Jochen Mass, wie kommt ein Matrose zum Rennsport?

Der gelernte Seemann Jochen Mass hätte im Traum nicht daran gedacht, dass er einmal ein berühmter Rennfahrer werden sollte, als er 1967 sein erstes Bergrennen besuchte. Classic Driver traf den legendären Tourenwagen- und Formel-1-Fahrer zu einem Gespräch in Zürich.

Der Liebe wegen!

Herr Mass, wie kommt ein 21-jähriger, der gerade auf dem Weg war, ein Matrose zu werden, zum Rennsport?

Natürlich der Liebe wegen! Und damit meine ich nicht die Liebe zum Auto. Meine damalige Freundin war Mitglied im Mannheim Sports Touring Club und daher auch Streckenposten beim 1967er Eberbacher Bergrennen im Neckartal. Für mich war es unheimlich spannend, von unserem Posten auf die Autos hinunter zu schauen. Der Lärm, der Geruch von Gummi und Benzin - es war einfach faszinierend!

Für welche Autos haben Sie sich denn besonders begeistert?

Für die kleinen 500er Puchs und 1.000er Abarths, das waren richtig schnelle Autos. Von den 1.300er Glas Coupés und den genialen Alfas ganz zu schweigen. Rückblickend schon seltsam, wie wenig es brauchte, um uns zu begeistern. Ganz im Gegensatz zu heute. Doch die Entscheidung, Rennfahrer zu werden, habe ich getroffen, als die richtigen Rennwagen - also Alfa GTA und ähnliche Modelle - den Berg hinauf rasten.

Es war sicherlich schwierig, sich als junger Mann den teuren Traum vom Rennsport zu erfüllen. Wie haben Sie das angestellt?

Die erste Frage war natürlich: Wie komme ich an ein Rennauto. Das Geld, um eines zu kaufen und zu unterhalten, war nicht vorhanden. Also musste ich jemanden finden, der mich dabei unterstützt, Rennfahrer zu werden.

Einfacher gesagt als getan.

Ganz genau, denn es warten keine Rennwagenbesitzer auf einen jungen Typen, der noch nie ein Rennen gefahren ist, und sagen: Klasse! Auf Dich haben wir gewartet, hier sind die Schlüssel, gib Gas! In meiner Situation war die einzige Möglichkeit, für den Besitzer eines Rennautos zu arbeiten. In meinem Falle war dies der Alfa-Händler Helmut Hähn in Mannheim. Hähn war nicht nur ein wichtiger Händler, er betrieb auch einen erfolgreichen Rennstall. Ich erinnere mich noch genau an den wunderschönen Alfa Romeo GTA, den damals Gerd Schüler und Reinhardt Stenzel fuhren - und später auch ein gewisser Jochen Mass. 

„Mensch, Du kannsch doch fahre!“

Wie ging es weiter?

Ungefähr einen Monat später kam Hähn zu mir und sagte in breitem Mannemerisch: Mensch, Du kannsch doch fahre! Ich sollte bei einem Rennen in Eberbach an den Start gehen. Ich fragte, mit was ich fahren solle, und hoffte natürlich auf den GTA. Doch es war die Giulia Super seines Steuerberaters, der nämlich im Urlaub war. 

Da war der Steuerberater bestimmt begeistert, dass Sie in seinem Privatwagen Rennen fuhren?

Das hat er erst Jahre später erfahren, als ich es ihm erzählte.

Hatten Sie später in Ihrer Laufbahn bei den Formel-1-Rennen oder in Le Mans noch Lampenfieber?

Lampenfieber kannte ich nicht. Allerdings gab es Situationen, bei denen ich vor dem Start Beklemmungen hatte. Gerade bei Formel-1-Rennen, wenn wir bei strömenden Regen über die Rennpiste schwammen. Aber Ich verließ mich immer völlig auf meinen Instinkt.

Ein Mann des Teams

Wenn Sie auf die ersten Jahre als Profirennfahrer zurückblicken, was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Teamplay. Du kannst Rennen nicht alleine gewinnen. Um im Rennsport erfolgreich zu sein - und das gilt für viele andere Lebensbereiche auch -, muss man sich ins Team einbringen. Ich konnte gut fahren, aber ohne gute Ingenieure oder Teamchefs hätte ich mit diesem Talent nichts anfangen können. Zu dieser Erkenntnis hat mich Hähn gebracht. Er konnte nie viel mit Einzelkämpfern anfangen.

Was würden ehemalige Weggefährten aus dem Rennsport über Sie sagen?

Ich glaube, sie würden sagen, dass ich ein guter Teamplayer war. Ich bin immer sehr loyal gewesen und habe mich mit den Teams, für die ich fuhr, immer gut verstanden. Ich erinnere mich an viele Gespräche mit den Mechanikern zwischen den Rennen. Dort kam immer wieder die Frage auf: Was unterscheidet uns denn schon voneinander? Ich fahre und ihr schraubt. Beide Seiten müssen ihren Job gut machen, nur dann lassen sich Rennen gewinnen.

Also gab es kein Kompetenzgerangel, weil man das gleiche Ziel verfolgte?

