Woolf 'Babe' Barnato, Gentleman Driver

Woolf – genannt „Babe“ – Barnato war der perfekte Gentleman Driver: Unglaublich reich, absolut extrovertiert, ein brillianter Sportsmann und dabei kein bisschen arrogant. Nur seine Familiengeschichte hielt nicht ganz, was der Auftritt versprach.

Anders als bei den meisten „rasenden Gentlemen“ seiner Zeit waren Barnatos Millionen nicht über Generationen angesammelt worden: Woolfs Vater Barnett – oder Barney, wie er sich nennen ließ – war als Sohn eines jüdischen Ladenbesitzers im Londoner East End aufgewachsen, jedoch schon früh nach Südafrika emigriert. Dort änderte er seinen Namen in „Barnato“ und machte in kurzer Zeit ein gewaltiges Vermögen im noch jungen Diamantenbusiness. Doch bei der Überfahrt von Kapstadt zurück nach England im Jahr 1897 ging der Vater über Bord – und hinterließ seinem erst zwei Jahre alten Sohn den Großteil des Familienvermögens. 

Ein echter Sportsmann

Groß und massig, wuchs Barnato Junior schnell zu einem echten Sportsmann mit großem Ehrgeiz heran. 1921 nahm er beim Brooklands Easter Meeting erstmals an einem Autorennen teil – in einem Acht-Liter-Locomobile, das er aus Amerika importiert hatte. Er wurde auf Anhieb Dritter und sein Appetit auf neue Siege war geweckt. Beim Whitsun Meeting sah man ihn bereits in einem Calthrope und in der kommenden Saison startete er in Malcolm Campbells altem Talbot. 1923 wechselte Barnato auf einen Wolseley Moth und 1924 brach er am Steuer eines Acht-Liter-Hispano-Suiza alle Geschwindigkeitsrekorde seiner Klasse. 1925 wechselte er schließlich auf Bentley – er kaufte einen 3-Litre-Prototyp mit kurzem Chassis und Boattail-Karosserie von Jarvis in Wimbledon. 

Die fabelhaften Bentley Boys

Am Steuer dieses Bentley gewann er zahlreiche Rennen in Brooklands. Zusammen mit seinem Copiloten John Duff erreichte er während der 24 Stunden eine Durchschnittgeschwindigkeit von 153 km/h – ein neuer Streckenrekord. So wurde auch Firmengründer W.O. Bentley auf den talentierten Millionenerben aufmerksam. Bentley überredete den leidenschaftlichen Spieler Barnato, fast 100.000 Pfund in die schwächelnde Firma zu investieren. Im Gegenzug durfte er sich Automobile für den Eigengebrauch aus der Produktion abzweigen. Zudem erhielt er einen festen Platz im Bentley-Werksteam. Tatsächlich wäre Barnato wahrscheinlich auch ohne die Investition nicht mehr aus dem Team wegzudenken gewesen: W.O. Bentley schwor auf sein Talent und nannte ihn einen der besten Fahrer seiner Zeit. Zudem machte er nur selten Fehler und – noch wichtiger – ordnete sich den Befehlen der Teamleitung bedingungslos unter. 

Diese Teamfähigkeit und sein berüchtigter Schneid machten es Barnato möglich, 1928 die 24 Stunden von Le Mans gleich im ersten Anlauf zu gewinnen: Sie prügelten ihren 4 ½ Litre Bentley praktisch über die Ziellinie – mit einem gebrochenen Chassis und ohne jegliche Kühlung. Barnato wiederholte den Sieg im kommenden Jahr mit Bentleys legendärem Platz-1-2-3-4-Triumph und feierte 1930, nach einem beinharten Duell mit Rudolph Caracciola in seinem Mercedes, seinen dritten Erfolg in Le Mans. 1931 hatte sich die wirtschaftliche Lage von Bentley jedoch derart verschlechtert, das Barnatos Berater ihn warnten, weiterhin in das „sinkende Schiff“ zu investieren. Die Firma wurde kurz darauf von Rolls-Royce aufgekauft – doch Barnato hielt auch hier bereits genügend Anteile, um sich 1931 einen Platz im Aufsichtsrat von Bentley Motors zu sichern. 

Bentley gegen Blue Train

Auf der Rennstrecke trat Woolf Barnato nun vor allem als Sponsor und Automobilkonstrukteur in Erscheinung. Einen weiteren Coup landete er jedoch, als es ihm gelang, den französischen Hochgeschwindigkeitszug Le Train Bleu bei einem Rennen zwischen der Côte d'Azur und Calais mit seiner Bentley-Speed-Six-Limousine von Mulliner öffentlichkeitswirksam zu schlagen. Nach zwei Weltkriegen und zahllosen Rennen im Grenzbereich starb Barnato mit nur 53 Jahren an den Folgen einer Krebs-Operation. In den Geschichtsbüchern findet man ihn bis heute als den wohl bedeutendsten „Bentley Boy“.

 
Fotos: Getty Images / Bonhams / Bentley

Dieser Artikel ist Teil der Serie Gentleman Drivers,  die freundlicherweise von EFG International präsentiert und unterstützt wird.