabend lockte zahlreiche Schaulustige an, so dass die Teams mit großem Applaus vor dem unter Denkmalschutz stehenden Seehaus empfangen wurden.

Der Gutshof mit seinem romantischen Ambiente diente schon in den fünfziger und sechziger Jahren neben dem Hotel/Restaurant Glemseck als Fahrerlager der Solitude-Rennen und wurde für die Abschlussveranstaltung entsprechend gestaltet und ausgestattet. Dazu gehörte auch die Ausstellung geschichtsträchtiger Fahrzeuge, wie ein Porsche 906 und die authentischen Rallye-Ikonen Porsche 911 „East African Safari“ von 1973 sowie Porsche 911 „Paris – Dakar“ von 1984. Dieser von Peter Ihle originalgetreu restaurierte Wagen fuhr übrigens die gesamte Rallye Solitude mit, als Vorabfahrzeug. Sein Auftritt war noch spektakulärer als der des von DaimlerChrysler geschickte McLaren Mercedes SLR oder des brandaktuellen Wiesmann GT, der erstmals auf deutschen Straßen zu sehen war.

Während der von Jacky Ickx bei dem Wüstenmarathon vor über 20 Jahren gefahrene Porsche beim Abkühlen noch knisterte, lauschten 70 zufriedene Teams und zahlreiche Gäste den Ausführungen von Inge Horn, Bürgermeisterin der Stadt Leonberg, sowie den Moderationen mit den Rennfahrerlegenden durch Veranstalter Tobias Aichele. Derzeit wertete die Zeitmessung die Ergebnisse aus und die Siegerehrung konnte bereits um 22.00 Uhr stattfinden. Für den Gesamtsieg der Kategorie klassisch überreichte Hans Herrmann die Preise an Uwe Kurzenberger und Eckard Spreng, die mit dem filigranen Cisitalia Abarth 850 antraten. Bei den Sportlern siegten Klaus Förster und Hans Keller auf Porsche 356 SC mit 45,20 Strafsekunden vor den Alfa-Piloten Bernd Wurth und Uwe Heusel. Vorjahressieger Peter Steinfurth belegte Platz 3. Da Thomas Senn die Rallye Solitude 2005 aus terminlichen Gründen nicht mitfahren konnte, bleiben Münzenmaier/Schiemann die Führenden in der Classic Masters, der Meisterschaft im historischen Motorsport, zu der die Rallye Solitude 2005 zählt.

Text & Foto: Rallye Solitude


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