Fashion is GREAT Britain: Aufstand in der Savile Row

Während in London die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele auf Hochtouren laufen, formiert sich in der vornehmen Savile Row eine geballte PR-Offensive der ansässigen Herrenschneider.

Unter patriotischem Motto: „Fashion is GREAT Britian“ brechen die Meister über Stoff und Faden eine Lanze für ihre eigene Zunft im Kampf gegen modische Peinlichkeiten und der Maß-Konfektion.

Verglichen mit einem guten Schneider aus der Savile Row, wirkt ein Banker aus der Londoner City geradezu schwatzhaft. Ganz gleich, welchen der Textil-Künstler der Kunde aufsucht und nach anderen Kunden und deren Vorlieben fragt, die Männer mit Maßband und Schere hüllen sich in einen Mantel der Verschwiegenheit. Dieser Nimbus des Geheimnisvollen wabert seit über zwei Jahrhunderten über den Ateliers im Herzen von Mayfair. Diese Diskretion ist Segen und Fluch zu gleich: Wohlhabende Kunden schätzen sie, andere fühlen sich von ihr eingeschüchtert.

 

Fashion is GREAT Britain: Aufstand in der Savile Row
Fashion is GREAT Britain: Aufstand in der Savile Row Fashion is GREAT Britain: Aufstand in der Savile Row

Die neue, von der britischen Regierung inszenierte Kampagne soll diese Schwellenangst potentieller Kunden etwas lindern. Kick-Off der über das Jahr verstreuten Aktionen war ein Tag der offenen Tür, bei dem Interessierten Einblick in die sonst verschlossenen Ateliers ein – wenn auch kurzer – Einblick gewährt wurde.

 

Stattet man dem Schneider Henry Pool & Co einen Besuch ab, so scheint es, als ticken die Uhren in der Savile Row in ihrer ganz eigenen Geschwindigkeit. Seit 1806 sorgen sich die fleißigen Herrenausstatter um das wohl der anspruchsvollen Kundschaft. Die versiegelten, mit schweren Ledereinbänden archivierten Kundenbücher lesen sich wie ein Almanach der wichtigsten Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts, versichert uns ein Mitarbeiter, denn selbst Überzeugen darf man sich nicht. Hier ist sie wieder, die Diskretion.

Auf großen Tischplatten aus Tropenholz liegen Schnitt- und Stoffmuster – letztere in feinsten Qualitäten. Die Schnittmuster sind das Ergebnis von insgesamt 27 Punkten, die es Bedarf um den Körper des erlauchten Kunden zu Vermessen. Hier findet auch der Zuschnitt der einzelnen Stoffteile des Anzugs statt, die später in Schneiderwerkstätten zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Über 50 Stunden Handarbeit stecken in einem maßgeschneiderten Dreiteiler, der selbst den unsportlichsten Körper ein elegantes Äußeres verleiht.

 

Fashion is GREAT Britain: Aufstand in der Savile Row
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Das Tragen eines Maßanzuges ist Ausdruck von Stil und dem Verständnis von Qualität. Auch wenn die relativ hohe Investition von 3.000 bis 4.000 Pfund Sterling auf den ersten Blick als überhöht empfunden wird, muss man sich folgendes ins Gedächtnis rufen: „Ein Savile-Row-Maßanzug hält im Schnitt zehn Jahre, das bedeutet eine jährliche Summe von 300 bis 400 Pfund Sterling. Das geben Sie heute für einen schlechten Anzug von der Stange aus“, sagt Anthony Rowland, Schneider bei Henry Poole.

 

Ein Preis von 3.000 bis 4.000 Pfund Sterling erscheint nicht zu hoch, wenn man bedenkt, dass Stangen-Modelle einschlägiger Modemarken oft in ähnlichen Preisdimensionen angeboten werden. Umso verwunderlicher ist es doch, dass nicht mehr Herren gutsitzende Maßanzüge tragen. Bei den vielen Mode-Peinlichkeiten. die einem täglich begegnen, würden sie sich selbst und ihren Mitmenschen einen großen Gefallen tun.

 


Photos: Classic Driver

The Savile Row Bespoke Association: savilerowbespoke.com

Norton & Sons: nortonandsons.co.uk

Gieves & Hawkes: gievesandhawkes.com

H. Huntsman & Sons: h-huntsman.co.uk

Richard James: richardjames.co.uk

Henry Poole & Co: henrypoole.com

Kilgour: kilgour.eu

The Burlington Arcade: burlington-arcade.co.uk