Joseph Baermann Strauss – der Mann, der die schönste Brücke der Welt baute

Was die Freiheitsstatue für New York, ist seit 80 Jahren die Golden Gate Bridge für San Francisco. Dieses Wahrzeichen, das als spektakuläre Hängebrücke die Bucht überspannt, wurde von einem kleinen Mann, der groß dachte, ersonnen. Schon als Teenager träumte Joseph Strauss vom Brückenbau.

Es muss ein Anblick gewesen sein, bei dem ein kreativer Konstrukteur mit einer tiefen Liebe zu Brücken ins Grübeln kommen könnte. Eine der großen Attraktionen der Weltausstellung von San Francisco im Jahr 1915 war das nach dem Prinzip der Klappbrücke gebaute „Aeroscope”, dass 100 Fahrgäste über 60 Meter in die Höhe hob und ihnen einen grandiosen Blick auf die Golden Gate genannte Einfahrt zur Bucht schenkte. Schon länger hatten sich die Stadtväter zum Verdruss der Fährbetriebe und der Eisenbahn eine Überspannung dieses goldenen Tors gewünscht. Und dafür bot sich nur einer an: Joseph Baermann Strauss, der Ingenieur aus Ohio und Schöpfer dieses Aeroscopes. Als im Frühling 1937 endlich die Golden Gate Bridge eröffnet wurde, hatten nicht nur die Kinder schulfrei, sondern San Francisco mit der insgesamt 2,7 Kilometer langen Hängebrücke endlich ein Wahrzeichen, dessen kühne und zeitlose Eleganz alle Mühen vergessen ließ.

Joseph Strauss war nur 1,57 Meter groß und der von ihm entlassene Charles Ellis, der mit Bleistift, Papier und früher Rechenmaschine die hochkomplexen Berechnungen für die Statik dieser atemberaubenden Brücke anstellte, hätte ihm wie viele andere auch einen ausgewachsenen Napoleonkomplex bescheinigt. Als typischer Visionär duldete Strauss kaum Kritik noch Rivalen um die Gunst der Öffentlichkeit. Andererseits hatte der Ingenieur, dessen junges Konstruktionsunternehmen schon mit der Arlington Memorial Bridge über den Fluss Potomac in Washington, D.C. bekannt geworden war, mit enormen Widerständen zu tun. Ehe 1933 mit dem Bau begonnen werden konnte, gab es politischen wie gesellschaftlichen Protest und Debatten um die Finanzierung aufgrund der anhaltenden Großen Depression. Aber auch das natürliche Umfeld der Golden Gate sorgte für genügend Herausforderungen. Die Region wird immer wieder von Erdbeben heimgesucht, in der Bucht können orkanstarke Winde durchblasen, Nebel ist an der Tagesordnung und die Strömung ist mit über 7 Knoten doch sehr schnell. 

Strauss hatte 1921 ursprünglich eine Art freitragender Brücke entworfen, aber das Konzept, das zu teuer, zu schwer und zu langwierig geworden wäre, zugunsten der zwischen zwei Pfeilern gespannten Brücke aufgegeben. Nicht zuletzt auch, weil viele Bürger San Franciscos den Entwurf hässlich fanden. Noch nie zuvor war eine so lange Hängebrücke gebaut worden. Gut eine Million Nieten und 130.000 Kilometer der stärksten Stahlseile sorgen bis heute dafür, dass sie sich knapp unter 70 Metern über der Bay of San Francisco spannt. Für die mächtigen Pfeiler, die am Meeresgrund verankert sind, wurden Unterwasserstahlkammern mit Vakuum geschaffen. Spezialisten in den altertümlichen Taucherrüstungen mussten dabei auf die starke Strömung und den Wechsel der Gezeiten achten. 

Von den heute rund 200.000 Pendlern, die das mautpflichtige goldene Tor queren, denken wohl die wenigsten daran, dass dies damals einer der gefährlichsten Arbeitsplätze weltweit war. Zehn Menschenleben forderte der gnadenlos anspruchsvolle Bau über dem Wasser, als noch knapp vor der Fertigstellung ein Gerüst umkippte und die Arbeiter trotz Sicherheitsnetz in die Bucht katapultierte. „Diese Brücke lebt - sie ist ein Organismus, der atmet,” soll ein Beobachter damals ausgerufen haben. Doch der kompromisslose und engagierte Strauss führte als erster überhaupt die Helmpflicht auf einer Baustelle ein. Angeblich sollten jene, die immer wieder ins Netz stürzten, den „Halfway to Hell Club” gegründet haben. Mitten in der Anfangsphase ereignete sich 1934 auch noch ein schweres Erdbeben, und obwohl die rudimentären Bauten bedenklich schwankten, hielten sie stand.

Der 1870 als Sohn deutschstämmiger jüdischer Einwanderer in Cincinnati in Ohio geborene Joseph Strauss kündigte schon früh an, „eines Tages das größte Bauwerk der Welt” bauen zu wollen. In der Abschlussarbeit verblüffte der angehende Ingenieur aus einer künstlerischen Familie seine Professoren an der örtlichen Universität mit dem Konzept für eine Eisenbahnbrücke, die sich über die Beringstrasse spannen sollte, um Alaska und Russland zu verbinden. So weit kam es dann doch nicht, aber nach seinem Abschluss arbeitete er als Assistent an der Uni und als technischer Zeichner bis er mit knapp dreißig Jahren in Chicago Arbeit in einem Konstruktionsbüro fand und am Entwurf etlicher Zugbrücken über den Chicago River beteiligt war. Damals begann er auch, an Klappbrücken zu tüfteln, um sich ab 1904 selbständig zu machen. Wie sehr die kühne Vision, die womöglich im Aeroscope ihren Anfang nahm, zu seinem Lebenswerk werden sollte, belegt der Spitzname, den seine zweite Frau ihm gegeben hatte: G.G. Leider hat er nie niedergeschrieben, weshalb von allen Möglichkeiten, die einem Ingenieur offenstehen, es ausgerechnet Brücken waren, denen seine Leidenschaft galt.

Hätte sich die Marine der Vereinigten Staaten durchgesetzt, dann wäre die Golden Gate Bridge schwarz und gelb angestrichen worden. Doch die Erbauer konnten sich durchsetzen und bis heute erstrahlt sie im selbst schon legendären „International Orange”. Ein eigenes Team kümmert sich um wesentliche Aspekte wie Nieten und Seile. Schon damals, als eine Bank mit rund 30 Millionen Dollar den Baubeginn sichern konnte, hatte Strauss versichert, dass die Maut den weiteren Unterhalt sichern würde, und so ist es auch 80 Jahre später geblieben. Freunde hat sich der Napoleon der Brücken, der zermürbt und krank kurz nach der Eröffnung starb, kaum gemacht. Zur Eröffnung sollte ein Bronzeabbild des großen kleinen Mannes an seinem Chef d`Oeuvre errichtet werden. Doch seine Feinde konnten das verhindern. Seine Witwe finanzierte schließlich 1941 die Statue, welche die Inschrift trägt: „Joseph B. Strauss, 1870 - 1938, The Man Who Build The Bridge”. 

Photos: Getty Images

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