Wimbledon und Wellensittiche: James Hunts unbekannte Seite

Mit dem Kinostart von „Rush“ rückt einmal mehr der Lebemann und Exzentriker James Hunt ins Zentrum des Interesses. Wir wollten jedoch wissen, was sich hinter den Models und dem Zigarettenqualm wirklich verbarg – und haben ein wenig recherchiert.

Was seine Finanzen anging, hatte James Simon Wallis Hunt zeitlebens nicht nur kein Glück, sondern auch noch eine ganze Menge Pech. Dennoch konnte er sich meist nur selbst die Schuld geben – so auch 1977, als er während des kanadischen Grand Prix einen nichtsahnenden Streckenwärter niederstreckte und zu 2.000 Dollar Strafe verdonnert wurde. Schon früher hatte es immer wieder „Unstimmugkeiten“ mit anderen Fahrern gegeben, und James Hunt war nicht ganz zu Unrecht als Hitzkopf bekannt. Doch es gab auch eine andere, ausgewogene Seite. So erinnert sich sein Rennfahrer-Kollege Tony Dron an einen Unfall zwischen den beiden, der von einem dritten Fahrer verschuldet war: „Wir stiegen aus unseren Wracks und setzten und an den Streckenrand. Er zog sehn Embassy-Zigaretten aus seiner Tasche und bot mir eine an. Da saßen wir also, rauchten, und beobachteten das Rennen. Der Unfall kam nicht mehr zur Sprache.“ 

Der harmonische Hunt

Auch James Hunts beide Söhne und gut 300 Wellensittiche, die er sehr liebte, sahen den Rennfahrer meist von seiner harmonischen Seite. „Samstags ging er mit uns zum Spielen in den Park“, berichtete sein Sohn Tom vor kurzem in einem Interview. „Wir ließen Modellflugzeuge fliegen, fütterten Ziegen, ganz normale Dinge eben.“ Nach seinem Rückzug aus dem Rennsport im Jahr 1979 hatte er auch mehr Zeit für seine Vögel. Er verbrachte jeden Tag mehrere Stunden mit den Sittichen und fuhr mit ihnen in seinem kleinen Austin Van zu Schauen im ganzen Land. „Manchmal gewann er sogar einen Pokal“, erinnert sich Tom. „Der wurde dann zuhause neben den Formel-1-Trophäen aufgestellt.“

Sein sportlicher Ehrgeiz und seine Leidenschaft lebte er auch in Sportarten abseits der Rennstrecke aus. Er war ein taletierter Golf- und Squash-Spieler und er trat als 12-jähriger sogar beim Junioren-Tennis in Wimbledon an – in einem Turnier für Jugendliche unter 17 Jahren. Erst im Finale unterlag er einem 16-Jährigen und weinte danach für Stunden. „Manchmal vergessen sie Menschen, was für ein ernsthafter Sportler er war“, sagt James Hunts Biograph Gerald Donaldson. „Der Motorsport war damals schließlich unglaublich gefährlich, da war kein Platz für Spielereien.“

Die legendären 5.000

Dabei waren „Spielereien“ eigentlich das Markenzeichen von James Hunt und in den 1970ern kursierten mitunter recht kuriose Geschichten über die biblischen Summe seiner Eroberungen. Heute relativiert sein Sohn Tom: „Es wurde alles immer etwas übertrieben. Natürlich war er ein Frauenheld – aber 5.000 Eroberungen? Ach, kommen Sie! Wer in aller Welt soll da mitgezählt haben? Ich halte das für ziemlich überzeichnet.“ Auch die 37 Stewardessen der British Airways, die Hunt angeblich auf dem Kerbholz gehabt haben soll, dürften laut seinem Sohn eher an einer Hand abzuzählen gewesen sein.

Die genauen Details werden uns für immer verborgen bleiben. In jedem Fall wird uns James Hunt aber als Mann in Erinnerung bleiben, der sein kurzes Leben in vollen Zügen auskostete – und dabei von seinen Freunden und seiner Familie auch dann noch geschätzt wurde, wenn die Reporter verschwunden waren. Nur eines würde uns nun doch noch brennend interessieren: Wie wohl ein Wimbledon-Finale zwischen Hunt und McEnroe ausgegangen wäre?

Fotos: Rainer Schlegelmilch / Getty Images /Rex Features / Gillfoto