Das große Favoritensterben

Eines kann man der Südwest-Classic garantiert nicht nachsagen: dass sie voraussehbar ist. Sie ist klein, sehr fein und manchmal auch ein bisschen gemein. Veranstalter Pit Lindner hatte selbst alten Hasen einige Überraschungseier ins Nest gelegt. Eines davon war allerdings faul...

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61 Teams nahmen in Balingen bei südwestdeutschem Prachtwetter die Reise ins Ungewisse auf. Ein Blick ins Bordbuch ließ Fürchterliches erahnen: Gleich vier große Landkarten waren beigefügt, mit Orientierungsetappen zwischen 30 und 60 Kilometern. Dass diese am Ende halb so wild waren, konnte am Start ja noch niemand ahnen. Und dass dafür eine beiläufige Bemerkung im Bordbuch von ganz anderem Kaliber war, wussten auch nur die Teilnehmer, die schon im Vorjahr dabei waren. Die Rede war dort von Geschwindigkeitsmessungen auf den Verbindungsetappen durch den Veranstalter, welche auch mit Strafpunkten belegt werden sollten. In Zeiten immer schwieriger werdender Genehmigungen für Oldtimer-Veranstaltungen war die Aktion an sich noch zu verstehen, nicht aber die Gewichtung. Was für einen Sinn machen Rallyes noch, wenn ein Team mit 633 Strafpunkten auf den Wertungsprüfungen dank 1000 Zusatzpunkten aus der Radarfalle statt Gesamtsieger nur noch Zwölfter wird. Und auch der vermeintliche Gesamtdritte schließlich nur auf Rang fünf einläuft. Ganz klar: Zu schnell gefahren ist zu schnell gefahren, aber eine Radarmessung auf einer 30 Meter breiten Bundestrasse mit 1000 Strafpunkten zu ahnden ist sicher nicht die feine Classic-Masters-Art und macht die eigentlichen Wertungsprüfungen leider zur schönsten Nebensache der Welt.

Des einen Leid war des anderen Freud: Nach konstant guten Leistungen in den letzten Jahren konnte das Bielefelder Vater-Sohn-Gespann Peter und Fabian Mohr auf ihrem Mercedes Benz 280 SE Coupé endlich einmal den Sack zumachen und sich den ersten Gesamtsieg ihrer Karriere sichern. Wenn auch nur mit hauchdünnstem Vorsprung vor der lange Zeit in Führung liegenden Vater-Sohn-Konkurrenz Jürgen und Oliver Illig auf ihrem Buckel-Volvo. Rang drei ging an Dr. Michael Eiselt und Miriam Wedlich auf Austin Healey 3000.

Einen granatenschlechten Tag hatten die Dominatoren der Classic-Masters-Serie, Michael Münzenmaier und Anja Schiemann. Mit Radarpunkten und reichlich hausgemachten Strafzeitpaketen landeten die glorreichen Zwei dieses Mal auf einem wenig glorreichen 23. Platz. Gerade mal eine Stelle vor Uwe Krämer mit dem aus einem Preisausschreiben zugelosten Erstlingstäter Peter Stegen auf dem Beifahrersitz. Diese beiden sorgten im Verlauf der Veranstaltung für reichlich Furore, da sie zwischenzeitlich auf dem dritten Platz der Gesamtwertung lagen und zu allem Überfluss als einziges (!) Team im gesamten Starterfeld den richtigen Weg in Wertungsprüfung 9 fanden, wo sich die verdutzte Beifahrerfraktion vergeblich einen Wolf suchte. Was doppelt schade war, da Pit Linder ausgerechnet in WP 9 eine neue Art der Gleichmäßigkeitsprüfung ausprobieren wollte. Nur hatte er eben nicht mit der vollkommenen Orientierungslosigkeit seiner Schäferchen und Schäfchen gerechnet...

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Abgesehen vom faden Beigeschmack der Verkehrserziehung war die Südwest-Classic wieder so klein und fein wie in all den Jahren zuvor. Es ist schon bewundernswert, wie Veranstalter Pit Lindner nur mit rallyeverrückten Sponsoren aus Balingen und Umgebung eine solch hochwertige Veranstaltung zaubern kann. Dabei ist die mustergültige Organisation ebenso auffällig wie die komplette Vollversorgung der Teams mit Präsenten und Nahrung aller Art bis zum Abwinken und -wanken. Wer will, kann mit Ausnahme des Spritgeldes das Portemonnaie getrost zuhause lassen. Und nicht zu vergessen, das spektakulärste Siegerehrungsambiente des ganzen Jahres: die ehrwürdigen Gemäuer der Burg Hohenzollern.

Die Gesamtwertung der Classic-Masters-Serie lässt zur Zeit kein aussagekräftiges Bild zu, da nur die besten sechs der zehn Läufe am Ende für jeden einzelnen Teilnehmer gewertet werden, und somit die Streichergebnisse herausgerechnet werden müssen. Und für viele der Top-Teams war die Südwest-Classic leider ein solches. Würde man alle vier bisher ausgetragenen Läufe in der Wertung lassen, dann hätten Michael Münzenmaier und Anja Schiemann die Nase Ihres Jaguar XK 140 OTS noch hauchzart vor dem MG A Coupé von Thomas Senn und Ivonne Birkhölzer, gefolgt von den mit 220 Radarpunkten am Bande ausgezeichneten Thomas und Alexandra Engl und dem Gesamtsieger Peter Mohr. Aber wie gesagt: Alles noch ein Muster ohne Wert.

Mehr Informationen unter: www.suedwest-classic.de

Text: Tom Augustin
Fotos: Süd-West Classic


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