Es ist doch ganz einfach: Unser Leben ist wie ein schmales Förderband, auf dem wir durch die Zeit fahren. Links und rechts gibt es eine Haben- und eine Soll-Seite. Und das Schicksal entscheidet, auf welche Seite man fällt, bevor man dieses Band wieder besteigt. Bin ich nun etwas Besseres, nur weil ich ein Talent habe für das Rennfahren? Bestimmt nicht. Andere sind begnadete Ingenieure, und es ist die Symbiose zwischen diesen beiden Polen, die das Ganze ausmacht. 

Echte Haudegen

Spielfilme wie Rush oder auch Le Mans zeichnen ein Bild der Rennfahrer-Haudegen, die das Leben auf der Überholspur lebten. Haben Sie das auch so wahrgenommen?

Ganz klar, ja! Man darf nicht vergessen: Zu dieser Zeit war das Rennfahren eine lebensgefährliche Angelegenheit. Regelmäßig sah man Kumpel, mit denen man vor dem Start noch gescherzt hatte, nie mehr wieder, weil sie während des Rennens tödlich verunglückten. Über jedem von uns schwebte der Nimbus des mutigen, waghalsigen Typens. Und deshalb wurden wir anders wahrgenommen. Heute wird doch zu den Rennfahrern nur aufgeschaut, weil einige von ihnen stinkreich sind. Wir waren wichtig – nicht weil wir reich waren, sondern weil wir etwas taten, dass uns das Leben kosten konnte. Hinzu kam noch, dass viele natürlich gerne Rennfahrer geworden wären, dies aber aufgrund vieler Argumente nicht möglich war.

Und tatsächlich gab es auch für Sie einige tragische Momente.

Das ist richtig. Etwa der Unfall von Riccardo Paletti im Jahr 1982 kurz nach dem Start in Montreal, da war der Start noch an der Spitzkehre unten. Es ging los, ich war mit dem March unterwegs - und auf einmal tat sich auf der einen Seite eine Lücke auf - doch ich fühlte, die ist nicht für mich da. Irgendetwas stimmte nicht. Doch Paletti dachte, es wäre alles frei – man konnte schlecht sehen bei dem ganzen Reifenqualm, der beim Start entstand. Doch die Bahn war nicht frei: Riccardo fuhr mit Highspeed einem Ferrari hinten drauf und war sofort tot.

Das Rennen wurde damals nicht abgebrochen.

Darüber wurde gar nicht gesprochen. Paletti wurde weggebracht, die Strecke geräumt und ein Neustart ausgerufen. Das war damals so. Riccardo war ein junger Fahrer, der gerade erst seine Karriere gestartet hatte. Doch solche Vorfälle waren zu dieser Zeit fast schreckliche Normalität.

Die Formel 1 – damals und heute

Hat dieses Damoklesschwert, das über Ihnen und den anderen schwebte, zu einem engen Zusammenhalt geführt?

Also in Bezug auf Konkurrenzdenken?

Ja. Fühlte man sich eher verbunden?

Konkurrenz gab es immer, aber man hat sich - glaube ich - mehr geschätzt und respektiert, als heute.

Würden Sie heute gerne im Formel-1-Zirkus Rennen fahren?

Auf jeden Fall! Weill ich einfach gerne Rennen fahre. Und wenn ich so mit dem Rennsport aufgewachsen wäre wie Vettel und Co., dann würde mir auch das Mäusekino im Cockpit mit den ganzen Knöpfen nicht komisch vorkommen. Ich bin einmal, dass war 1994, in einem modernen Rennwagen gefahren: Es musste viel ausgebaut werden, weil ich schon etwas zu kräftig war. Das war unangenehm eng und auch etwas ungewohnt und anstrengend, aber das Auto war genial! Bereits in der dritten Runde war ich mit 347 km/h unterwegs. Da habe ich mir gedacht: Wenn Du doch die Uhr zurückdrehen könntest...

Ein sehr rasanter Gentleman

Wie ernst nehmen Sie Rennen wie die beim Goodwood Revival, bei denen Sie während Ihrer aktiven Zeit noch um Punkte gefahren sind?

Sehr ernst! Sie dürfen nicht vergessen, dass man dort extrem schnell unterwegs ist. Und das in wertvollen Einzelstücken, die einem von den Eigentümern anvertraut wurden. Und es macht einen sensationellen Spaß, mit den „alten Kisten“ um die Kurven zu driften.

Viele von den rennfahrenden Gentlemen nehmen das äußerst ernst.

Natürlich, weil sich viele von diesen Sammlern heute den Traum vom Rennfahren erlauben können. Ein Erlebnis, das ihnen in ihrem Leben aus welchen Gründen auch immer verwehrt blieb. Einige fahren im Übrigen sehr gut, andere haben mehr Glück als Talent. Aber im Großen und Ganzen ist das doch eine tolle Sache.

Was macht Jochen Mass in zehn Jahren?

Ich möchte das tun, was mir die Zeit und die Gesundheit erlaubt.

Fotos: Getty Images / Rex Features

Noch mehr über den Menschen Jochen Mass erfahren Sie im großen Interview, dass der Rennfahrer dem Credit Suisse Classic Car Programm gegeben hat.  

Die Serie „Racing Legends“, in der wir Ihnen die persönliche Seite berühmter Rennfahrer näher bringen, wird freundlich unterstützt von Credit Suisse.