Jo Bonnier, Gentleman Driver

Was ist ein Gentleman Driver? Jemand, so denken wir, der sich den Rennsport leisten kann – und das Talent besitzt, selbst den schnellsten Profis die Rücklichter zu zeigen. Jemand wie der ruhmreiche Schwede Joakim „Jo“ Bonnier.

„Jo Bonnier beherrschte die Kunst eines Lebens in Würde und ohne Extravaganzen“, so schrieb es Patrick McNally in einem Artikel für das Magazin „Autosport“. Tragischerweise war der 1972 erschienene Text ein Nachruf – Bonnier war kurz zuvor bei den 24 Stunden von Le Mans ums Leben gekommen. Zunächst hatte er das Rennen geführt, doch der Fahrfehler eines langsameren Fahrers war ihm zum Verhängnis geworden. Und zwar, so musste die Rennsport-Gemeinde mit Bestürzen feststellen, kurz bevor Bonnier nach 24 erfolgreichen Jahren seine Fahrerhandschuhe an den Nagel hängen wollte. 

Als Sohn eines Genetikprofessors an der Universität von Stockholm hatte Jo im Jahr 1930 das Licht der Welt erblickt. Schon als junger Mann war er gebildet, elegant und weltmännisch, er sprach sechs Sprachen fließend. Als er 1948 den Motorsport für sich entdeckte, lag ihm die Welt praktisch zu Füßen. Er begann als Amateur-Rallyepilot und Eisrennfahrer, doch schon bald zeichnete sich ab, dass der junge Schwede das Zeug hatte, den besten Rennfahrern der Welt die Stirn zu bieten. 1956 machte Bonnier seine Leidenschaft zum Beruf – denn nur als professioneller Fahrer konnte er an den wirklich spannenden Rennen teilnehmen.

Von Maseratis und gebrochenen Knochen

Er begann seine Profikarriere bei Maserati. Doch schon einer der ersten Einsätze in Imola kostete ihn beinahe das Leben: Nach diesem schlechten Start hatte Bonnier eine wilde Aufholjagd begonnen und pro Runde zwei Sekunden Abstand zum führenden Rennwagen wettgemacht, als ein langsamerer Fahrer ihn beim Überholen schnitt. Bei der immensen Geschwindigkeit war ein Bremsen oder Ausweichen unmöglich. Bonniers Maserati wurde in die Luft geschleudert, sein Helm berührte im Flug den Helm des anderen Piloten, dann wurde der Schwede glücklicherweise aus dem Cockpit katapultiert. Er trug Knochen- und sogar Wirbelbrüche davon, doch er war am Leben. Und so ambitioniert wie nie zuvor. Schon 1957 ging er in einem Maserati 250F für das Privatteam Scuderia Centro Sud an den Start. 

Den größten Triumph seiner Formel-1-Karriere erlebte Bonnier schließlich 1959, als er beim niederländischen Grand Prix in Zandvoort seinen BRM P25 an Jack Brabhams Cooper-Climax vorbeisteuern und als erster durch’s Ziel fahren konnte. Es war der erste Weltmeistertitel für BRM seit 10 Jahren – und der erste Sieg eines Schweden überhaupt. Jo Bonnier hätte ein Star werden können, doch die nächsten zwei Jahre waren geprägt von Ausfällen und Enttäuschungen.

Die einwandfreien Manieren eines echten Gentleman

Am Rande des F1-Zirkus kam Jo Bonnier zwar noch manchmal die Rolle des Auswechselfahrers für das BRM-Werksteam zu, doch meist sah man ihn in privat eingesetzten Rennwagen an den Start gehen. Zwischen 1966 und 1971 war er als Formel-1-Fahrer praktisch nur sich selbst Rechenschaft schuldig, und er konnte mit kaum konkurrenzfähigen Rennwagen wie dem Cooper-Maserati sogar einige Erfolge erzielen. Doch Bonnier hatte etwas besseres verdient – und fand es schließlich im Sportwagen-Rennsport, wo er zahllose wichtige Titel einsammelte, darunter zwei Siege bei der Targa Florio für das Porsche-Werksteam, 1960 und 1963. Mit Phil Hill gewann er 1966 in einem Chaparrel die 1.000 Kilometer am Nürburgring. Es war einer von vielen Siegen.

Jo Bonnier hatte die einwandfreien Manieren eines echten Gentleman. Er war höflich und charmant, dabei aber fast beängstigend direkt. Seine Fähigkeiten konnte er zuletzt von 1963 bis 1971 als Vorsitzender der Grand Prix Drivers’ Association unter beweis stellen. Er setzte sich mit großem Verve für die Verbesserung der Rennstreckensicherheit ein – und starb 1972 doch selbst mit 290 km/h in Le Mans. Es war ein furchtbarer Verlust. 

Fotos: Getty Images / Rex Features

Jo Bonniers Autobiographie 'Fast. Faster! The Fastest?' wurde 2012 anlässlich der Le Mans Classic vom Albert Bonniers Verlag in Zusammenarbeit mit Keith Gapp, EFG International und Stéphane Gutzwiller neu veröffentlicht.

Dieser Artikel ist Teil der Serie Gentleman Drivers,  die freundlicherweise von EFG International präsentiert und unterstützt wird.